Patrice Rushen

Straight from the Heart

Strut • 2021

Die englische Wikipedia führt eine Liste von signature songs, also Lieder, die stellvertretend für das Werk einer MusikerIn stehen. »Stan« von Eminem ist dort enthalten oder auch »Light My Fire« von The Doors. Patrice Rushen ist zwar nicht aufgeführt, doch mit ihrem Evergreen »Forget Me Nots« und dem dazugehörigen Album »Straight from the Heart« hat die R&B-Sängerin und Jazzpianistin 1982 gleich mehrere Haken auf der To-Do-Liste für heutige Pop-Standards vorweggenommen. Nämlich Groove, Grenzen und Geschäftssinn. Nach drei Jazz-Alben hatte Rushen auf der ’78er LP »Patrice« zunächst einen knallharten Imagewandel zu R&B vollzogen, der ihr im traditionellen Hardliner-Metier Jazz nicht unbedingt Wohlwille entgegenbrachte. Fünf Jahre später war »Straight Form The Heart« vordergründig zwar ein zeitgemäßes Post-Disco-Album mit R&B-Grooves, Dance-Beats und Synth-Pop-Harmonien, doch hatte ihr Label Elektra Vorbehalte, es gäbe keine Hits. Rushens Reaktion – in times of DIY wirkt das heute fast langweilig – ist damals Neuland: Sie zahlt die Promo aus eigener Tasche und wird am Ende mit einer Top-20-Platzierung und zwei GRAMMY-Nominierungen belohnt. Das macht »Straight From The Heart« zu einem Vorläufer des Interpreneurs, also einem Hybridwesen aus Interpretin, Produzentin und Unternehmerin. Abgesehen davon, dass Anita Baker, Sade oder auch En Vouge sich großzügig vom musikalischen Repertoire aus Slap-Bass-Funk, Soul-Süße und E-Piano-Strukturen inspirieren ließen. Oder auch, dass die Synthesizer-Motive von »Remind Me« oder »Where There Is Love« die DNA des Bad-Boy-Records-Katalogs und damit irgendwie des Hip-Hop und R&B der Neunziger vordefinierten. Entgegen der Mission von Will Smith und dem dreisten Sample auf »Men In Black« bleibt das in zeitloser Erinnerung.