Review

Svitlana Nianio

Transilvania Smile (1994)

Shukai • 1994

Svitlana Nianio ist sehr umtriebig und ein bisschen mysteriös. Ihre musikalische Laufbahn nahm vor dem Fall des Eisernen Vorhangs in der Szene für experimentelle Musik in Kyiv ihren Auftakt, unter anderem als Mitglied der Gruppe Cukor Bila Smerť. Mitte der 1990er- Jahre startete sie ihre Solo-Karriere und arbeitete über lange Zeit mit dem im Jahr 2020 verstorbenen Musiker und Instrumentenbauer Oleksandr Yurchenko zusammen, dem das Muscat-Sublabel Shukai vor Kurzem eine Retrospektive widmete. Ihr letztes Album mit Yurchenko, »Lisova Kolekciya«, erschien im Jahr 2017 auf Skire und wurde soeben neu aufgelegt. Gutes Timing, macht Shukai doch mit »Transilvania Smile (1994)« ihr bisher unveröffentlichtes Solo-Album verfügbar. Die sieben Stücke entstanden während eines Deutschlandaufenthalts im Rahmen einer Kollaboration mit einer Kölner Tanzgruppe, funktionieren aber auch losgelöst von diesem Kontext wunderbar. Nianio, bürgerlich eigentlich Ohrimenko, knüpft an Klavier und Harmonium sowie mit hoher Kopfstimme anscheinend an folkloristische und kirchliche Liedtraditionen an, gibt ihnen aber ähnlich wie die ebenfalls aus Ukraine stammende Sängerin Mariana Sadovska oder das belgische Duo Lilly Joel im Rahmen seiner Hildegard-von-Bingen-Adaptionen einen dezidiert avantgardistischen Anstrich. Verklärt und doch formstreng, ätherisch und doch emotional direkt, mal fröhlich-hüpfend und dann wieder melancholisch-getragen: Mit wenigen Mitteln schafft Nianio in diesen sieben Stücken viele Anknüpfpunkte. Art-Folk-Pop ließe sich das Ergebnis nennen, das wunderbar produziert und angesichts des grassierenden Chamber-Pop-Revivals für ein fast 30 Jahre altes Album verblüffend zeitgeistig klingt. Auf Shukai bleibt Verlass.