Review

Thievery Corporation

The Temple Of I & I

ESL • 2016

Wie lange ist es eigentlich schon her, dass ein neues Album von Thievery Corporation für Aufsehen gesorgt hat? Die beiden Herren mit den gut sitzenden Anzügen waren vor 20 Jahren angetreten, die Welt an ihrem feinen Musikgeschmack teilhaben zu lassen. Ihr von Dub, Hip-Hop und Bossa Nova inspirierter Sound gehörte zum innovativsten, was das Downbeat- und Lounge-Genre Ende der Neunziger, Anfang der 2000er zu bieten hatte. Rob Garza und Eric Hilton gehörten auch zu den ersten, die es verstanden, Afrobeat und indische Harmonien mit diesem Genre zu verweben. Doch seit sich die Lounge-Erzählung gegen Mitte des letzten Jahrzehnts auserzählt hatte, glitten auch Thievery Corporation mehr und mehr in die Irrelevanz ab. Mit »Radio Retaliation« 2008 und »Culture Of Fear« 2011 wurden sie politisch noch expliziter als zuvor und meinten, mit einem erhöhten Anteil an Dub und Reggae auch die dazu passende musikalische Ausdrucksform entdeckt zu haben. Spannend war dies aber keineswegs, die musikalische Anziehungskraft der Thievery Corporation nahm eher ab. Dadurch bekam kaum jemand mit, dass ihnen 2014 mit »Saudade« eine handfeste Überraschung gelang. Darauf besannen sich Garza und Hilton auf ihre Liebe zu brasilianischen Rhythmen und Stimmungen und machten es durch Live-Instrumentierung zu einem außergewöhnlich organischen Album im Thievery-Kosmos. »The Temple Of I & I« soll nun eine Reise zurück zu den Dub- und Reggae-Einflüssen sein, aufgenommen in Jamaika und mit einem Artwork versehen, das dies unmissverständlich unterstreicht. Doch was hier die ersten zwei Drittel des Albums geliefert wird, hat viel weniger mit Dub zu tun als mit dem klassischen Thievery-Corporation-Sound der frühen 2000er. Laid back Lounge ohne große Ecken und Kanten, wie er bei dem Duo aus Washington D.C. über all die Jahre ja auch nie ganz verschwunden war. Ein Track wie »Let The Chalize Blaze« ist Chill-Out auf hohem Niveau und Kandidat für zukünftige Best-Of-Alben, der große Rest dann aber doch eher Mittelmaß in einem Genre, von dem niemand mehr viel erwartet. Die Jamaika-Referenz kommt dann erst im letzten Drittel zum Zug, mit Reggae- und Dub-infizierten Tracks, die so, naja, auch schon vorher da waren. Sie machten die Musik des Duos auf »Radio Retaliation« und »Culture Of Fear« nicht unbedingt interessanter, sie tun es auch heute nicht.