Review

Umeko Ando

Upopo Sanke

Pingipung • 2003

Die Ainu sind eine indigene Bevölkerungsgruppe, die lange nicht als solche galt. Zumindest in Japan, in dessen Norden sich die größten Teile der verstreuten Ainu-Bevölkerung aufhalten, dauerte es bis ins Jahr 2008, bis sie politisch offiziell als eigene Ethnie mit distinkter Kultur anerkannt wurde. Und dann noch einmal elf weitere Jahre, bis sich die japanische Regierung gesetzlich der Unterstützung und Förderung von Ainu-Kultur verschrieb. Das Land ist eben nicht einfach nur ein kunterbuntes Neonparadies, sondern zugleich ein straff autoritär organisierter Ethnostaat, der eine Vergangenheit als Kolonialmacht hat. Umeko Ando starb im Jahr 2004 und erlebte nicht mehr, wie die von ihr im Verbund mit Oki Kano oder auch von den Schwestern Kapiw&Apappo gepflegten Musiktraditionen der Ainu, die zuletzt auch die aus Hokkaidō stammende Hatis Noit in ihrem vielschichtigen Vocal-Collagen aufnahm, die lang verwehrte Anerkennung erhielten. Oder wie sich um ihre Musik dank eines Hamburger Labels ein veritabler posthumer Hype entfachte. Im Jahr 2017 legte Pingipung mit »Ihunke« eines ihrer kurz vor ihrem Ableben veröffentlichten Solo-Alben neu auf und stieß damit jenseits der Zirkel für sogenannte Weltmusik ein neues Publikum auf den aufreibenden Mix aus ihrem Spiel der Mukkuri (ein sogenanntes Idiophon, vergleichbar mit einer Maultrommel), ihrem idiosynkratischen Gesang, komplexen Grooves und dubbigem Sound-Design. »Upopo Sanke« erschien ursprünglich zwei Jahre nach »Ihunke« und damit einem Jahr vor Andos Krebstod, und verzeichnet neben Kano an der Tonkori-Harfe und dem Frauenchor Marewrew noch eine Reihe anderer Musiker:innen in seinen Credits. Es ist das Destillat der gemeinsamen Arbeit einer stetig schrumpfenden Gemeinschaft, deren Sprache und Traditionen in zeitgenössischer Form dokumentiert wurden und so Vergangenheit, Zeitgeist und Perspektiven in sich vereinen. »Upopo Sanke« ist ein durch und durch faszinierendes Album, wunderbar komplex und doch leichtfüßig. Schöner klang der Widerstand gegen das Verschwinden nur selten.