Derek Ridgers

78-87 London Youth

Damiani • 2014

Wer Jugendliche über viele Jahre hinweg fotografiert, der hält immer auch die Entwicklung von Kultur fest. Derek Ridgers, seit über 30 Jahren Fotograf, hat von 1978 bis 1987 Londons Jugend fotografiert. Er porträtiert dabei vor allem eine Jugend, die sich nach dem wirtschaftlichen Aufschwung, in einer von Rezession geprägten Gesellschaft orientieren muss. Derek Ridgers hält mit seinen Fotos fest, welche Strömungen diese Jahre prägten: Wie Punk zu Goth wurde, das Revival der Skindhead-Kultur, Oi, die Entstehung der Fetisch-Club-Szene und das, was man einst »New Romantic« nannte, sowie schließlich Acid House. Jeder Jugendliche, den der Fotograf Derek Ridgers abgelichtet hat, transportiert so gleich mehreres: Er steht für eine Szene, eine Musikrichtung und für spezielle Einstellungen. Man kann an ihnen sehen, wie sich Slogans veränderten; wie aus dem »No Future« der Sex Pistols das»not sure if you‘re a boy or a girld« von David Bowie wurde. Das alles lässt sich relativ präzise aus Kleidungsstil, Make-Up und Tattoos dechiffrieren. Doch Derek Ridgers gelingt dabei etwas Entscheidendes. Er schafft es, die Menschen als mehr zu zeigen, mehr als nur als Abziehbilder einer Bewegung. Weder Gesichtstattoos noch uniformhafte Kleidung können vor Derek Ridgers Auge das Innenleben der Darsteller verbergen. Vielleicht liegt das daran, dass der Fotograf einen Spagat versuchte: Einerseits wollte er dokumentieren, andererseits dabei nie die Subjektivität verlieren. Er sprach nur Leute an, die ihn persönlich interessierten, die er ein Stück weit selbst gerne hätten sein wollen. Vielleicht sind aus dieser Haltung der Demut Fotos entstanden, die oberflächlichen Szene-Codes individuelle Gefühle entgegenstellen. So verwundert es fast, dass John Maybury in seinem Vorwort das Buch in Tradition von August Sanders »People Of The 20th Century« stellt. Denn währen August Sanders an einer Typisierung und Kategorisierung interessiert war, betont Derek Ridgers viel mehr die Individualität, während man erst jetzt, im Nachhinein, kategorisieren kann. »78-87 London Youth« bleibt bis auf das Vorwort wortlos. Damit enthält uns Derek Ridgers einerseits Anekdoten vor, andererseits wird er so seinen Motiven gerecht: Worte waren in dieser Zeit des exzessiven Hedonismus und der gleichzeitigen Überforderung ohnehin keine Hilfe. Einem Aspekt allerdings wird der Fotograf nicht gerecht. Er grenzt einen Teil der Jugend aus. Die »Normalos«, selbst im Vorwort als solche beschrieben, haben nicht den Weg in das Buch gefunden. Sie hätten wichtige Kontraste bilden und dabei helfen können, das Bild der Londoner Jugend differenzierter darzustellen. An Wirkungskraft büßt der Bildband dadurch nicht ein.