A Seat at the Table, The Life of Pablo, Views, Blonde: 2016 war ein Blockbuster-Jahr, wenn nicht sogar das letzte große Popjahr überhaupt. Das war wohl auch ein Grund dafür, dass Anfang 2026 reihenweise Menschen nostalgische Throwbacks auf Instagram posteten. Die Parole: »Bring Back 2016«. Wieso aber? Weil damals noch nicht alles in Mikro-Nischen zerfallen war, sondern Kultur noch irgendwie ein (zumindest im Westen) von den meisten Menschen geteiltes Gut war? Weil die Realitäten des AfD-Aufstiegs, von Brexit und von Präsident Trump sich nur andeuteten, noch aber nicht eingetroffen waren? Weil sich die Hoffnung hielt, die Popkultur hätten umfassenden sozialen Verschiebungen und politischen Eskalationen etwas entgegenzusetzen?

Lemonade Yellow Vinyl Edition
Kein anderes Album repräsentierte die popkulturelle Geschlossenheit, die politische Aufbruchstimmung und den deplatzierten Poptimismus dieses Jahres so sehr wie Lemonade von Beyoncé. Der Beyhive schwärmte los, um die Identität von »Becky with the good hair« zu eruieren, das »Formation«-Video ließ das Kommentariat heißlaufen und allen war irgendwie klar, dass die – ob nun fingierte oder nicht – qua Kübler-Ross-Modell erzählte persönliche Emanzipationsgeschichte der betrogenen Frau umfassende Bedeutung hatte. Das Leben hatte nicht nur Beyoncé und der schwarzen Bevölkerung der USA, sondern der ganzen Welt Zitronen gegeben. Jetzt war die Zeit gekommen, Lemonade draus zu machen. Das war dieses Album: das Prinzip Hoffnung als Gesamtkunstwerk.
Nachdem bereits Beyoncé im Jahr 2013 als Visual-Album veröffentlicht wurde und noch so ziemlich jedes Instagram-Hashtag der kommenden Jahre ausformuliert hatte, bot Lemonade eine Storyline, wo vorher Slogans geliefert oder Statements in Songlänge abgegeben wurden. Lemonade war Füllhorn und Fleischwolf zugleich, stellte einerseits musikhistorische und stilistische Kontinuitäten her und doch eine einzige Diskontinuität dar: Die stilistische Palette reicht von Country bis Trap, von der Pianoballade hin zum quasi-hantologischen Reggae-Stück. Das Album bewarb sich zwölffach auf die Pole Positions diverser Genre-Playlists oder zumindest ein halbes Dutzend Grammys (zwei strich Beyoncé ein, für sechs weitere wurde sie nominiert). Pop klang selten so virtuos wie hier.
Allem Zucker zum Trotz schmeckt die Limonade weiterhin sauer
Die Credits von Lemonade sind dementsprechend so lang und unentwirrbar wie die AGBs eines Mobilfunkanbieters. Involviert waren unter anderem James Blake, Jack White, The Weeknd, die Dixie Chicks, Kendrick Lamar und Diplo, dazu kamen Samples aus den Lomax-Archiven, Songs von den Yeah Yeah Yeahs, Led Zeppelin, OutKast oder King fucking Crimson, eine Geburtstagsrede von Jay-Zs Großmutter Hattie White und natürlich: Videos, Videos, Videos mit noch mehr herbeigesampelten Material von Malcom X, der Lyrikerin Warsan Shire und anderen. Das alles stand jeweils als Mini-Blockbuster im Radio- und YouTube-Format für sich und wurde zugleich in ein multimediales Werk integriert. Es war ein Durcheinander, das für mindestens ein paar Monate die Welt beschäftigte.
Bevor Childish Gambino dasselbe Prinzip mit »This Is America« in ein einziges Video presste, machte all das Lemonade zum größten musikindustriellen Marketing-Coup der 2010er-Jahre. Beyoncé machte daraus keinen Hehl. Krasser Ellbogenmaterialismus ist der modus operandi dieses Albums, in dem es ständig um den »grind« und »them commas and them decimals« geht und dessen Protagonistin sich als »a black Bill Gates in the making« gerierte. Das stand allerdings überhaupt nicht im Widerspruch zum politischen Anspruch, den sie per Black-Panther-Gruß beim Super Bowl formulierte: Während der 2010er-Jahre wurde zunehmend weniger zwischen Privatem und Politischem unterschieden, weshalb individuelle Errungenschaften als kollektive Siege verkauft werden konnten.
Die Parole »Bring Back 2016« mag sich auf den progressiven popkulturellen Diskurs des letzten großen Popjahres und dem größten aller Alben aus diesem Jahr beziehen. Doch deplatzierter als heute war dieser Poptimismus noch nie.
Doch ist Lemonade nicht allein emanzipatorisches Statement, sondern ebenso Ausdruck all jener Probleme, die mit jeder Emanzipationsbemühung einhergehen. Im Nebeneinander von hängenden Köpfen und aufgestellten Mittelfingern, zwischen »What a wicked way to treat the girl that loves you« und »When he fuck me good, I take his ass to Red Lobster« oder im Zentrum einer verstörenden Abrechnung wie »Daddy Lessons« steht die Aporie jeder Unabhängigkeitserklärung: Wer sich von etwas losmachen will, muss sich erstmal daran abarbeiten. Zeilen wie »I ain’t thinking ‘bout you« zu singen, macht einen performativen Grundwiderspruch auf, der das gesamte Album prägt: Allem Zucker zum Trotz schmeckt die Limonade weiterhin sauer.
Auf Lemonade folgte eine gemeinsame Platte mit dem Gatten, ein »Pandemie is’ vorbei, lass Party machen«-Album auf House-Beats und dann noch ein musikhistorischer Gesellschaftskommentar in Form des aufmerksamkeitsökonomisch gut getimeten Cowboy Carter. Keines dieser Alben war so spektakulär wie Lemonade. Das mag schlicht daran liegen, dass Taylor Swift die ebenso megalomanische wie monolithische Verschmelzung von Musik und Marketing perfektioniert hatte. Oder es legt davon Zeugnis ab, dass Lemonade das definitive – das vielseitigste, musikalisch interessanteste, womöglich schlicht beste – Album des letzten großen Popjahres war und danach für Beyoncé die Sache gegessen war. »Best revenge is your paper«, indeed. Und das ließ sich auch anders machen.
Der Blick zurück auf Lemonade offenbart deshalb ein zwiespältiges Bild, weil heutzutage Verklärungsarbeit geleistet wird. Die Parole »Bring Back 2016« mag sich auf den progressiven popkulturellen Diskurs des letzten großen Popjahres und dem größten aller Alben aus diesem Jahr beziehen. Doch deplatzierter als heute war dieser Poptimismus noch nie. Wer 2016 zurückfordert, will vielleicht in erster Linie wieder popkulturelle Geschlossenheit und politische Aufbruchstimmung spüren, verlangt implizit aber genauso nach einer Wiederwahl von Trump – dabei ist die letzte noch gar nicht ausgestanden. Zehn Jahre nach Lemonade ist klar, dass das Persönliche und das Politische, individuelle Errungenschaften und kollektive Siege nicht dasselbe sind.
Was Lemonade über seine Zeit hinaus zu einem wichtigen Album macht, ist deshalb nicht allein die – wie insbesondere im Falle von »Formation« – visionäre Musik. Sondern auch, dass all die Ambivalenz des nostalgischen Rückblicks schon darin angelegt ist: Die kämpferische Aufbruchstimmung zeichnete nicht den Weg für eine bessere Welt vor, sondern verlor sich in zermürbenden Kulturkämpfen. Progressiver Pop wurde von regressivem Populismus geschlagen und das Prinzip Hoffnung erst verkauft und schließlich aufgegeben. Wer sich danach sehnt, hat die falschen Lektionen aus Lemonade gezogen.