Review

Six Organs Of Admittance

Time Is Glass

Drag City • 2024

»Time Is Glass«, philosophiert Ben Chasny und greift in die Saiten seiner Gitarre. Und doch fühlt sich das Album des amerikanischen Musikers tatsächlich so an, als könne man plötzlich Vergangenheit und Zukunft in einer gesunden Resonanz glasklar sehen. Eben noch der Waldspaziergang mit der ersten Liebe, im nächsten Moment breiten sich alle möglichen Zukunftswünsche vor dem inneren Auge aus. Träume aus der Ferne. Sehnsucht nach dem, was wir so nah und intim unsere Vergangenheit nennen. Chasny könnte damit einen Nerv getroffen haben: Melancholie ist die Akzeptanz der Vergänglichkeit. Der nostalgische Mensch ist auch nur die seltsame Projektionsfläche einer Zeit, in der die Gegenwart überpräsent ist. Kein Wunder also, dass der Sound von Six Organs of Admittance seltsam alt wirkt. Abgesehen davon, dass der folkige Musiker schon seit zwanzig Jahren produziert, liegt in Time is Glass” vielleicht auch eine Melancholie, mit der wir uns nicht auseinandersetzen wollen. In neun Tracks wird sie zerlegt, um dann in einem Zeitvakuum zurückzubleiben. Oder vielleicht ist es eher ein Kokon, aus dem man nicht in die kalte Realität schlüpfen möchte. Jedenfalls zerbricht das Glas, wenn die achtunddreißig Minuten vorbei sind.