Music Porträt | verfasst 26.05.2020
Motohiko Hamase
Gemeinsam mit der Welt allein
Motohiko Hamase beendete seine Karriere in der Jazz-Szene Japans so schnell, wie sie begonnen hat. In einem Zeitraum von knapp einem Jahrzehnt veröffentlichte er fünf Alben mit ausgesprochen wundersamer Musik. Ein Porträt.
Text Kristoffer Cornils
Motohiko+hamase+c+wrwtfww

Die Schallplatten von Motohiko Hamase findest du bei HHV Records.


Wer Bass spielt, tut das meistens nicht allein. Anders Motohiko Hamase, der sich nach einer kurzen und intensiven Zeit als Teamplayer mit seiner Musik als Solipsist etablieren sollte. In seinen Zwanzigern sammelte der Japaner zwar eine Reihe von Meriten in der hyperaktiven Jazz-Community Tokyos, wandte sich nach wenigen intensiven Jahren aber von der Szene ab. Nachdem er ab 1976 unter anderem mit Isao Suzuki, Kazumi Watanabe, Tsuyoshi Yamamoto, Mikio Masuda, Takao Uematsu, Minami Yasuda und Kazumasa Akiyama auf der Bühne und im Studio als Kontrabassist zusammengearbeitet hatte, wurde das Jahr 1982 das produktivste in seinem Schaffen, bedeutete aber zugleich einen Umbruch.

Innerhalb kurzer Zeit spielt er zwei Alben mit Jazz-Standards mit einer Gruppe ein, die sich den nüchternen Namen Jazz gab und unter anderem Drummer Hideo Yamaki und Saxofonist Yasuaki Shimizu von der New-Wave-Gruppe Mariah zu ihren Mitgliedern zählte. Das Projekt veröffentlichen seine Musik auf dem Nippon-Columbia-Sublabel Better Days, einem kurzlebigen, aber prägenden Imprint, auf dem unter anderem Ryūichi Sakamoto seine ersten Solo-Release veröffentlichte und das auch dem Mkwaju Ensemble, Colored Music und Hasames altem Bekannten Kazumi Watanabe ein Zuhause bot.

Hamase befindet sich in einem höchstkreativen Umfeld, das sich mit Jazz allein nicht mehr zufrieden gibt – wie auch er selbst nicht. Neben professionellen Gastauftritten wie auf Pierre Barouhs »Le Pollen« spielt er im Jahr 1984 noch den Bass für Kazuhiko Izus Soundtrack zum Anime »Domu: A Child’s Dream« von »Akira«-Schöpfer Katsuhiro Otomo, hat sich zu dieser Zeit aber weitgehend von der Musikindustrie verabschiedet. Er gibt lieber Privatunterricht und schreibt eine Reihe von Büchern über Basstechniken, um die Miete herein zu bekommen. Ansonsten aber ist er desillusioniert von einer Szene, die von Verwertungslogiken geprägt ist und seinem avancierten Spiel mit Unverständnis begegnet.

Zwei Jahre nach seinem letzten Engagement im Schatten anderer debütiert Motohiko Hamase gleich doppelt als Solo-Komponist: Im Januar erscheint das Album »Reminiscence«, zehn Monate später »Intaglio«. Beide werden auf dem Label des ehemaligen Far-East-Family-Mitglieds Kitaro veröffentlicht und passen sich einigermaßen nahtlos in den von New-Age-Ideen und Synthesizer-Exkursen geprägten Katalog ein. Sie fallen aber durch ihren eigenwilligen Klang auf. Der nur selten vom Pianisten Toshio Kaji begleitete Hamase spielt einen Fretless-Bass, dessen sich windendes Spiel die von Steve Reichs Minimal Music ebenso wie von japanischen Vierte-Welt-Visionen dieser Zeit beeinflussten Kompositionen umschmeichelt wie ein Windhauch aus Fußnoten. Er gibt lieber Privatunterricht und schreibt eine Reihe von Büchern über Basstechniken, um die Miete herein zu bekommen. Ansonsten aber ist er desillusioniert von einer Szene, die von Verwertungslogiken geprägt ist und seinem avancierten Spiel mit Unverständnis begegnet. Der extrem aseptische Sound dieser Aufnahme unterstreicht nur die merkwürdige Synthese aus einlullenden Atmosphären und hochkomplexem Muckertum: Hamase etabliert sich mit einem Doppelschlag als der Ausnahmemusiker, als welcher er sich in der Jazz-Szene nicht einpassen konnte. Als jemand, der seinen Platz in der Welt kennt und dort allein ist, sich aber nicht einsam fühlt.

Wieder verstreichen zwei Jahre. Nachdem Hamase auf ein Stelldichein mit dem geistesverwandten New-Age-Don Yas-Kaz für dessen Album »Moon Rabbits« ins Studio geht, erscheint 1988 »♯Notes Of Forestry«. Für das von Yoshio Ojima produzierte Album lädt er unter anderem Satsuki Shibano ins Studio ein, die noch vier Jahre zuvor mit ihren Erik-Satie-Interpretationen nach Hiroshi Yoshimura und Satoshi Ashikawa den dritten Teil der legendären »Wave Notation«-Serie übernommen hatte. Die Kollaboration scheint auch deswegen schlüssig, weil sich Hamase thematisch eindeutig der kankyō ongaku, der japanische Ambient- beziehungsweise Umweltmusik annähert. Die perkussiven Momente, Blasinstrumente und das Klavier treten in den Vordergrund, der Bass integriert sich wesentlich dezenter im Gesamtbild.

Hamase pausiert daraufhin erneut und konzentriert sich auf seine akademische Karriere. Diesmal herrscht für fünf Jahre Funkstille, bis erneut ein Doppelpack erscheint: Im Jahr 1993 legt er zeitgleich das Live-Album »Anecdote« und »Technodrome« vor, seine Vision von »Ambient House«, wie er es nennt. »Technodrome« erscheint drei Jahre, nachdem The KLF diesen Begriff mit »Chill Out« international bekannt gemacht hatten und erinnert stattdessen eher an den Vierte-Welt-Funk von Brian Eno und David Byrne, Bill Laswells Dub-Produktionen oder sogar IDM- und Clicks’n’Cuts-Musik, wie sie zur selben Zeit auf Warp und Mille Plateaux erstmals ausformuliert werden. »Anecdote«, für das neben dem alten Bekannten Kaji auch der Drummer Yasunori Yamaguchi nach seiner Zuarbeit für »♯Notes Of Forestry« erneut vorbeischaut, steht schon eher in der Tradition von Hasames Frühwerk – was heißt, dass die sich wundersam durch Zeit und Raum bewegenden Endlosbasslines wieder in den Vordergrund rücken.

Es sind die bisher letzten Solo-Alben des Komponisten, der ähnlich wie sein vormaliger Kollege Yasuaki Shimizu oder Produzent*innen wie Midori Takada und Hiroshi Yoshimura ein Revival erlebt hat, das mit Reissues über den Mule-Musiq-Ableger Studio Mule und das Schweizer Reissue-Label We Release Whatever the Fuck We Want gewürdigt wurde. »Reminiscence« und »Intaglio« werden von Hamase, der Mitte der Nullerjahre mit dem Motohiko Hamase E.L.F Ensemble sowie dem befreundeten Saxofonisten Naruyoshi Kikuchi wieder die Bühne betreten und ein Live-Album veröffentlicht hatte, glatt neu eingespielt – mit ausgewählten Kolleg*innen. Wer Bass spielt, tut das meistens nicht allein. Anders Motohiko Hamase. Der steht ständig mit der Welt in Dialog, und sei es nur seiner eigenen.


Die Schallplatten von Motohiko Hamase findest du bei HHV Records.

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