Yussef Dayes über wertvolle kindliche Mentalität und die nächsten 200 Jahre

18.09.2023
Foto:© Brownswood
Yussef Dayes spricht nicht oft in der dritten Person von sich. Tut es der 30-jährige Jazzdrummer doch, dann weil er »die Geschichte von Yussef Dayes, dem Typen aus Südlondon«, erzählen will. Mit seinem Solodebüt »Black Classical Music« soll genau das passieren.

»Jetzt ist mein Moment«, sagt Yussef Dayes. Ein Moment, auf den er seit Jahren wie ein Besessener hingetrommelt hat – sei es mit »Black Focus« mit Kamaal Williams oder via Blue Note mit Tom Misch, als United Vibrations Group unter Brüdern oder vor den Lehreraugen Billy Cobhams. Wer im Gegenwarts-Jazz was draufhat, ging gestern mit Yussef Dayes ins Studio. Und er heute mit ihnen.

»Black Classical Music« ist Dayes Solodebüt – auch wenn neben seinem inner circle um Rocco Palladino, Venna und Tom Misch auch Ancestors wie Shabaka Hutchings mitwerkeln, ist es erstmals nur seine Sicht. Deshalb blickt Dayes auch vom Cover – grimmig und mit Riesenafro steht er da als junger Bub auf der Veranda seines Elternhauses. »Gute Zeiten waren das«, sagt er. »Nur ich und mein Schlagzeug zwischen den Pflanzen meiner Mom.«

Inzwischen hat Dayes eine eigene Familie gegründet. Er lebt immer noch in Südlondon, fährt ein schickes Auto, spielt bald eine ausverkaufte Show in der Royal Albert Hall. Und steht trotzdem erst am Anfang, wie er behauptet. Denn – und da wechselt er dann doch nochmal in die dritte Person – »die Story von Yussef Dayes« ist noch lange nicht auserzählt.


Mit vier Jahren hattest du die Wahl zwischen einem Elektroauto und einem Schlagzeug, hast du mal in einem Interview gesagt. Wo wärst du, hättest du dich damals für das Auto entschieden?
Yussef Dayes: Vielleicht wäre ich Lewis Hamilton und würde auf Formel-1-Strecken rumfahren, wer weiß? Eigentlich habe ich mich aber immer für das Schlagzeug entschieden. Ich habe das nie in Frage gestellt, nicht einmal als vierjähriges Kind, als ein Elektroauto spannender gewesen sein mag.

Welches Auto fährst du heute? Einen schwarzen Focus?
Nein, einen schwarzen Jaguar.

Was bedeutet Erfolg für dich?
Darüber habe ich bisher nicht nachgedacht. Ich versuche nur, den Hunger zu behalten. Schließlich hab ich mich immer schon als Außenseiter und Underdog verstanden. Ich musste extrem hart arbeiten, um an den Punkt zu gelangen, an dem ich jetzt bin. Und es hört nicht auf. Vor ein paar Monaten haben ein paar Freunde zu mir gesagt, jetzt, wo dein Album herauskommt, kannst du dir eine Auszeit nehmen, oder? Ich dachte nur, was meint ihr? Ich muss noch Videos drehen, für die Tour proben, Promo machen und so weiter.

»Ich bin also nicht so sehr darauf fixiert, erfolgreich zu sein. Ich will einfach nur geile Rhythmen spielen.«

Yussef Dayes

Ich frage nach Erfolg, weil du schon früh erfolgreich warst.
Meine Leute wussten, was ich drauf hab, und sie haben es mich wissen lassen, klar. In der Schule war das anders. Da gab es andere Schlagzeuger, die gut waren. Ich sehe Musik zwar nicht als Wettbewerb. Als Kind will man aber der beste Schlagzeuger der Welt sein. Erst als ich älter wurde, hab ich gemerkt, dass ich nicht nur einen Lieblingsschlagzeuger habe, sondern viele. Ich bin also nicht so sehr darauf fixiert, erfolgreich zu sein. Ich will einfach nur geile Rhythmen spielen.

Gab es jemals einen Moment in deinem Leben, in dem du hinterfragt hast, was du machst?
Nein, deshalb zeigt mich das Albumcover als Kind. Ich möchte mich an diese kindliche Mentalität erinnern. An die Zeit, als ich mein erstes Schlagzeug geschenkt bekommen habe. Damals habe ich nicht an die Zukunft gedacht. Ich habe die Energie und die Leidenschaft geliebt, weil die Musik die Leute zum Tanzen gebracht hat und die Bassdrum so schön den Magen massiert hat.

Es gab nie einen Moment, in dem du das Gefühl hattest, dass es nicht klappen könnte?
Doch, klar! Ich habe Shows gespielt, wo zwei Leute da waren – und dann sind sogar die gegangen. Ich hatte aber auch Auftritte, bei denen 300 Leute kamen und alle durchgedreht sind. Man spürt dann, dass die Energie auf Gegenseitigkeit beruht. Manchmal muss man also kämpfen und sich aufraffen. Es geht um Überlebensenergie. Ich bin ja nicht einfach so an den Punkt gelangt, an dem ich jetzt bin, auch wenn manche Leute das denken.

Weitermachen, egal was passiert?
Ich habe vielleicht in Frage gestellt, ob mir Musik eine Karriere ermöglicht. Gleichzeitig habe ich aber nie hinterfragt, dass ich Schlagzeuger bin.

»Es geht um Überlebensenergie.«

Yussef Dayes

Dass einem 300.000 Menschen auf Instagram folgen und man bald eine ausverkaufte Show in der berühmtesten Konzerthalle der Welt spielt, hilft ein bisschen, oder?
Ich bin dankbar, dass ich eine Plattform habe und dass ich sie nutzen kann, aber ich versuche, diesen Dingen nicht zu viel Aufmerksamkeit zu schenken. Das sind alles nur Statistiken und Zahlen, die von dem ablenken können, was man eigentlich tun will. Sobald du Musik machst, weil du an Spotify oder was auch immer denkst, verlierst du das Gefühl dafür, warum du ins Studio gehst, Musik machst und sie mit anderen teilst.

Die Royal Albert Hall auszuverkaufen, das ist nicht geil?
Ich steh auf einer Bühne, seit ich sieben oder acht Jahre alt bin. Wenn man an einen Punkt kommt, an dem man in Arenen spielen kann, ist das ein Segen.

Bei allen Statistiken und Zahlen: Wie stellst du sicher, dass dir der Spaß nicht abhanden kommt?
Manche Leute wollen Billionäre sein und wären nicht einmal zufrieden, wenn sie genug Geld hätten, um ein Haus zu kaufen und ihre Familie zu ernähren. Ich versuche mich daran zu erinnern, dass ich Luft zum Atmen, Wasser zum Trinken und ein Dach über dem Kopf habe. All das ist für viele Menschen auf diesem Planeten nicht selbstverständlich. Gleichzeitig mache ich aber auch keine Musik, die allen gefallen muss. Ich würde ohnehin nur meine Zeit verschwenden.

Das klingt so, als hättest du darüber viel nachgedacht.
Ich verschließe mich vor dem Gedanken, dass ich wirklich gut und ein toller Schlagzeuger bin. Ich möchte einfach neue Rhythmen lernen und mehr Maestros kennenlernen – um zu lernen. Denn das Leben ist begrenzt. Manche mögen sich den Bauch voll schlagen und zufrieden sein. Aber ich höre nie auf, nach mehr zu streben.

»Black Classical Music« ist dein erstes Soloalbum. Darauf sind viele Features. Wie unterscheidet sich das Album von deinen früheren Kollabos?
Alle die anderen Platten sind auch meine Babys. Es ist meine Arbeit und meine Liebe, die in diese Projekte geflossen ist. Bei Kollaborationen teilt man aber immer verschiedene Geschichten. Ich bin an einem Punkt in meinem Leben angelangt, an dem ich die Geschichte von Yussef Dayes erzählen möchte.

Warum war dir wichtig, das Projekt »Black Classical Music« zu nennen?
Meine Familie, meine Erziehung, die Menschen, die mich inspiriert haben… die Liste ist endlos, von Miles Davis bis John Coltrane, Billie Holiday oder Sade – all das hat mir den Weg geebnet. Gleichzeitig unterstreicht der Titel meinen klassischen Einfluss. Ich hab früher klassisches Klavier gelernt, Beethoven und Mozart gehört und Konzerte im Barbican besucht. »Black Classical Music« verbindet all diese Elemente. Schließlich bin viel mehr als ein Jazz-Schlagzeuger, der westafrikanische Rhythmen spielt.

Glaubst du, dass Leute den Titel auch anders interpretieren könnten?
Klar. Ich werde die Bedeutungen des Albums aber nicht einschränken, indem ich den Leuten vorschreibe, wie sie es zu interpretieren haben. Es liegt an jedem selbst, was er oder sie damit anfangen will. Das ist doch das Schöne an Instrumentalmusik. Man kann die Rhythmen und Klanglandschaften hören und fühlen, was man fühlen will.

Was fühlst du?
Wenn man die Rhythmen aufschlüsselt, kann man es hören. Sie sind beeinflusst von meiner Zeit in New Orleans, Salvador, Senegal und St. Lucia. Außerdem bin ich im Südosten Londons aufgewachsen, einem Schmelztiegel für Menschen aus der ganzen Welt. All diese Erfahrungen fließen in das Gefühl der Platte ein.

Es ist wie ein Kanon von Orten.
Und doch so viel mehr. Ich habe die Autobiografie von Miles Davis gelesen und eine Menge alter Interviews mit Nina Simone und Rahsaan Roland Kirk. Sie alle setzten ein großes Fragezeichen hinter den Begriff Jazz, weil er sie nicht nur einschränkte, sondern auch ihren Karrieren schadete. Die Musik war mehr als dieses eine Wort. Sie nannten sie schöne schwarze Musik. Ich versuche, diese Linie weiterzugehen.

»Und in der Geschichte des Planeten Erde kann dieses kleine Stück Musik vielleicht sogar ein Rätsel für eine Generation in 100, oder sogar 200 Jahren sein.«

Yussef Dayes

Asher Gamedze, ein südafrikanischer Drummer, hat gesagt, dass man hören kann, was zu der Zeit, als die Musik aufgenommen wurde, in der Gesellschaft los war. Was ist in deiner Musik los?
Mit dieser Platte explodiert der Vulkan – man hört, wer Yussef Dayes ist. Klar, wir spielen manchmal unsere Cover und zeigen damit unseren Respekt für die Großen. Aber wenn ich Musik aufnehme, muss ich genau das Gefühl der Zeit aufnehmen, in der ich lebe. Das heißt nicht, dass ich nicht an die Vergangenheit denke, natürlich denke ich daran. Viele Erinnerungen nähren den gegenwärtigen Moment. Egal, ob die Leute es jetzt oder in 200 Jahren hören, das Album wird immer noch Bedeutung haben.

Glaubst du, dass sich die Leute das in 200 Jahren anhören und sagen werden, das ist ein Klassiker?
Das ist zwar nicht die Absicht, aber ich hoffe doch. Einer meiner besten Freunde ist vor kurzem verstorben, er hinterließ all diese unglaubliche Musik. Ich kann jetzt seine Stimme und seine Geschichte hören. Sie lebt weiter. Deshalb hört man auch meine Tochter auf »Black Classical Music«. Irgendwann in der Zukunft wird sie sich die Platte anhören und erkennen, dass das ihre Vergangenheit ist. Und in der Geschichte des Planeten Erde kann dieses kleine Stück Musik vielleicht sogar ein Rätsel für eine Generation in 100, oder sogar 200 Jahren sein.

Das Video in der Alte-Kamera-Vintage-Ästhetik versteh’ ich jetzt viel besser?
Es fühlt sich echt an, weil es mein echtes Leben ist. Schließlich bin ich nur ein Schlagzeuger. Ich will die Dinge nicht komplizierter machen, als sie sind. Ich will auch nicht die Welt verändern. Klar würde ich mich freuen, wenn Kinder irgendwann meine Songs lernen, »Raisins Under The Sun« oder »Tioga Pass« zum Beispiel. Aber es ist nicht so, dass ich wie ein Lehrer auftrete.

Viele Leute sagen, dass sie die Welt mit ihrer Musik verändern wollen. Du nicht.
Ich kann so tun, als hätte ich die Antwort auf alles, aber das habe ich nicht. Ich möchte einfach weiterlernen, nach Brasilien gehen, um Samba zu lernen, oder nach Jamaika, um meinen Reggae zu verbessern. Wenn du deinen Kopf offen hältst, steckt überall Potenzial.

Dieser Beitrag ist Teil des Themenschwerpunkts

Britischer Jazz

Unter dem Themenschwerpunkt »British Jazz« fassen wir Beiträge zur Jazzmusik aus Großbritannien zusammen.

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