Julia Holter macht sehr sonderbare Musik, die sich sonderbar vertraut anfühlt. Indem sie das Altertümliche mit der Avantgarde vermischt, schafft sie zeitliche Anomalien. Da nimmt es kaum wunder, dass sie ihr neues Album um zwei neue Versionen eines alten Songs herum aufbaut. Materia war – zumindest für ihre Verhältnisse – eine eingängige, von Hildegard von Bingen inspirierte Klavierballade. Die Art von Song, der um 3 Uhr morgens mit einem Whiskey gut runtergeht. Sie selbst sah aber noch mehr darin.
Die erste der beiden Neuinterpretationen auf Materia greift die jazzigen Untertöne des Originals auf, ergänzt sie um schlängeligen Fretless-Bass, zarte Klarinettentöne sowie subtile und doch komplexe Rhythmen, wie sie die besten ihre Songs untermalen. Holters Stimme schwebt wie ein Paradiesvogelschwarm über alledem in vervielfachter, harmonisierender Form. Die zweite Neuinterpretation verlangsamt das Original und transponiert es in eine andere Stimmlage – chopped’n’screwed, Holter style.
Eingebettet werden sie in eine Platte, die weniger wie ein Album und eher wie eine spontane Compilation wirkt. Abgesehen vom – zumindest für ihre Verhältnisse – eher konventionellen Opener widmet sich Holter auf Materia in flüsterndem Jazz-Post-Rock, verwaschener New Waviness, einem unheimliches Stück für Solo-Chor und Synthesizer sowie einer Art Ambient-Wiegenlied à la Visible Cloaks. Kohärent ist Materia nicht, ihre beste Platte auch nicht. Dafür aber eine ihrer interessantesten.

Materia

