Das Jahr 2006 war die Zeit des Coming-of-Age eines neuen Sounds. Tiefe, alles einnehmende Subbässe, minimalisierte Klangräume, Claps wie Peitschenhiebe, synkope Rhythmusverschiebung im Halbschritt zwischen Breakbeat-Rave und Downtempo-Verschleppung, eine Box der Referenz-Pandora aus Reggae und Dub, Acid und Hardcore, Electronica und Folk. Dubstep rückte raus aus seinen verdunkelten Brutstätten, raus ins Licht der großen weiten Welt.

The invasion EP
Die stille Revolution aus London
So wie im Hip-Hop ganze sechs Jahre zwischen Kool Hercs erster Party und Sugar Hill Gangs »Rapper’s Delight«-Welterfolg vergingen, war auch Dubstep in seinem Biotop Südlondon schon viel länger am Blühen. Als Weiterentwicklung des UK-Bass-Kontinuums — das in den 1970ern mit den Soundsystems der jamaikanischen Community in England begann, Ende der 1980er als Bleep Techno ins Computerzeitalter schwappte und sich über Hardcore, Jungle und Drum & Bass durch die 1990er diversifizierte — vibrierten bereits 2001 beim Pirate Radio Rinse FM und der Clubreihe FWD>> in London die Bassmembranen noch ein Stück frenetischer.
Dreh- und Angelpunkt für die frischsten Releases und den Austausch der noch kleinen Dubstep-Gemeinde wurde der Plattenladen Big Apple Records. Dubstep-Posterboy Skream kaufte und arbeitete dort, wie auch DJ Hatcha und Skreams älterer Bruder Hijak. Produzenten wie Loefah, Zed Bias, Coki und nicht zuletzt Benga waren regelmäßige Besucher. 2002 entstand das kurzlebige Label Big Apple Records, auf dem in nur neun Releases das Who’s who der damaligen Dubstep-Community veröffentlichte. Benga ist auf vier Veröffentlichungen davon vertreten (zwei zusammen mit Langzeit-Kumpel Skream) und machte dort 2003 im Alter von gerade einmal 15 Jahren sein Debüt.
Weltherrschaft des Basses
Als Bengas Invasion EP 2006 als vorletztes Release des Labels erschien, war schon einiges an tief vibrierendem Wasser das schmale Dubstep-Rinnsal heruntergelaufen. Big Apple existierte dank Ripping-Kultur als Plattenladen bereits zwei Jahre nicht mehr. Aus nur zwei Dubstep-Veröffentlichungen im Jahr 2000 waren sechs Jahre später 464 geworden.
Dank der einflussreichen Radio-DJs John Peel und Mary Anne Hobbs tröpfelte Dubstep ins Bewusstsein des britischen Mainstreams. Letztere gab mit der von ihr kuratierten Compilation Warrior Dubz (Planet µ) der weiten Welt außerhalb Croydon, London, einen Einblick in die aufregenden Basslandschaften der britischen Unterwelt.
Trotz der wabernden, nautisch-tiefen Bässe, der starken Reduktion der Klangräume und düsteren, drückenden Atmosphäre eröffnet jeder Track ein eigenes Fenster der Ausdifferenzierung und Selbstständigkeit.
Von außen (sprich: außerhalb Londons) betrachtet, trat Dubstep 2006 den Siegeszug an. In Berlin wurde es dank der Sick Girls und den Partyreihen Grime Time und Revolution N°5 im WMF gerade zum heißesten Scheiß. Da verzieh man den Sick Girls sogar, dass sie zu diesem Zeitpunkt die meisten Trackübergänge verstolperten. Sie hatten einfach immer die geilsten Tracks des Königreichs am Start. DJ Maxximus wiederum gab dem Sound in verschiedenen deutschen Städten mit Basstheworld eine Party-Heimat. Im Film Children of Men liefen Kode9, Pinch und Digital Mystikz. Ein Jahr später tauchte sogar bei Britney Spears der wabernde Bass des Dubstep auf, während der US-Produzent Skrillex ganz im Duktus seines Heimatlandes alles in XXL und zur Ballermann-Variante Brostep aufblähte. Heute kann man den Einfluss von Dubstep nicht nur in den synkopen, bassschwangeren Spielarten aktuellen Technos nachverfolgen, sondern auch im schnellen Hip-Hop von Run The Jewels und dem K-Pop von Blackpink.
Eine Momentaufnahme im Auseinanderdriften
Entsprechend ambivalent war 2006 bereits die Londoner Dubstep-Szene. Als ich Anfang 2007 mehrere Dubstep-Produzenten für ein Feature im Goon Magazin interviewte, pendelten die Blickwinkel bereits zwischen Euphorie und Gelangweiltsein. Milanese (Warp Records) und Boxcutter (Planet µ) stöhnten über die Austauschbarkeit und Eingeschränktheit vieler Dubstep-Tracks. Shackleton (Skull Disco Records) lehnte freundlich, aber bestimmt jedes Interview ab, das ihn mit Dubstep in Zusammenhang bringen würde. Pinch (Tectonic), Scuba (Hotflush) und Appleblim (Skull Disco) dagegen waren noch immer berauscht vom Sound und feierten die Versatilität des Genres. Für Cyrus (Tectonic) war es schlicht das Beste, »was derzeit aus UK kommt«.

Bengas Invasion EP gehört noch immer in den Bereich der Euphorisierten. Milanese wünschte sich in dem Interview, »dass mehr Alben erscheinen. Fette Beats und dreckige Bässe zerlegen natürlich den Dancefloor, und das ist super so. Aber ich möchte mehr Sachen hören, die auch zu Hause funktionieren und die ich nicht nach den ersten zwei Minuten skippe, weil der Track auf der Stelle tritt.«
Die Invasion EP war mit sieben Titeln auf 2×12” zwar nur ein Mini-Album, wurde dem Anspruch von Milanese aber problemlos gerecht. Trotz der offensichtlich genredefinierenden Elemente der wabernden, nautisch-tiefen Bässe, der starken Reduktion der Klangräume und düsteren, drückenden Atmosphäre eröffnet jeder Track ein eigenes Fenster der Ausdifferenzierung und Selbstständigkeit. Benga schaffte 2006 im dynamischen Driften der Szene eine Momentaufnahme, die genau das Potenzial skizzierte, das Scuba im Interview für Dubstep sah: »Für mich ist Dubstep Fusion. Der Schlüssel ist, dass alle [möglichen Einflüsse] Eingang finden können, ohne dass gleich alles in Subgenres aufgeteilt wird.«