Music Porträt | verfasst 14.04.2011
Panda Bear
Stilbruch mit System
Panda Bear hat seine Nische im weiten Feld der Popmusik gefunden, indem er komplexe Musik radiotauglich macht. Auch das rauschende Tomboy erhält den Spagat zwischen Popaffinität und avantgardistischem Stilbruch bei.
Text Maximilian Link
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Panda Bear alias Noah Lennox ist einer, der immer alles anders machen muss. Der musikalische Singer/Songwriter-Stillstand á la William Fitzsimmons, bei dem sich jedes Album so anhört wie das vorangegangene, ist ihm ein Graus. So heißt der Opener der neuen Platte Tomboy folgerichtig You Can Count On Me. Man kann darauf zählen, dass dieses neue Album anders klingen wird als seine Vorgänger. Auf dem Stück Stick To My Side, das Panda im letzten Jahr mit Pantha du Prince – wie diese beiden wohl zueinander fanden – aufnahm, finden sich die folgenden Zeilen, welche wohl am ehesten das Gesamtwerk zusammenfassen: »Why stick to the things that I’ve already tried?«
Jene Philosophie oder besser gesagt jener Zwang zeigt sich jedoch nicht nur in der Unterschiedlichkeit der Alben zueinander. Am Liebsten sind Noah Lennox die Stücke, die er in einer Sitzung fertigstellen kann. Idee, Zack, Musik, Zack, Text, Zack, fertiger Song, Bumm. In der Romantik nannte man das »spontane Dichtung«, heute würde man eher formulieren, Waldorfschüler Noah Lennox sei ein Kind der Generation, deren Konzentrationsspanne nicht gerade – sagen wir wohlwollend – lang ist. Sei es, wie es sei: Panda Bear hat seine Nische im weiten Feld der Popmusik gefunden, indem er komplexe Musik radiotauglich macht – und vice versa.

Mosaik der Popgeschichte
Mit 20 produziert Panda sein erstes, selbstbetiteltes Soloalbum im Eigenverlag. Das Konzept des Albums bestach v.a. durch das Fehlen eines solchen: »Ich glaube, ich hatte damals überhaupt keine Ahnung, was ein Album ausmacht, also habe ich einfach einige meiner liebsten Songs zusammengestellt.« Es folgt eine intensive Zeit zusammen mit seiner Band Animal Collective, in der die Band ca. ein Album pro Jahr veröffentlicht. 2004, sechs Jahre später, beginnt Panda Bear die Arbeit an seinem zweiten Soloalbum Young Prayer. Innerhalb weniger Tage erarbeitet er unter dem Vorzeichen des sterbenden Vaters – er schreibt die Songs direkt am Sterbebett und gibt sie dem geliebten Vater zu lesen – ein ganzes Album, und nimmt es ebenso schnell mit Animal-Collective-Kollege Deakin auf. »Ich wollte es einfach schnell fertig haben.« Die Songs sind minimalistisch gehalten, nur wenige akustische Instrumente begleiten hier das traurige Falsett von Panda Bear. Darüber hinaus erhält keines der Stücke einen Titel.
»Ich war die strenge Form des Samplens leid. Als ich an Nirvana und die White Stripes dachte, hatte ich die Idee, die Musik wieder mehr von Gitarre und Rhythmus leben zu lassen.« (Panda Bear) Einem breiteren Publikum bekannt, wurde Panda Bear im Jahr 2007. Animal Collective veröffentlichte das erfolgreiche Strawberry Jam, aber v.a. Pandas drittes Soloalbum Person Pitch war es, das in den Kritikerhimmel gelobt wurde. Dazu legte er eine Kehrtwende ein – sowohl was die Methode des Songschreibens anbelangt, als auch in der Grundstimmung des Albums. Dieser hört man die vorangegangene Übersiedlung von New York City ins europäisch-langsame Lissabon deutlich an. »Try to remember always to have a good time« singt der Tenor nostalgisch verklärt über die mantrahaften Ah-Samples, die den Song Comfy in Nautica von Anfang bis Ende strukturieren. Ohne das hippieske Reverb-Gejaule auf Person Pitch wäre das Vintage-Feeling wohl nicht möglich gewesen. Was die Songs aber vom Surfer-Pop abhebt, ist die Struktur. Aus verschiedenen Samples der Musikgeschichte bastelt Panda Bear persönliche 12-Minuten Epen wie das hervorragende Bro’s zusammen. Scheinbar strukturlos dümpeln diese Songs dahin, doch irrtümlich, denn ihnen wohnt insgeheim der Geist der elektronischen Musik inne, die vom Wiederholen und von der zu- und abnehmenden Dynamik lebt. The Kinks und die Beach Boys sind für Panda – so die »liner notes« – nämlich ebenso Inspiration wie Kraftwerk und Aphex Twin.

Stilbruch bei vollem Bewusstsein
Der scheinbar von der portugiesischen »Benfica«-Mentalität (so auch der Titel des Schlusstracks) inspirierten Chillwave-Stimmung bleibt Panda auf Tomboy zwar treu. Jedoch markiert das Album eine Abkehr von den epischen Songausmaßen und auch eine erneute Änderung der Arbeitsmethode. »Ich war die strenge Form des Samplens leid. Als ich an Nirvana und die White Stripes dachte, hatte ich die Idee, die Musik wieder mehr von Gitarre und Rhythmus leben zu lassen.« Auf dem Stück Surfer’s Hymn entdeckt Panda, dass seine hohe Stimmlage außerordentlich mit der Steel-Drum harmoniert und nähert sich so zwangsläufig einer Band wie Vampire Weekend an. Das Leitmotiv, also der Spagat zwischen Popaffinität und avantgardistischem Stilbruch-Bewusstsein, bleibt allerdings stets erhalten. Glücklicherweise hat man es bei Noah Lennox nicht mit jemandem zu tun, der gerne zuviel auf einmal will – sondern mit jemandem, der diesen Spagat in sämtlichen Gewändern hinbekommt. Und natürlich immer diese durch den heavy reverb gejagte kindliche Chorstimme, die scheinbar zu jedem Sound gleich gut passt, zur nackten Gitarre auf Young Prayer wie zum Dreampop-Sound auf den späteren Alben.

Das Album Tomboy von Panda Bear findest du bei hhv.de: CD | LP
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