Labelgründer Daniel Castrejón erklärt im Interview, dass sich seine Arbeit in Jahren auf operativer Ebene kaum verändert hat, obwohl die die Musikwelt eine komplett andere ist. Kontinuität gäbe auf allen Ebenen: »beim Umfang« der Arbeit, die er in Umor Rex stecke, ebenso wie »bei den Werten und der Philosophie«, die er verfolge. Trotz der bemerkenswerten Vielfalt der beharkten Sound-Nischen. Die Releases wirken nie beliebig, sondern tragen eine klare Handschrift.
Im Hauptberuf ist Castrejón Grafikdesigner. Auch im Kontext der Labelarbeit sieht er ästhetische Stringenz als seine »vielleicht wichtigste Aufgabe«. Die Spannung zwischen Komplexität und Reduktion sei charakteristisch für die Bildsprache von Umor Rex. »Dem Label ging es von jeher um ganzheitliche künstlerische Aussagen.«

Primal Forms Neon Orange Vinyl Edition

Noor Red Vinyl Edition

Tuning The Wind

Peripeties Of Stray Intention
Genre-Kategorien interessieren Castrejón dagegen weniger, im Fokus seiner kuratorischen Arbeit steht »etwas weniger Greifbares: ein Gespür für Psychedelia, Humor, Neugier und Verspieltheit, das sich auf unterschiedliche Weise spiegelt.« Ein beträchtlicher Teil des Backkatalogs, der derzeit 165 Titel umfasst, ist ausverkauft, was zweifellos auch ihrem visuellen Appeal geschuldet ist. Umor Rex liefert auf gleich mehreren Ebenen einen Gegenentwurf zu digitaler Beliebigkeit – heute, wo Streaming-Plattformen von KI-generierten Content-Müll geflutet werden, scheint das wichtiger denn je.
Von MySpace in die Welt
In den digital-only-Anfangsjahren des Labels stand das Internet für ungekannte Möglichkeiten. »Wir gehörten zur MySpace-Generation. Online-Plattformen eröffneten neue Wege, in Kontakt zu treten. Plötzlich war es genauso einfach, eine Verbindung zu Künstler:innen im Iran aufzubauen wie zu jemandem aus Mexiko-Stadt“.
Auf praktischer Ebene sorgte die Zusammenarbeit mit dem Vertrieb Anost/ Morr Music dafür, dass Umor Rex auch in Europa sein Publikum fand – und zudem neue Künstler:innen. »Mir geht es darum, Beziehungen aufzubauen und mit den Menschen zu wachsen, deren Arbeit ich bewundere«, erklärt Castrejón. »Ein On-Off-Veröffentlichungsmodus war nie von Interesse.«
»Ein On-Off-Veröffentlichungsmodus war nie von Interesse.«
Label-Situationship? Nicht mit Daniel Castrejón,
Zwei Beispiele aus dem letzten Jahr veranschaulichen die Bandbreite des Labels: Concepcion Huertas El Sol De Los Muertos – 2025 erstmals auf Kassette erschienen, ist das Album nun Teil einer Jubiläumsreihe auf Vinyl – führt tektonische Phänomene mit Ideen politischen Widerstands zusammen. Düstere Ambientsounds und ein Grummeln, aus der Tiefe emporsteigend, wirken oberflächlich ruhig, doch die aus Magnetbändern extrahierten Sounds offenbaren nach und nach Abgründiges.
Ganz anders das selbstbetitelte Album des Berliner Duos Bella Wakame, das ebenfalls neu aufgelegt wird. Bei dem Projekt von Andi Haberl, sonst Schlagzeuger bei The Notwist, und Florian Zimmer (der auch mit Drift Machine bei Umor Rex veröffentlicht), finden elektroakustische Texturen mit soghaften und doch raffinierten Melodien zusammen: eine beherztes Ausschwärmen auf postrockig grundiertes Pop-Terrain.




Mehr Nähe
In den letzten Jahren kam es trotzdem zu einer leichten Verschiebung des Fokus dieses besonderen Labels – was nicht zuletzt mit der florierenden Kulturszene von Mexiko-Stadt zu tun hat. »Das Verhältnis zwischen technologischen Möglichkeiten und meinem realen Leben ist ausgeglichener geworden«, erklärt Castrejón. »Was damit einhergeht, dass ich engere Kontakte zu Künstler:innen aus Mexiko und Lateinamerika knüpfen konnte, deren kulturelle, konzeptuelle und politische Perspektiven näher an meiner Lebensrealität sind.« Das bildet sich in etlichen neueren Veröffentlichungen ab.
International und multikulturell ausgerichtet soll Umor Rex jedoch bleiben, betont Castrejón. Denn was die Labelarbeit lohnenswert mache, sei »die Möglichkeit, eine Gemeinschaft zu schaffen, in der Künstler:innen aus unterschiedlichen geopolitischen, wirtschaftlichen und kulturellen Kontexten im selben Raum zusammenleben«.