Review

Lost Girls

Selvutsletter

Smalltown Supersound • 2023

»Like people constantly not bumping into each other / as if the world actually doesn‘t want us to hurt each other«, besingt Jenny Hval im Opener eine »choreography of living«, was bereits als exzellentes Beispiel für die tiefsinnig verworrenen, aber immer neuen Wege dient, die die norwegische Musikerin und Schriftstellerin in Sound und Text sowohl in der Theorie, als auch in der Praxis geht. So auch auf »Selvutsletter«, dem zweiten Album, das sie und ihr Lebensgefährte, der Gitarrist Håvard Volden, als Lost Girls bei Smalltown Supersound vorgelegt haben. Zu treibenden Beats und flackernden Riffs wird wieder der Abneigung gegen gängige Songstrukturen gehuldigt, etwa wenn der hochkochende, nicht wenig an Tangerine Dream erinnernde Dance-Track »Jeg Slutter Meg Selv« sich an seiner mitreißendsten Stelle langsam zurückzieht. Oder wenn im knapp 10-minütigen »Seawhite« mikrotonale Synths auf alienartige Geräusche und traumwandlerische Vocals treffen. Dass das Duo in unterschiedlichen Räumen komponiert, indem es sich die Audio-Entwürfe hin- und herschickt und erst am Schluss gemeinsam ausarbeitet, ist den Songs als eigentümliche Unmittelbarkeit anzumerken: Sie klingen wie die ausformulierte Wahrnehmung von Bewegung zwischen Raum und Zeit. Dabei kann der Eigensinn von Hval und Volden gleichzeitig avantgardistisch und sehr eingängig sein, wie etwa »With the Other Hand« beweist. Das Riff des Songs dachte sich Volden als eine Hommage an Leonard Cohen. Dadurch, dass Hval mit ihren betörenden Vocals die Hörerschaft schon für sich gewinnt, bevor das Riff einsetzt, vollzieht der Song mal eben eine feministische Weiterentwicklung der Romantik, für die Leonard Cohen steht.