Was passiert, wenn eine der spannendsten Stimmen des experimentellen R&B ein Gitarrenalbum macht? Bei Kelela lautet die Antwort nicht Genrebruch, sondern Erweiterung. Seit ihrem Debüt Take Me Apart verbindet die US-amerikanische Sängerin virtuose Vocal Runs mit futuristischen elektronischen Entwürfen – und bleibt dabei konsequent schwer einzuordnen. Auf New Avatar erweitert sie dieses Koordinatensystem nun um Shoegaze-Ästhetiken und Alternative-Rock-Referenzen.
Eine Entwicklung, die weniger überraschend ist, wenn man Kelelas musikalischen Hintergrund betrachtet: Bevor sie mit experimentellem R&B bekannt wurde, bewegte sie sich in der Indie- und Punk-Szene Washington, D.C.s. Spannender ist vielmehr, wie selbstverständlich diese Elemente in ihren aktuellen Sound einfließen. Bestes Beispiel ist »goin down«, das verzerrte Gitarrenflächen mit gewohnt samtigen R&B-Vocals verbindet. Wer sich damals in der Identitätsfindung nie zwischen Aaliyah und Nirvana entscheiden konnte, findet hier vielleicht endlich Frieden.
Gleichzeitig bleibt ihre Affinität zur Clubmusik ungebrochen: »don’t piss me off« arbeitet mit Drum’n’Bass-Rhythmen, während »the bridge« Garage in Dream-Pop-Sphären trägt. Doch new avatar versteht sich weniger als Ausflug in fremde Genres, sondern als Erinnerung daran, dass diese Trennlinien ohnehin künstlich sind und das Genre R&B notorisch unterschätzt wird, wie die Künstlerin selbst kürzlich in einem Interview behauptete. Damit bleibt new avatar unverkennbar Kelela: futuristisch, queer-feministisch und tief in Schwarzer Musikgeschichte verwurzelt.
New Avatar Black Vinyl Edition

