Review

Vladislav Delay

Whistleblower

Keplar • 2023

Als »Whistleblower« im Frühjahr 2007 erschien, kannte noch niemand Namen wie Assange, Snowden oder Manning. Erst drei Jahre später waren sie in aller Munde, stilisiert zu Helden eines neuen investigativen Journalismus, zu Kämpfern für Transparenz und Kontrolle problematischer Machtstrukturen. Heute ist das leider längst vorbei, die Akteure vergessen, ignoriert, weggesperrt und totgeschwiegen. Damit es dem Album von Vladislav Delay nicht ähnlich ergeht, erscheint nach »Multila« und »Anima« nun auch dieses wichtige Werk im Schaffen von Sasu Ripatti als Reissue, für die der Finne alternative Versionen der Tracks neu abgemischt hat. Der klangliche Fokus verschiebt sich mit diesen sieben Tracks etwas weg von abstrakten, atmosphärischen Texturen hin zu mehr Struktur, subtilen Rhythmen und einem direkteren künstlerischen Ausdruck. Auch durch den verstärkten Einsatz von Dub-Produktionstechniken werden Tracks wie »He Lived Deeply« oder »Wanted To (Kill)« zu herausfordernden Hörerlebnissen, die sich nicht mehr nur als Soundtrack für ASMR-Videos eignen. Produziert in Berlin, wo Ripatti zu dieser Zeit harte Zeiten und viele Umbrüche durchleben musste, klingt »Whistleblower« mal melancholisch und desillusioniert, dann wieder nach Aufbruchsstimmung. Passend dazu begann Ripatti in dieser Zeit seinen ausschweifenden Lebensstil zu ändern und wurde Vater einer Tochter, der er den Track »Lumi« widmete. Dieser Wille, etwas am gesellschaftlichen oder persönlichen Status Quo zu ändern, verbindet »Whistleblower« letztlich doch ein wenig mit den namensgebenden Aktivisten.