Britische Pop-Musik war zuletzt ziemlich langweilig. Wirtschaftliche Krisen, soziale Unzufriedenheit und politische Instabilität haben den vormaligen Motor internationaler Popmusik nicht etwa heißlaufen lassen: Sie haben Oasis zurückgebracht. Doch unter der retromanischen Oberfläche (die Gallagher-Reunion ist bei weitem nicht das einzige Phänomen) brodelt es.
Der von Clubmusik inspirierte Alt-Pop von Mica Levi und Tirzah hat Schule gemacht. Moin samt Schlagzeugerin Valentina Magaletti zeigen sich ebenso produktiv wie innovativ. Still House Plants haben sich mit krachigem Emo-Jazz-Rock und Daniel Blumberg mit erratischem Songwriting jeweils einen Namen gemacht. Obwohl sich diese Künstler:innen und Bands in vielerlei Hinsicht unterscheiden: Dahinter stehen ähnliche Konzepte.
Ihre Musik zeichnet sich durch formale Reduktion aus und wendet zugleich Produktionsmethoden aus fremden Genres und/oder Improvisationstechniken auf konventionelle Klangästhetiken und Musikformen an. Das stellt sie in eine Linie mit der Post-Punk-Bewegung, obwohl der Begriff heute ganz anders verwendet wird. Sie lassen den Geist von Post-Punk wieder aufleben, statt ihn als musikalischen Stil zu imitieren.
Post-Punk: Ein Genre, das keins war
Im Buch Rip It Up and Start Again definiert Simon Reynolds den Unterschied zwischen Punk und Post-Punk anhand der jeweiligen Reaktion auf den Dinosaurier-Rock ihrer Zeit. Ersterer lieferte eine »destruktive Antwort auf Langeweile«, letzterer eine »konstruktive«. Post-Punk verband die DIY-Ethik des Punk mit einer »Alles ist erlaubt«-Attitüde und stellte so die Grundfeste von Rockmusik infrage. Deshalb bezieht sich der Begriff auf so unterschiedliche Bands wie Joy Division und The Pop Group, The Slits und This Heat, The Raincoats und The Fall.
Post-Punk war also eher eine Situation als ein Genre. Ab Anfang und Mitte der 2000er-Jahre reproduzierten aber verschiedene Bands: das Genre. Damit haben sie »den Post-Punk verraten, dessen Leitidee es war, sich nicht der Vergangenheit zuzuwenden«, kommentierte Reynolds. Franz Ferdinand (Orange Juice), Editors (Joy Division) oder die Arctic Monkeys (Gang of Four) klangen aber umso retromanischer, weil sie sich auch noch an einigen der rockigsten Vertretern des Post-Punk orientierten.
Diese Geschichte wiederholte sich als Farce, als in den 2010er-Jahren Bands auftauchten, deren Ästhetik sich auf einzelne Songs von The Fall zurückzuführen ließe, darunter Yard Act (»New Big Prinz«), Dry Cleaning (»Winter«) und Idles (»Totally Wired«). Andere, oft im selben Atemzug genannte Bands wie Squid, black midi oder Black Country, New Road hatten mehr mit Prog gemeinsam: Sie gaben sich nicht dem »freudvollen Amateurismus« hin, den John Peel im Post-Punk hörte, sondern waren ernsthaft professionell.
Zwischen diesen beiden Revival-Bewegungen aber kamen Künstler:innen auf, die ebenso DIY-orientiert wie kompromisslos experimentell vorgingen. Sie wenden sich nicht der Vergangenheit, sondern treten in einen Dialog mit ihrer Gegenwart. Ihre Antwort auf die Langeweile der heutigen Zeit ist ebenso konstruktiv wie instruktiv.
Mica Levi und Tirzah: Produktion als Songwriting
Mica Levi wuchs mit UK Garage und Grime auf, debütierte jedoch mit einer Gitarre in der Hand. Levi, Marc Pell und Raisa Khan machten sich 2009 als Micachu & The Shapes mit dem Album Jewellery am langen Ende des ersten Post-Punk-Revivals und inmitten des Indie-Dance-Booms der 2000er-Jahre einen Namen. Anders als andere Gruppen suchten sie nicht der Vergangenheit nach Inspiration und versuchten auch nicht, röhrenhosige Rockfans auf den Dancefloor zu locken. Ihre Bezüge auf Clubmusik waren struktureller Natur.
»Jede:r in der Band ist in erster Linie Beatmaker:in«, sagte Levi 2011 in einem Interview. Ähnlich wie verdubbte Post-Punk-Legenden wie The Pop Group oder The Slits das Tonstudio nutzten, verwendeten Micachu & the Shapes – mittlerweile unter dem Namen Good Sad Happy Bad aktiv – den Laptop als Schreibwerkzeug. Sie ließen somit Rock-Songstrukturen hinter sich, an denen die meisten ihrer Zeitgenoss:innen weiter festhielten, und behandelten ihre Instrumente als Klangerzeuger. Sie versuchten gar nicht erst, sie so gekonnt wie möglich zu spielen.
Die Bands sind ein Gegengewicht zum »Streambait-Pop« der 2010er-Jahre – happysad Songs auf Midtempo-House-Beats –, wie er die Streamingplattformen dominiert.
Diese anti-rockistische Haltung wurde von Levi noch weiter vertieft. Obwohl der Name mittlerweile von vielen in erster Linie mit Soundtracks für Filme wie »Under the Skin« in Verbindung gebracht wird, hat Levi vor allem die Zusammenarbeit mit Tirzah als Indie-Innovator:in etabliert. Das Tirzah-Debüt Devotion zeichnete sich durch einen Fokus auf Reduktion und Repetition aus, was in einer Abkehr von konventionellen Songstrukturen mündete, aber nicht das emotionale Potenzial von Pop ausradierte.
Dieser Ansatz hallt sowohl auf dem Debütalbum Affectionately vom Good-Sad-Happy-Bad-Mitglied Raisa K. wie auch auf Great Doubt von Astrid Sonne aus dem Jahr 2024 und You Are Always On My Mind von OHYUNG nach. Während die Innovationen von Levi und Tirzah zur Formel wurden, reduzierte das Duo diese in Trip9love...??? aus dem Jahr 2023 noch weiter auf ihre Essenz: Der Großteil des Albums kommt mit nur einem einzigen Beat aus.
Um ein neues Konzept handelt es sich dabei nicht, vielmehr verband das Duo eine bestehende Tradition aus dem Dancehall und anderen Genres mit seiner neuen Form des Pop-Songwritings. Damit positionierten die beiden sich endgültig als Gegengewicht zum »Streambait-Pop« der 2010er-Jahre – happysad Songs auf Midtempo-House-Beats –, wie er die Streamingplattformen dominiert. Die Antwort von Levi und Tirzah darauf war konstruktiv, weil sie das Prinzip auf seine Essenz reduzierten und so etwas Neues schufen.
Moin und Valentina Magaletti: Das Prinzip der Collage
Ähnlich wie Micachu & The Shapes waren Joe Andrews und Tom Halstead in erster Linie Beatmaker, bevor sie sich zu einer Band entwickelten und doch den Laptop aufgeklappt ließen. Wie Levi debütierte das Duo Ende der 2000er-Jahre und veröffentlichte als Raime nach einer Reihe von EPs 2012 sein gefeiertes Album Quarter Turns over a Living Line. Der düstere Sound des Duos war zwar hauptsächlich von Industrial- und Clubmusik inspiriert, integrierte aber auch Live-Instrumente.
Im selben Jahr debütierten Halstead und Andrews als Moin mit einer EP und einer Split-Veröffentlichung mit Pete Swanson. Die Ästhetik dieses Projekts war umso reduzierter, die Schlüsselelemente bestanden aus Midtempo-Drumming, dröhnenden Gitarren und ominösen Vocal-Samples. Inspiriert von Math Rock und Post-Hardcore sowie, ja, genau, Post-Punk, ahmten sie keinen dieser Stile wirklich nach. »Im Grunde sind sie einfach wie Dance-Musik strukturiert«, sagte Andrews über die Songs der Gruppe.
Ähnlich wie Levi zuvor konstruierten Moin ihre Not-Quite-Rock-Songs wie Plattenproduzenten statt wie jammende Instrumentalisten und arbeiteten mit Samples, anstatt Songs im Proberaum zu schreiben. Darin spiegelte sich die Vorgehensweise der Post-Punk-Pioniere This Heat, die ihre Songs aus unterschiedlichen Aufnahmen zusammencollagierten, ebenso wider wie ihr Arbeitsprozess als Raime.
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Es überraschte daher kaum, dass das Hauptprojekt zunehmend wie das Nebenprojekt des Duos zu klingen begann, während Moin eine längere Pause einlegten. Als Moin 2021 zurückkehrten, markierte das wohl deshalb das Ende von Raime, weil beide Gruppen auf denselben ästhetischen Prinzipien basieren. Andrews und Halstead wurden außerdem von der Perkussionistin Valentina Magaletti als Vollzeitmitglied ergänzt, mit der sie schon öfter zusammengearbeitet hatten.
Selbst nachdem Moin für ihr 2024 erschienenes Album You Never End mit Vokalist:innen zusammenarbeitet hatten und als vierköpfige Band auf Tour gingen, blieben sie dem Prinzip der Collage treu. Sie bauen ihre Songs auf, als würden sie »mit Texturen Lego« spielen, wie Magaletti es ausdrückt. Dadurch unterscheidet sich ihr Sound deutlich von ihren klanglichen und stilistischen Vorbildern, die sie bisweilen direkt zitieren, angefangen mit den Gordons über Fugazi bis hin zu Slint.
All dies geschah wohl nicht zufällig zu einer Zeit, in der Clubmusik immer schneller und bombastischer wurde. Moin positionieren sich dahingehend als Antithese. Die Ergänzung von Valentina Magaletti, deren Projekte wie Better Corners und V/Z einen ähnlichen Ansatz verfolgen, öffnete Moin obendrein für experimentellere Ansätze und avantgardistische Techniken.
Daniel Blumberg: Das Experiment als Werkzeug
Ähnlich wie Mica Levi hat sich Daniel Blumberg in jüngerer Zeit einen Namen als Filmkomponist gemacht. Er begann seine Karriere auch in den 2000er-Jahren, zunächst als Mitglied der Garage-Band Cajun Dance Party und der Shoegazer-Gruppe Yuck, bevor er Anfang der 2010er-Jahre als Hebronix und später unter seinem Klarnamen Soloalben veröffentlichte. Im Laufe der Jahre wurde er als Songwriter zunehmend radikaler, oder besser gesagt radikalisierte er die Reduktion seiner Musik.
Obwohl sein Debütalbum als Daniel Blumberg, Minus, noch weitgehend dem Folk-Rock-Schema gefolgt war, zeichnete es sich bereits durch einen Hang zum Experiment aus, für den das Café Oto einen fruchtbarer Nährboden bietet. Blumberg hatte sich jahrelang im Umfeld des Londoner Venues herumgetrieben, was sich sukzessive in seiner Musik niederschlug. Auf On&On aus dem Jahr 2020 waren Improv-Musiker:innen wie Ute Kanngiesser und Tom Wheatley zu hören, die Blumbergs Songs noch zerfahrener machten.
GUT markierte im Jahr 2023 den vorläufigen Endpunkt einer Reise hin zu unkonventionelleren Strukturen. Zu hören sind Mundharmonikas sowie Bass, elektronische Drums und ein Synthesizer. Eingesetzt werden sie jedoch nur, um teilweise die Leerstellen zwischen dem Gesang zu füllen und Lyrics wie »Nothing ever changes / In this world« zu unterstreichen. Dank seines strengen Minimalismus konnte Blumberg Themen wie Isolation und Verzweiflung mit wenigen, aber sehr wirkungsvollen Mitteln zum Ausdruck bringen.
Hörbar wurde ein »freudvoller Amateurismus«, wie er für John Peel das Markenzeichen der ursprünglichen Post-Punk-Bewegung darstellte – eine Art Free-Jazz-Anarchismus im Rock-Setting, der sich keinen Deut um Virtuosität scherte.
Alben wie GUT haben mit den jeweiligen Ansätzen von Mica Levi und Tirzah sowie Moin den Fokus auf Reduktion als zentrales musikalisches Mittel gemein, jedoch baut Blumberg nicht auf einem von Clubmusik inspirierten Konzept der Wiederholung auf. Vielmehr folgt er dem experimentelmusikalischen Leitgedanken, kompositorische Strukturen durch Improvisation aufzubrechen und gleichzeitig die Musik einem gewissen Maß an Zufälligkeit zu öffnen.
Das verleiht seiner Musik ein Gefühl der Instabilität, mit dem zuvor Bands wie The Raincoats gespielt hatten, während sie sowohl konzeptionell als auch klanglich in die Nähe eines Geschwistergenres von Post-Punk gerät: Industrial, zumindest im Sinne von Throbbing Gristle oder Test Dept. Tatsächlich problematisiert Blumberg wiederholt das zentrale Leitmotiv der frühen Industrial-Kultur – Kontrolle –, indem er sich der Unvorhersehbarkeit hingibt. Damit ist er nicht der einzige.
Still House Plants: Ignoranz gegenüber den Konventionen
Auf den ersten Blick hat das in London ansässige Trio Still House Plants jenseits von einer Veröffentlichung auf Moins Labelheimat AD 93 und einem Beitrag zu einer Remix-Compilation für Tirzah wenig mit den genannten Künstler:innen und Gruppen zu tun. Sie reduzieren die Standard-Rockinstrumentierung auf ihre Grundbestandteile – Gitarre, Gesang und Schlagzeug – und setzen sie auf chaotische Weise ein. Unnötig zu erwähnen, dass die drei auch im Gravitationszentrum des Café Oto unterwegs sind.
Fast Edit und Long Play machten Still House Plants im Jahr 2020 bekannt. Die beiden Alben klangen, als hätten drei Karate-Fans sich zum ersten Mal in ihrem Leben an Instrumenten versucht, die sie noch nie zuvor in der Hand gehalten hatten. Hörbar wurde ein »freudvoller Amateurismus«, wie er für John Peel das Markenzeichen der ursprünglichen Post-Punk-Bewegung darstellte – eine Art Free-Jazz-Anarchismus im Rock-Setting, der sich keinen Deut um Virtuosität scherte.
Als der Band im Jahr 2024 mit If I don’t make it, I love u der internationale Durchbruch gelang, klangen sie schon weniger chaotisch und stattdessen buchstäblich komponierter – in bestimmten Momenten sogar Moin gar nicht unähnlich. Und doch hatten auch David Kennedys Stop-and-Go-Drumming, Finlay Clarks schräge Akkorde und Jess Hickie-Kallenbachs jaulender Sprechgesang wenig mit Post-Punk-Revival-Bands ihrer Zeit zu tun.
Denn für sich genommen sind die Grundelemente ihrer Musik zwar von Yard Act, Dry Cleaning oder Idles bekannt, der Unterschied könnte aber nicht gravierender sein. Während diese Bands etablierte Formeln reproduzieren, wenden sich Still House Plants gänzlich von Formeln ab. Ähnlich wie Blumberg zeigen sich Still House Plants mehr daran interessiert, ihre Songs aus dem Moment heraus entstehen zu lassen, als sie zu schreiben. Sie versuchen gar nicht erst, Konventionen zu umgehen, sie ignorieren sie einfach.
Wie die Musik von Mica Levi und Tirzah, Moin und Blumberg spricht das Kritik und Fans gleichermaßen an, just weil es sich von den Strukturen der zeitgenössischen Pop- und Rockmusik abhebt, die entweder durch Verdaulichkeit oder die retromanische Reproduktion toter Stile gekennzeichnet ist. Diesen Künstler:innen und Bands ist gemein, dass sie konstruktive Antworten auf die Langeweile ihrer Zeit formulieren. Was wiederum nicht bedeutet, dass sie Teil eines Genres wären. Vielmehr repräsentieren sie: eine Situation.
Diese Situation unterscheidet sich freilich von der, mit der der Post-Punk in Großbritannien Ende der 1970er- und Anfang der 1980er-Jahre konfrontiert war. Monokultur ist einer Vielzahl von Mainstream-Nischen gewichen. Heute ist es nicht mehr allein ein einziges Genre wie Dinosaurier-Rock, gegen die sich wirklich aufregende Musik wenden muss. Stattdessen setzen Levi und Tirzah stromlinienförmiger Pop, Moin dem Dance-Bombast und Blumberg und Still House Plants jeweils formelhaften Indie-Rock oder rockistischem Post-Punk etwas entgegen. Ihre unterschiedlichen Antworten auf das vorherrschende langweilige Durcheinander erinnern daran, dass andere Welten möglich sind.




