Art Bericht | verfasst 10.10.2019
No Photos on the Dance Floor!
Nichts für Voyeure
Noch bis zum 30.November kann die Clubkultur in Berlin nach dem Mauerfall in Fotos von Wolfgang Tilmans, Ben de Biel oder Sven Marquardt nachvollzogen werden. »No Photos on the Dance Floor!« verzichtet dabei auf einen voyeuristischen Blick.
Text Kristoffer Cornils , Fotos Wolfgang Tilmans © C/O Berlin

Die erste Regel des Club-Clubs lautet: Du machst keine Fotos im Club. Die zweite Regel des Club-Clubs lautet: Echt jetzt, lass es einfach sein, es nervt und verletzt die Persönlichkeitsrechte all jener, denen genauso wie dir der Kiefer schlackert. So zumindest lautet vermehrt das Credo insbesondere innerhalb der deutschen House- und Techno-Szene, nachdem das Berliner Berghain medienwirksam mit einer rigiden Politik alle Fotos aus dem Innern des Gebäudes verbannt hat und damit Schule machte. Immer mehr Clubs folgen der Idee, die eigentlich grundvernünftig ist. Doch ist Clubkultur zugleich ins Zeitalter der historischen Nabelschau eingetreten. Letztes Jahr erst wurde von einem Brausehersteller »30 Jahre Techno« gefeiert und in quasi monatlicher Taktung erscheinen neue Dokumentationen oder Bücher, die sich mit Geschichte und Gegenwart des nächtlichen und manchmal auch täglichen Treibens auseinandersetzen.

Die vom ehemaligen Groove-Chefredakteur Heiko Hoffmann und dem C/O-Hauptkurator Felix Hoffmann konzipierte Ausstellung »No Photos on the Dancefloor! Berlin 1989-Today« nimmt diesen Grundwiderspruch schon in ihrem Titel auf: Einerseits soll die in der Westberliner Kulturinstitution versammelten Werke die Geschichte der städtischen Clubkultur und darüber hinaus die gesamtgesellschaftlichen Bewegungen der letzten dreißig Jahre nach dem Fall der Mauer nachzeichnen, andererseits wird dem Zwiespalt auch Rechnung getragen, indem eher abstrakte und künstlerische Positionen miteinbezogen werden. Auf voyeurhafte Einblicke wird verzichtet. »Mich interessiert vielmehr, wie sich die Künstler:innen auf andere Art mit dem Thema auseinandergesetzt haben«, so Hoffmann gegenüber seinem alten Magazin. »Auch um nochmal zu kontrastieren, dass die Clubkultur, die hier in Berlin entstanden ist, eine ganz andere ist als zum Beispiel auf Ibiza, in Miami oder in Las Vegas.«

So treffen bei »No Photos on the Dancefloor!« noch bis zum 30. November dann auch Bilder von Immerschondabeigewesenen wie Ben de Biel oder Wolfgang Tillmans auf eine gemeinsame Kollaboration von Berghain-Gesicht Sven Marquardt und dem hiesigen Resident Marcel Dettmann. Der Dokumentarfilmer Romouald Karmakar ist genauso vertreten wie Raster-Noton-Legende Alva Noto. Doch auch die Fotograf:innen, die tief in die gegenwärtige Clubkultur eintauchen und von dort aus mit eindrucksstarken Impressionen hervortauchen, finden sich in der Ausstellung wieder: Camille Blake beispielsweise, die scheinbar nie müde wird, noch die dunkelsten Ecken der Szene in ein rechtes Licht zu rücken, oder der Georgier George Nebieridze, der im rabiaten Gonzo-Stil Glanz und Elend auf und jenseits des Dancefloors einfängt.

So gelingt »No Photos on the Dancefloor! Berlin 1989 – Today« der denkbar würdigste Kompromiss zwischen zwei widersprüchlichen Selbstansprüchen: Einerseits darf erzählt und weit ausgeholt werden, andererseits bleibt die Ausstellung in ihrer Kuration doch so diskret wie sich das die Clubs von allen Besucher:innen mit fotofähigen Telefonen wünschen.

Die Ausstellung »No Photos on the Dancefloor! Berlin 1989-Today« ist vom 13.9. bis 30.11.2019 im C/O Berlin in der Hardenbergstraße 22–24 in Berlin-Charlottenburg zu besichtigen.
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