FloFilz – Idylle jenseits der Cloud

29.08.2016
Foto:Robert Winter
Schlafzimmer-Studio, Soundcloud, HipHop: FloFilz Rahmenbedingungen hätten ihn auch zu einem Cloud-Rap-Produzent machen können. Dass er das nicht wurde, könnte daran liegen, dass ihn wolkenlose Himmel dafür zu sehr inspirieren.

Florian M., gelernter Violinist, entschließt 2012 im beschaulichen Aachen sein Musik-Studium zu schmeißen. Und Streichbogen und Notenblätter gegen Software und Drummachine einzutauschen. Als sich quasi zeitgleich eine zweite Beat-Generation um Namen wie Wun Two Knowsum und Bluestab auf den Schultern der Brenks Suff Daddys und Dexters emanzipiert, verfällt auch der gebürtige Ruhrpottler der Suche nach dem perfekten Beat. Madlib, Pete Rock oder J Dilla, aber eben auch Dexter und Hubert Daviz nennt er als Auslöser, ebenfalls »jazz sample based oldschool shit from germany« machen zu wollen, wie der 20-Something seine Werke auf seinem Soundcloud-Account nennt.

Dort lädt er auch »Gitdown« hoch, der Song wird ein Überraschungshit. Plays im sechstelligen Bereich sowie 47.000 Abonnenten später ist FloFilz nicht nur Signing der Kölner Beat-Liebhaber von Melting Pot Music sondern zählt nach fünf LP-Releases zu den Champions-League-Producern der hiesigen Beat-Szene. Ganz ohne Trap, Cloud oder andere ADHS-Genres. FloFilz macht klassischen HipHop.

Ästhetische Instinkte
Womöglich liegt es an seiner musikalischen Herkunft, dass der Sohn zweier Berufsmusiker sich nicht vorgeblich zeitgeistlicher 808-Anbiederung unterwirft, sondern seinem ästhetischen Instinkt folgt. Wo vor einigen Jahren noch die Sound-Spielkinder der Brainfeeder-Blase durch die Blogosphäre glitchten, googelt heute die Generation Turn-Up nach dem nächsten Metro-Boomin-Tutorial – FloFilz bleibt aber in seinem Happy Place, dem gesampelten Loop. Sowohl sein Albumdebüt »Metronom« als auch das anstehende »Cenário« stützen sich auf das organische Fundament von Raps goldenen Tagen der 1990er, in FloFilz Komfortzone ist kein Platz für schnelle Trends. Die geschmackvollen Bildchroniken von Robert Winter, die seinen Alben beiliegen, ergänzen die unaufgeregte Ästhetik. Beide Platten leben von leichtfüßigen Loops in behaglicher Crate-Digger-Kulisse.

Doch musste FloFilz für seinen warmen Instrumental-Korpus nicht erst mühselige Sample-Recherche in den Archiven seiner Vorbilder betreiben, weil: Musik hört er sowieso und ein gutes Sample ist ein gutes Sample ist ein gutes Sample. Egal, wo’s herkommt.

»Wenn man ein gutes Sample findet, ist das schon die halbe Miete.«

FloFilz
»Ich höre einfach gerne Jazz und wenn ich über etwas stolpere, was mir besonders gut gefällt und von dem ich denke, dass man da was Schönes draus basteln könnte, lege ich los.« Auch wenn der Musikstudent zweifellos über das Knowhow zur Eigenkomposition verfügt, mag es der Wahl-Kölner unkompliziert: »Wenn man ein gutes Sample findet, ist das schon die halbe Miete.«_

Auch bei »Cenário« verfällt FloFilz nicht in eine musikalische Handwerker-Mentalität, nur um der Kritik an der angeblich mangelnden Kreativität eines unbearbeiteten Samples entgegenzusteuern. Was sich loopt, das loopt sich. »Klar, wenn du mit Samples arbeitest, kannst du nicht so viel an der Grundmaterie ändern – außer du spielst noch Sachen dazu ein. Auf dem neuen Album habe ich aber auch einen Track mit meiner Geige ergänzt zum Beispiel, das war aber eher gejammt.« Seine Kommilitonen, Professoren und Kollegen im Orchester zeigen sich ebenso beeindruckt von FloFilz’ Zweitjob – Geringschätzung oder die künstliche Unterteilung von E- und U-Musik sind auch diesseits der Wave-Spuren fremd: »Mein Geigenprofessor hatte zwar keine Ahnung, was auf meiner Platte genau passiert, aber er mochte es.« Es ist die Magie der Unscheinbarkeit, die FloFilz Beats auch schon bis in den Londoner Boiler Room trugen – HipHop bleibt eine Weltsprache.

Die Idylle des Instrumentals
Überhaupt versteht sich der 25-jährige aufs Understatement. Das Schicksal, dass eine liebevoll ausproduzierte Instrumental-LP zur Hintergrundbeschallung verkommt, findet er überhaupt nicht tragisch: »Das ist doch oft so bei Instrumental-LPs. Natürlich ist es cool, wenn jemand das Album wenigstens einmal aufmerksam durchhört. Solange die Leute es gerne hören, auch im Hintergrund, finde ich das nicht schlimm.« Der idyllische Barjazz-Bap will das bunte Treiben der urbanen Peripherie nur beobachten, nicht beschlagnahmen.

So reiste er für »Metronom« mit dem Fotografen Robert Winter nach Paris, der Stadt der Liebe. »Cenário« instrumentiert die sonnige Atlantik-Aura der einst prunkvollen Hafenmetropole Lissabon, die sich auch Stadt des Lichts nennt. Das Fernweh, ja das unstillbare Verlangen der Entdeckung, ist eine Grundsäule in FloFilz’ Musik: »Ich glaube, meine Inspiration ist größer, wenn ich unterwegs bin. Du nimmst halt sehr viele Eindrücke und Ideen mit. Ich finde es cool, sich mal komplett auszuloggen.« Ähnlich wie seine detaillierten Connaisseur-Kompositionen, schwelgt auch er gelegentlich in der Schönheit der Simplizität. »Als wir am Flughafen in Lissabon landeten, hat es in Strömen geregnet. Doch als Olski [Oliver von Felbert, Gründer von MPM, Anm.d.Red], Robert und ich gerade ins Taxi gestiegen waren, kam plötzlich die Sonne aus der Wolkendecke. Der Fahrer hat dann das Radio angemacht und es lief tatsächlich ein Bossa Nova-Track, während wir die Palmen am Straßenrand an uns vorbeizogen. Das war ein gutes Gefühl.« Nein, so naturliebend und selig unter wolkenlosem Himmel wird man kein Cloud Rap-Producer mehr.