Music Interview | verfasst 22.07.2011
Ghostpoet
My United K of Whatever
Während The Streets gerade seinen Abschied feiert, scheint ein mehr als legitimer Nachfolger bereits gefunden. Auch Ghostpoet macht aus kleinen Studien des Menschen pointierte Beiträge zu unserer Gegenwart. Wir sprachen mit ihm in Köln.
Text Julian Brimmers
2117-ghostpoet20111-www.hhv-mag.com

Mike Skinner hatte den Laden noch nicht richtig zugesperrt, da fahndeten NME und Konsorten schon nach dem designierten Thronfolger für die Sparten »UK-Kitchen-Sink Realismus« und »Hybrid-Dance«. Ghostpoet wurde nicht zuletzt dank Brownswood-Signing und Feature-Präsenz auf Cyberspace And Reds, dem letzten The Streets-Mixtape, heiß gehandelt. Dabei hat sein überragendes Debüt Peanut Butter Blues & Melancholy Jam solche Referenzschlachten überhaupt nicht nötig. Mit seiner leicht vernuschelten Delivery irgendwo zwischen »melodisch-tragisch« und »hackedicht«, sowie den punktgenauen Versen über zu langsame Menschen in hektischen Zeiten, trifft Ghostpoet jedenfalls mehr als nur einen Nerv. Dass seine selbstproduzierten Tunes zu jeder Zeit tanzbar bleiben, macht alles nur besser. Wir sprachen mit dem sympathischen Coventry-London-Pendler nach seinem Gig mit TV On The Radio in Köln.

Du bist in London aufgewachsen und zum Studieren nach Coventry gezogen. Abgesehen davon, dass Coventry die am weitesten vom Wasser entfernt liegende Stadt Englands ist, sind Terry Hall von den Specials und Pete Waterman von Stock Aitken & Waterman dort geboren. Welcher Sound dominiert die Gegend?
Ghostpoet: Stimmt, es ist sowas wie der absolute Mittelpunkt von England. Ich wollte nach dem Studium bleiben, meine Freundin kommt dort her. Als es dann aber mit der Musik richtig losging, zog es mich doch wieder nach London, wo das Umfeld doch etwas kreativer ist… Coventry hat zwar auch kleinere Szenen, Jungle und Drum’n’Bass waren dort immer groß, aber Coventry ist vor allem eine Indie-Stadt. In London haben meine Eltern meistens traditionelle afrikanische Musik, viel Calypso und Reggae gehört. Später habe ich über die Piratensender Hip Hop und frühen Garage mitbekommen. Für meine eigene Musik war es jedenfalls nie ein bewusster Plan, möglichst viele verschiedene Stile in einem Song zusammenzufassen oder so… ich habe einfach angefangen Sound zu machen und das kam am Ende dabei raus.

In deiner Studentenzeit warst Du MC in einer Grime-Crew. Für Leute außerhalb des UK war Grime auch deshalb so faszinierend, weil es sich wie eine originär britische Ausprägung angefühlt hat. Wie war das für Euch und wie hat sich dein Stil entwickelt?
»Ich wollte mich also als kompletten Menschen auf das Album bekommen, weniger als einen erfundenen Charakter.« (Ghostpoet) Ghostpoet: Mir ging es genau so! Grime hatte dieses UK-Feeling, das ich auch als positiv annehmen konnte. Ich habe damals schon viel Indierock und elektronische Dance-Musik gehört, die im Endeffekt auch aus England kam. Aber bei Grime fühlte es sich wie etwas völlig Neues, sehr Zeitgemäßes an, weshalb ich dann auch erstmal ein paar Jahre damit verbracht habe. Hinzu kam, dass mein gesamtes Umfeld Grime gefeiert hat. Als Grime MC habe ich ständig Lyrics geschrieben und diese dann auf Beats gelegt. Bei meinen Solo-Sachen gehe ich viel Song-orientierter vor. Ich produziere Musik und schreibe gleichzeitig die Texte, was den Vorteil hat, dass ich mich an überhaupt keine festen Strukturen mehr halten muss. Für mich funktioniert das so am besten. Um eine bestimmte Atmosphäre zu erschaffen müsste man schon wirklich sehr lange mit einzelne Produzenten zusammen arbeiten. Das kann natürlich auch passieren, aber zumindest in meiner Kunst möchte ich keine Kompromisse machen. Da bin sehr stur… (lacht)

Zwei Namen, die in Zusammenhang mit dir stets fallen sind Mike Skinner und Gilles Peterson…
Ghostpoet: Ich bin natürlich sehr froh, mit diesen beiden in Verbindung gebracht zu werden. Mike Skinner und ich haben eine gemeinsame Freundin, die mir sagte, er könne sich vorstellen, einen meiner Verses auf sein Mixtape zu nehmen. Und so einfach war es dann auch, ich habe etwas geschrieben, er mochte es und hat mich seitdem sehr unterstützt. Eigentlich hätte mich die Situation sehr viel mehr stressen müssen… (lacht) Aber ich dachte eben, dass er wegen meiner bisherigen Sachen aufmerksam wurde, also tat ich ich genau das. Gilles wiederum hat meine Demos auf MySpace gehört und mich in sein Büro eingeladen. Brownswood bietet mir ein tolles Arbeitsumfeld, wo man mich genau das machen lässt, was mir vorschwebt.

Die meisten Kritiker haben v.a. die melancholischen, zerbrechlichen Momente des Albums hervorgehoben, obwohl es auch sehr humorvolle Stellen hat. Ist es das, was einen Dichter von einem MC unterscheidet, dieses Ausstellen der eigenen Verletzlichkeit?
Ghostpoet: Nun, ich denke, dass das stimmen kann. Ich selbst verstehe mich nicht als Dichter, aber so wie ich mit dir spreche, so spreche ich auch auf der Platte. Ich wollte mich also als kompletten Menschen auf das Album bekommen, weniger als einen erfundenen Charakter. Auch Songs, in denen ich mich in andere Rollen hineindenke, wie__Survive It__, handeln vom Leben wie ich es kenne oder von Menschen, die ich kenne. Nur die Erzählperspektive ändert sich. Insofern ist darüber zu schreiben, weder schwer noch leicht, solange es so nah wie möglich an meiner Lebenswelt passiert.

Andere Motive, auf die du häufig zurückgreifst, sind Vergänglichkeit, aber auch die ständige Bewegung und das Gefühl, ausgebrannt zu sein…
Ghostpoet: Das scheint mir die universelle Botschaft zu sein, die jeder verstehen kann. Selbst wenn Du zehn Jahre lang in deinem Sessel sitzt, irgendwann musst Du aufstehen, essen, dich entwickeln. Es war definitiv eine bewusste Entscheidung für Themen, die in England, Deutschland, China, wo auch immer, verstanden werden können. Gleichermaßen möchte ich in Zukunft auch viel mehr mit Leuten aus aller Welt zusammen arbeiten, remixen, andere Künstler produzieren. Alles was kreativ ist: Ich mache es! (lacht)

Das Album Peanut Butter Blues & Melancholy Jam von Ghostpoet findest du bei hhv.de: LP | CD
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