Music Kolumne | verfasst 20.04.2019
Records Revisited
MF DOOM – Operation: Doomsday (1999)
Die Entstehung des Superschurken: Mit »Operation: Doomsday« lässt Daniel Dumile sein bisheriges Schaffen hinter sich – und schickt MF DOOM in die Welt. Der Anfang eines Spiels um Identitäten und Erwartungen. Es dauert bis heute an.
Text Björn Bischoff
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Daniel Dumile ist nicht MF DOOM ist nicht King Geedorah ist nicht Zev Love X. Zumindest vielleicht. Ein Verwirrspiel um Identitäten, nicht mehr und nicht weniger. Dumile gehört zu den Künstlern, die hinter ihren eigenen Charakteren fast komplett verschwinden. Und wenn er die vollständige Auflösung seiner Person in seine verschiedenen Figuren niemals schafft, liegt es an: »Operation: Doomsday«. Es ist das Werk, mit dem die Transformation begann. Und diese Spuren trägt die Platte deutlich in sich.

Am 20. April 1999 veröffentlicht das New Yorker Label Fondle ’Em Records eben jenes Debüt von MF DOOM. Zwei Jahre später schließt das Label. Doch »Operation: Doomsday« bleibt. Und wird zu einem der wichtigsten Alben des Underground Rap. Auch weil zahlreiche Künstler des Hip-Hop sich zu diesem Zeitpunkt in Kommerzialisierung und Hedonismus verfangen. Die großen Zeiten scheinen vorbei, das Golden Age Of Hip-Hop hat sein Ende gefunden. Zeit für Dumile, es mit MF Doom auferstehen zu lassen.

Und wenn er die vollständige Auflösung seiner Person in seine verschiedenen Figuren niemals schafft, liegt es an: »Operation: Doomsday«. Es ist das Werk, mit dem die Transformation begann.

Und wer sonst hätte dies tun können? Ende der 1980er Jahre gründete Daniel Dumile mit seinem jüngeren Bruder DJ Subroc und Onyx the Birthstone Kid die Gruppe KMD. Auf den wenigen Veröffentlichungen gab es politischen Underground Rap, der nicht besser in die Zeit passen konnte. Doch 1993 wird Subroc auf dem Long Island Expressway von einem Auto überfahren. Mit seinem Tod endet die Zeit von KMD. Dumile leidet unter Depressionen, kann den Tod seines Bruders nur langsam verarbeiten. Zwischenzeitlich schläft er auf Parkbänken. Wenn er überhaupt schläft. Seine Familie zog damals kurz nach seiner Geburt von London nach New York, jetzt zieht es ihn wieder weg von der großen Stadt, weg von Hip-Hop, weg von der Szene. In Atlanta, Georgia sammelt Dumile seine Kraft. Was folgt, ist eine Zerlegung einer Persönlichkeit in zahllose Kunstfiguren. Es ist das Ende von Zev Lov X und der Anfang von MF DOOM.

Konsequent zieht sich Dumile hinter die Maske zurück. Sie gibt ihm Freiheit. Interviews mit MF DOOM finden sich kaum. Eins der wenigen überlieferten Zitate: »Mein Shit ist dope. Da sind meine Fresse, meine Hautfarbe und mein Geschlecht egal.« Die lange Zeit seit dem Tod seines Bruders bis hin zu »Operation: Doomsday« hat die Idee, den Mythos reifen lassen. Es ist Zeit, dass er ihn in die Welt entlässt: »What the Devil? He’s on another level. It’s a word! No, a name! MF – the Super-Villain!«

MF DOOM verarbeitet zahlreiche Samples auf seinem Debüt, von Sade über die Beatles, von den Spinners zu Scooby Doo. Alles hinterlegt vom Cover bis zum Sound mit einer absurden und übersteigerten Ästhetik, die zwischen Comic und Pop Art liegt. Doch es ist nicht nur das Anachronistische dieses Albums, das Verwirrung wie Begeisterung hervorruft. MF DOOM hebt sein lyrisches Können hier bereits auf ein vollkommen neues Level. Jeder Form von einfachen Reimen verweigert er sich konsequent. Mehrere Silben ganzer Zeilen reimen sich gleich, die Sprache verformt sich über jeden Satz mehr und mehr – bis am Ende ein neues Sinngebilde entsteht. Teilweise lassen sich die Reime gar nicht mehr nachverfolgen. Es bleibt nur ein unglaublicher Sog, ein einzigartiger Groove in der Sprache, die so kein Rapper bisher entwickeln konnte.

Mehrere Silben ganzer Zeilen reimen sich gleich, die Sprache verformt sich über jeden Satz mehr und mehr – bis am Ende ein neues Sinngebilde entsteht. Teilweise lassen sich die Reime gar nicht mehr nachverfolgen. Es bleibt nur ein unglaublicher Sog, ein einzigartiger Groove in der Sprache, die so kein Rapper bisher entwickeln konnte.

Zwei Jahre zuvor trat er noch mit Damenstrumpfhose über dem Kopf im Nuyorican Poets Café in Manhattan auf. Doch mit »Operation: Doomsday« setzt sich Dumile jene Maske auf, die Doctor Doom aus den Comics »Die Fantastischen Vier« trägt. Es folgen als Kunstfiguren: King Geedorah, Monsta Island Czars, Viktor Vaughn und Metal Fingers. Alles nur eine Frage der gewählten Identität. Doch niemals trifft er den Kern eines Superschurken wie mit MF DOOM. Dieses Spiel mit Rollen und Erwartungen brachte vielleicht vorher nur der Wu-Tang Clan so hervor.

Nach dem Aus von Fondle ‘Em Records veröffentlicht Sub Verse eine Neuauflage mit leicht veränderter Tracklist, ein paar Jahre später folgt eine besondere Variante in einer Lunchbox bei Stones Throw sowie eine neu gemasterte Version. Wer die Beats heute hört, findet die Spleenigkeit, die Detailverliebtheit noch in jeder Sekunde wieder.

MF Doom - Operation Doomsday CoverWebshop ► Vinyl 2LP (Original Artwork) | Vinyl 2LP (Reissue Artwork) Dabei übertraf sich MF DOOM mit allen folgenden Alben noch einmal. Nur sein Versteckspiel hinter den Identitäten zerfiel. Stellenweise blieb bei Hip Hop-Medien die Frage stehen, ob MF DOOM eigentlich der einzige wirkliche Superbösewicht des Genres sein. Kurz zuvor soll er die Abendkasse bei Konzerten leergeräumt oder Doppelgänger zu Konzerten geschickt haben. Über seine Texte und seinen Mythos machen sich längst auch Akademiker und Schriftsteller ihre Gedanken. Der heute 48-jährige MF DOOM kann sich selbst zwar noch im Underground verorten, sein Schaffen, seine Identitäten finden jedoch ebenfalls in der Hochkultur statt. Und trotzdem bleiben seine Alben und jenes »Operation: Doomsday« wichtige Einflüsse für den Hip-Hop der letzten Jahre. Mit dieser Platte karikierte er das Genre und nahm es doch so ernst wie kaum sonst jemand. Er schaffte Distanz und trotzdem finden sich codierte persönliche Momente. Er etablierte eine neue Sprache und ließ alle sprachlos zurück.


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