Music Interview | verfasst 30.04.2020
Quelle Chris
Das Chaos akzeptieren
Er ist der produktivste Sonderling des Rap-Undergrounds. Und er hat einen Lauf. Mit »Innocent Country 2« macht Quelle Chris dort weiter, wo er mit »Guns« aufgehört hat – und begegnet der Hoffnungslosigkeit mit positiver Angst.
Text Christoph Benkeser
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»Es ist der Moment für Musik, ihre höchste Form als Heilkunst und Zuflucht vor dem Chaos anzunehmen«, heißt es in den Liner Notes zu Quelle Chris’ neuem Album »Innocent Country 2«. Während das für den Großteil der Musik gilt, die der US-Rapper Quelle Chris in den letzten Jahren veröffentlicht hat, ist es auch der Moment, in der die Welt, wie wir sie kennen, aufbricht – und etwas hervorbringt, das im Auge des Sturms schwer zu erkennen ist: Akzeptanz für eine Situation, die scheinbar ohne Alternative ist. »Innocent Country 2« beschert uns die Fortsetzung einer beschissenen Situation und das Gegenmittel dazu. Es ist das Licht am Ende des Tunnels und der Scheinwerfer des entgegenkommenden Zuges. Ein hoffnungsvoller Soundtrack in einem hoffnungslosen Moment – genau dann, wenn wir ihn am dringendsten benötigen.


Die Schallplatten von Quelle Chris findest du im Webshop von HHV Records


»Innocent Country 2« ist die positivste und Pop-versierteste Quelle Chris-Platte seit »Ghost at the Finish. Line«.
Quelle Chris: Ist das nicht ironisch?

Ja, wie hat diese Veränderung stattgefunden?
Das ist eine schwierige Frage, denn das Album ist ein dunkler, fast schon komödiantischer Rückblick. Ich war an einem Punkt angelangt, an dem ich tatsächlich Fortschritte in meiner Karriere machte. 2019 war das Jahr, in dem ich das erste Mal meine eigenen Touren als Headliner spielen konnte. Die Dinge fügten sich, es ging vorwärts. Schließlich sind mehr als zehn Jahre vergangen, in denen ich ununterbrochen und ohne andere Jobs an verschiedenen Platten gearbeitet habe. Schon vor dem Prozess der Albumproduktion für »Innocent Country 2« haben sich Möglichkeiten aufgetan. Ich bin mir sicher, dass sich das auf die positive Grundstimmung des Albums ausgewirkt hat. Gleichzeitig scheinen sich Dinge um mich zu verwirklichen, die einfach beschissen sind. Der Unterton von »Innocent Country« ist wie Murphys Gesetz. Alles was schiefgehen kann, wird schiefgehen.

Trotzdem klingt das Album wie eine Antithese zum Vorgänger. Die Hoffnungslosigkeit, die auf der ersten Platte so präsent war, ist verschwunden. Woher kommt dieser wiedergewonnene Optimismus?
Die Hoffnungslosigkeit ist nicht wirklich weg. Sie ist einer Akzeptanz gewichen. Die Situation ist beschissen, aber was will man machen?

Ohne zynisch rüberzukommen: Ist das eine gute Ausgangslage, um kreativ zu sein?
Man hat ständig kreative Gedanken, die sich aus der Situation ergeben. Aber wenn du mich fragst, ob es gerade eine bessere Zeit für mich ist, um kreativ zu sein – definitiv nicht. Eigentlich sollte ich diesem Monat unterwegs sein und Shows spielen. Jetzt ist meine Tour abgesagt. Stellt sich also die Frage: Wie geht es beruflich weiter? Die Sache ist nicht nur ein Hobby. Es ist meine Karriere. Deshalb fühlt sich das alles sehr entmutigend an. Ich muss mein ganzes Jahr neu planen. Wenn man das berücksichtigt, ist Kreativität nicht gerade das, worüber ich nachdenke. Im Moment hat die Gesundheit meiner Familie Priorität.

Der Name des Albums deutet auf eine Fortsetzung von »Innocent Country« hin. Wird sich die Situation, mit der wir in Part 1 konfrontiert waren, einfach in verschiedenen Situationen fortsetzen?
Es ist wie bei »Und täglich grüßt das Murmeltier«. Die Sache wird weiterhin beschissen sein, weil es immer negative Energie geben wird. Die Frage ist: Wie kann man es schaffen, das Positive darin zu erkennen? »Innocent Country 1« entstand aus dem Gefühl, dass man sich einfach damit abfindet, die Hände hochwirft, einen Scheiß darauf gibt. Bei »Innocent Country 2« wirfst du die Hände zwar immer noch hoch, aber du sagst »Yay« und nimmst dir das Positive raus. Ich weiß ich nicht, welche Option die bessere ist.

Für dich scheint es zu funktionieren. Wie hast du diese Akzeptanz gefunden?
Man schreibt Dinge zu einer bestimmten Zeit und sie bedeuten etwas zu einer bestimmten Zeit. Der Sinn verschiebt sich, er entwickelt sich weiter – einerseits weil das Leben weitergeht. Und andererseits, weil das Album andere Formen annimmt. Die Aufnahme war Teil des Prozesses. Nach all den Dingen, die während der Entstehung passiert sind, hat das einen starken Einfluss auf die Akzeptanz unserer Situation gehabt. Es ist, als würde ich altes Gepäck abladen. Manchmal gibt es sehr seltsame Beziehungen, die sich aus dem Produktionsprozess ergeben – seltsame Realitäten. Wo du dir denkst: »Ich liebe es, das zu tun, aber ich habe momentan keine Lust dazu.« Es ist die Kombination all dieser Dinge, die sich in den Songs abbilden.

»Innocent Country 2« ist das vierte Album unter deiner Serie »2Dirt4TV«. Was ist der Unterschied zu üblichen Platten von Quelle Chris?
Der Name ergab sich, als ich 2012 mit “Dibia$e”http://www.hhv-mag.com/de/glossareintrag/1825/mr-dibiase an der ersten »2Dirt4TV«-EP herumschraubte. Ich war in Sacramento, wir saßen eine Woche in seinem Zimmer und arbeiteten das Album aus. Wir haben viel gescherzt und irgendwann kam die Idee auf, dass es »too dirt for TV« sei. Das passt zur Musik. Grundsätzlich geht es bei der Sache darum, dass eine andere Person die Produktion übernimmt. Die erste Platte entstand mit Dibia$e, die zweite war »Niggas Is Men«, die vor allem Messiah Musik mit ein paar Koproduktion von mir produzierte. Dann kam »Innocent Country« mit Chris Keys. Und jetzt ist es wieder Chris.

Wie bei der ersten »Innocent Country« spielt Chris Keys so ziemlich alle Instrumente auf der Platte. Wie hast du Chris kennengelernt?
Das war vor einigen Jahren in Oakland. Er hat mit Roc Marciano an einem Projekt gearbeitet und ich hab mich in dieser Zeit viel mit Roc getroffen – er ist ein großartiger Typ und sicher einer der talentiertesten MCs, die wir da draußen haben. Roc hat mich Chris bei einer Session vorgestellt. Wir haben uns gut verstanden und sofort darüber gesprochen, gemeinsam ein Album zu machen – der Beginn eines sehr langen Prozesses, der Jahre später zu »Innocent Country« führen sollte. In diesem Prozess wurden wir enge Freunde und bildeten eine etwas Dragon Ball Z-artige Zusammenarbeit. Die Kommunikation wurde immer besser, es war und ist ein Geben und Nehmen auf Augenhöhe. Der Rest ist Geschichte. (lacht)

»Die Hoffnungslosigkeit ist nicht wirklich weg. Sie ist einer Akzeptanz gewichen. Die Situation ist beschissen, aber was will man machen?« (Quelle Chris)

Du erwähnst, dass ihr Jahre vor dem Erscheinen von »Innocent Country« mit der Produktion begonnen habt. Das war 2015. Jetzt sind wieder einige Jahre für den Nachfolger vergangen. Wie bist du auf die Idee gekommen, »Part 2« zu machen?
Die Fortsetzung hat sich irgendwie ergeben. Es gibt Projekte, bei denen du jahrelang nicht weiterkommst. Mit »Innocent Country 2« war das anders. Ich hatte letztes Jahr eine Show beim Oakhella Festival in Oakland. Damals hatte ich bereits ein anderes Projekt im Kopf. Vor der Show traf ich Chris und er spielte mir einige Tracks vor. Es fühlte sich sofort richtig an. Ich hörte die ersten Skizzen von dem, was später »Mirage« und »Horizon« werden sollte. Wir haben also beschlossen, eine Fortsetzung von »Innocent Country« zu machen. Chris spielte alle Instrumente. Es war wirklich wie bei »Tubular Bells« von Mike Oldfield – einem meiner Lieblingsplatten – wo das Cover die Instrumente auflistet und es heißt immer nur Mike Oldfied, Mike Oldfield, Mike Oldfied.

Was macht »Tubular Bells« für dich so besonders?
Du findest dort so viele Dinge drin. Es ist eine Reise, weil die Musik visuell ist und ihre Komplexität in der scheinbaren Einfachheit findet. Ich hatte verdammt gute Zeiten, als ich diese Platte hörte.

Ein Titel, der auf deinem Album heraussticht, ist »Sudden Death«. Der Track unterscheidet sich einfach von allem, was du bisher gemacht hast. Sehr melodisch, fast schon ein Popsong. Wie bist du in diese Richtung gekommen?
»Sudden Death« geht ein bisschen in die Richtung von der Musik, die ich seit Anfang der 2000er Jahre als Awesome In Outer Space produziert habe. Es gibt drei Platten davon. Die erste war »Songs About U«, die zweite war »Little Sun« und die dritte war »Bones for Girls« – die kann man immer noch auf Bandcamp finden, auch wenn es bei der letzten Platte nicht so sehr ums Singen geht (lacht). Ich hatte also immer schon solche Songs, aber ich kann das nicht zu oft machen. Man muss einen guten Platz für sie finden.

Ein anderes Highlight ist »Mirage« mit Features von Earl Sweatshirt, Merril Garbus und Denmark Vessey. Im Outro spricht Big Sean ein paar großartige Zeilen zu Unsicherheit und dem Bedürfnis nach Kunst – was sowohl dystopisch als auch perfekt in unsere aktuelle Situation passt. Kannst du mir etwas über die Produktion von »Mirage« erzählen?
Das war einer der ersten Beats, mit denen wir begonnen haben. Chris gab mir einen 20-Sekunden-Clip davon und ich wollte das direkt ausarbeiten. Er schickte mir ein paar verschiedene Tonhöhen und ich fing an zu schreiben. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich, dass ich Earl und Denmark auf dem Track haben will. Ich schrieb beiden und schickte ihnen den Beat. Das war lange bevor das Ding fertig wurde, weil ich wusste, dass es mit ihnen am längsten dauern würde, ich kenne die Typen ja. Es ist bei mir auch so: wenn mich jemand bittet, etwas zu tun, dauert die Sache immer am längsten. Ich fuhr also ein zweites Mal nach Oakland, um mit Chris im selben Raum zu arbeiten. Merril kam ins Studio, weil sie den Refrain für »Graphic Bleed Outs« geschrieben hat. Während sie den Take einsang, kam ich auf die Idee, ein ständiges Singen im Hintergrund des Songs haben zu wollen. Ich machte ein paar Skizzen, Merril übernahm und machte was viel besseres draus (lacht). In der Zwischenzeit schickte Earl seine Lines. Schließlich steuerte Denmark noch einen tighten Vers bei – meine zweitliebste Strophe auf dem Album.

Und dein Lieblingsvers?
Starr Busbys Vers auf »Make It Better« ist … ein Killer-Ding.

Quelle Chris & Chris Keys – Innocent Country:Season 2Blue Vinyl 2LP | ● Vinyl 2LP | ● CD Apropos Killer – auf dem Cover von »Innocent Country« waren Comicfiguren abgebildet, die sich gegenseitig erstechen. »Innocent Country 2« sieht ganz anders aus – schwarzer Hintergrund, Wolken und auch die Silhouette einer Orange mit einer Zigarette ist drauf. Was steht da für eine Geschichte dahinter?
Vor der Idee mit der Orange habe ich lauter Figuren gezeichnet. Eine von ihnen hat ausgesehen wie Tropicana Orange (Orangensaft, Anm.). Chris sah das Ding und meinte: »Weißt du, dass das Album-Cover sein sollte? Es sollte nur eine Orange sein, aber anstelle eines Strohhalms ragt ein Zigarettenstummel aus ihr heraus« (lacht). Natürlich kann man viel hineinlesen. Ich versuche das gar nicht zu interpretieren, weil die Bilder für sich sprechen. Auf jeden Fall hatte ich diese Orange – und mein Homey Skor Rokswell steuerte die Kalligrafie bei. Wir haben damit herumgespielt und versucht, es wie Untertitel für einen Film aussehen zu lassen. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich immer noch nicht ganz sicher, wie es aussehen sollte – ich wollte eindeutig die Orange mit der Zigarette. Chris und ich hatten uns bereits darauf geeinigt. Als dazu das schwarze Layout entstand, fühlte es sich wie die Eröffnung eines Films an, von dem ich nicht sicher war, ob ich ihn kannte. Ich wusste aber, dass ich mehr über ihn wissen wollte.


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1 Kommentare
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