Music Review | verfasst 05.04.2018
Oren Ambarchi
Grapes From The Estate
Black Truffle, 2018
Text Sebastian Hinz , Übersetzung Sebastian Hinz
Deine Bewertung:
10.0
Nutzer (1)
9.3
Redaktion
Cover Oren Ambarchi - Grapes From The Estate

Heute blickt der australische Gitarrist und Klangkünstler Oren Ambarchi auf eine mindestens 75 Schallplatten starke Vergangenheit zurück. Darunter Kooperationen mit Jim O’Rourke, Keiji Haino (einem seiner Vorbilder), Richard Pinhas, Robin Fox, Kassel Jaeger, Stephen O’Malley. »Grapes From The Estate«, zuerst 2004 bei Touch auf CD erschienen, 2006 von Southern Lord mit Vinyl bedacht, muss da beinahe seinem Frühwerk zugeordnet werden. Tatsächlich ist das 4 Stücke fassende, 56 Minuten lange Werk eine Art Initial für die nachfolgenden Aufnahmen. Von diesem Moment an, scheint die Kunst von Oren Ambarchi keine stilistischen Grenzen mehr zu kennen.

Das ganze beginnt mit »Corkscrew«, jenem 10 Minuten langem, auf Drones beruhendem Stück, in dem die Gitarren derart manipuliert wurden, dass sie wie ein Echotongenerator klingen. Die Legende besagt, dass Stephen O’Malley, der Gitarrist von SunnO))) dieses Stück einst in New York aufgelegt habe und die tiefen Frequenzen den Feueralarm des Veranstaltungsortes ausgelöst hätten, Evakuierung und Tatütata inklusive. Allein aufgrund dieser Anekdote ist das Stück ein Klassiker der Musikgeschichte. »Girl With The Silver Eyes« ist danach der langsamste Jazz der Welt. So langsam, dass Radian auf »rec.extern« wie hypernervöse Jungs mit Herzflattern wirken. Ich weiß nicht, ob diese stoische Gelassenheit eine genuin australische Eigenart ist, aber ich meine zumindest die in diesem Stück mitgegebene Haltung auch bei Nick Cave herauszuhören. Auch wenn das auf den ersten Ton für den Hörer, nicht sehr viel Sinn zu machen scheint.

»Remedios The Beauty« zeigt, das eine Steigerung sogar noch möglich ist – denn es ist das Highlight der Platte. Normalerweise, wenn ich sehe, dass ein textuelles Werk sehr lang ist, kommt der Redakteur in mir durch und ich möchte kürzen, kürzen, kürzen. Nicht so bei diesem 15 Minuten langem Stück, in dem der Australier seine ganze Klaviatur an Sounds und Kniffen ausbreitet. Abschließend kannst du bei »Stars Aligned, Web Spun« 20 Minuten lang den Morgentau von feinen Fäden des Spinnennetzes perlen sehen. »Grapes From The Estate« wurde für die Neuauflage auf Black Truffle von Rashad Becker mit einem neuen Mastering versehen. Mehr Qualitätsprüfung geht normalerweise nicht.

Ähnliche Artikel
Music Review | verfasst 23.05.2014
Ambarchi, O'Malley, Dunn
Shade Themes From Kairos
Trio extraordinaire Oren Ambarchi, Stephen O’Malley und Randall Dunn entfaltet auf »Shade Themes From Kairos« einen dumpfen Dauergroove.
Music Review | verfasst 27.10.2014
Oren Ambarchi
Quixotism
»Quixotism« ist »diskrete Musik« im besten Sinne, die in ihrer ungezwungenen Strenge Oren Ambarchi in Bestform zeigt.
Music Review | verfasst 02.03.2015
Oren Ambarchi
Live Knots
»Live Knots« präsentiert zwei Konzert-Versionen von Oren Ambarchis 2012 auf dem Album »Audience Of One« veröffentlichen Track »Knots«.
Music Review | verfasst 10.11.2016
Oren Ambarchi
Hubris
Ein Drone ist nicht gleich ein Drone: die Bestätigung dieser Aussage verfolgt der Gitarrist Oren Ambarchi auch auf »Hubris«.
Music Review | verfasst 15.11.2017
Keiji Haino, Jim O'Rourke & Oren Ambarchi
This Dazzling, Genuine »Difference« Now Where Shall It Go?
Auf »This Dazzling, Genuine ›Difference‹ Now Where Shall It Go?« finden sich Keiji Haino, Jim O’Rourke und Oren Ambarchi erneut zusammen.
Music Review | verfasst 01.07.2014
Istari Lasterfahrer
Walls Cave In On You
Istari Lasterfahrer zeigt auf »Walls Cave In On You« wie man mit politischer Haltung musiziert.
Music Kolumne | verfasst 01.12.2017
Jahresrückblick 2017
Top 20 12-inches
Das Kurzspielformat ist immer noch vor allem für DJs. Deshalb findet sich in dieser Liste vor allem Musik, die zumindestens in der Nähe der Tanzfläche irgendwas Komisches macht. So einfach ist das.
Music Kolumne | verfasst 01.12.2017
Jahresrückblick 2017
Top 20 Compilations
Wenn man rein den materiellen Wert der einzelnen hier versammelten Stücke zusammenzählen würde, käme man auf ein Vermögen. Aber das ist nur der oberflächlichste Grund, warum die folgenden Comps essentieller Stuff sind.
Music Review
Park Hye Jin
Before I Die
»Before I Die«, das Debüt der aus Südkorea stammenden Musikerin Park Hye Jin, folgt einer ausgeklügelten Architektur.
Music Review
Xique-Xique
Na Lagoa
»Na Lagoa«, in die Lagune, begeben sich das brasilianische Duo Xique-Xique auf ihrem jetzt veröffentlichtem Debütalbum.
Music Review
Tülay German & François Rabbath
Tülay German & François Rabbath
Auf ihrem Debüt setzten sich Tülay German & Francois Rabbath 1980 mit türkischer Folklore auseinander. Das klingt weiterhin zeitlos.
Music Review
Sarah Davachi
Antiphonals
Milchig schimmernde Perlen: Die kanadische Musikerin Sarah Davachi hat mit »Antiphonals« ein großartiges neues Album veröffentlicht.
Music Review
Cass.
Ambient Music For A Young Girl
Von wegen Schnullerersatz: Cass.’ neues Album »Ambient Music For A Young Girl« bietet Ambient auch für Erwachsene an.
Music Review
Ian Carr
Belladonna
»Belladonna«, Ian Carrs Kleinod aus dem Jahr 1972, wurde jetzt wiederveröffentlicht. Jazzliebhaber sollten zugreifen.
Music Review
Arpanet
Inertial Frame
Die Vergangenheit holt die Zukunft ein: Mit »Inertial Frame« wird nun das letzte Album von Gerald Donalds Projekt Arpanet neu aufgelegt.
Music Review
Duval Timothy
Sen Am
»Sen Am«, das 2017 veröffentlichte Album von Duval Timothy ist nun auf Schallplatte erhältlich. Es hat von seiner Kraft nichts eingebüßt.
Music Review
Al-Dos Band
Doing Our Thing With Pride
1976 aufgenommen, nie veröffentlicht, bis jetzt: Kalita bringt »Doing Our Thing With Pride« der elegant funkelnden Al-Dos Band zum Leuchten.
Music Review
The Pro-Teens
I Flip My Life Every Time I Fly
Ist Melbourne die Hauptstadt des Retro-Funk? Mit »I Flip My Life Every Time I Fly« schickt sich eine weitere Band an, das zu bestätigen.
Music Review
F.S.Blumm & Nils Frahm
2x1=4
»Brahms is nice, but King Tubby is nice as well.« Auf »2x1=4« fröhnen F.S.Blumm und Bils Frahm dem musikalischen Erbe der Dub-Musik.
Music Review
DJ Seinfeld
Mirrors
»Mirrors« heißt das zweite Album des schwedischen Produzenten DJ Seinfeld. Und verglichen mit früherer Musik, sind die Spiegel gut geputzt.
Music Review
Badge Epoch
Scroll
Mit wechselnden Musikern scrollt sich Max Turnbull aka Badge Epoch auf »Scroll« von Stück zu Stück durch Stile und Genres. Aber etwas fehlt.
Music Review
CHVRCHES
Screen Violence
Die schottische Band CHVRCHES positioniert sich auf »Screen Violence« politischer als jemals zuvor.
Music Review
Sorcerer
Kids World
»Kids World«, das neue Album des kalifornischen Musikers Daniel Saxon Judd aka Sorcerer ist bei Growing Bin erschienen.
Music Review
Sofie Birch & Johan Carøe
Repair Techniques
»Repair Techniques« ist ein klassisches Sofie-Birch-Album, aber nicht allein dank der Mitwirkung von Johan Carøe auch weit mehr als das.
Music Review
Leo Acosta
Acosta
Eine weitere musikärchäologische Ausgrabung ist dem Label Mad About mit »Acosta«, dem 1970 veröffentlichtem Album von Leo Acosta gelungen.
Music Review
Space Afrika
Honest Labour
Beim neuen Album von Space Afrika, »Honest Labour«, das soeben bei Dais Records veröffentlicht wurde, ist man auf diffuse Weise ergriffen.
Music Review
Villagers
Fever Dreams
Auf »Fever Dreams« schaffen die Villagers farbenprächtige Landschaften oder wie sie es nennen: Goldminen süßer Erinnerungen.
Music Review
Li Yilei
之/OF
Mehr als nur die übliche Pandemieplatte: Auf »之/OF« bringt Li Yilei eine prekäre Stimmungslage meisterhaft zum Ausdruck.
Music Review
Ebi (Susumu Yokota)
Space Teddy Collection II
Weitere tolle Tracks des 2015 verstorbenen japanischen Produzenten Susumu Yokota sind jetzt als »Space Teddy Collection II« erschienen.
Music Review
Joy Orbison
Still Slipping Vol.1
Mit »Still Slipping Vol.1« traut sich Joy Orbison erstmals mit einem Release jenseits der 25 Minuten.
Music Review
Devendra Banhart & Noah Georgeson
Refuge
Runterkommen und nach innen Horchen: Devendra Banhart und Noah Georgeson haben mit »Refuge« ein konsequent spirituelles Album aufgenommen.
Music Review
Lingua Ignota
Sinner Get Ready
Runde drei von Lingua Ignotas Abrechnung mit jenem Peiniger, der sie jahrelang unterjochte und für alle machtgeilen Arschlöcher steht.
Music Review
Various Artists
Habibi Funk: An Eclectic Selection Part 2
Das Berliner Label Habibi Funk legt mit »An Eclectic Selection Part 2« eine neue Compilation mit Musik aus der arabischen Welt vor.
Music Review
VC-118A
Spiritual Machines
Mit »Spiritual Machines« legt der Niederländer Samuel van Dijk als VC-118A abermals ein erstklassiges Album vor.
Music Review
Moin
Moot!
Gemeinsam mit Valentina Magaletti hat das Duo Raime sein Projekt für die LP »Moot!« nicht nur reaniminiert, sondern auch gleich erweitert.
Music Review
El Michels Affair Meets Liam Bailey
Ekundayo Inversions
Die Ideen gehen Leon Michels nicht aus: Auf »Ekundayo Inversions« remixt El Michels Affair das letzte Album des Reggaemusikers Liam Bailey.
Music Review
Various Artists
Modern Love (A Tribute To David Bowie)
Die Compilation »Modern Love (A Tribute To David Bowie)« such nach Bowies Verbindungen zu Soul, R&B, Jazz, Funk, Gospel.
Music Review
Don Rendell Quintet
Space Walk
Auf Decca werden jetzt Highlights des britischen Jazz wiederveröffentlicht. Darunter »Space Walk« des Don Rendell Quintets von 1972.
Music Review
Takeshi's Cashew
Humans In A Pool
Die Wiener Gruppe Takeshi’s Cashew feiern mit »Humans In A Pool« das Chaos unserer Zeit und den Übermut des Lebens.
Music Review
Prince
Welcome 2 America
»Welcome 2 America« deutlich mehr als ein weiteres Spätwerk von Prince und erweist sich als erstaunlich runde Sache.
Music Review
Various Artists
Journeys In Modern Jazz: Britain 1961-1973
Die Compilation »Journeys In Modern Jazz: Britain 1961-1973« erkundet eine hochinspirierte Szene, die sich zu dieser Zeit freigespielt hat.
Music Review
Billie Eilish
Happier Than Ever
Billie Eilish hat ihr zweites Album veröffentlicht und ist »Happier Than Ever«. Darauf erfindet sie sich neu.
Music Review
The Wooden Glass & Billy Wooten
Live
Gelinde gesagt, der Hammer: Das 1972 aufgenommene »Live« von The Wooden Glass und Billy Wooten ist jetzt wiederveröffentlicht worden.
Music Review
Art Blakey And The Jazz Messengers
Chippin In
“»Chippin In«, die letzte Aufnahme von Art Blakey and his The Jazz Messengers von 1990 ist bei Tidal Waves wiederveröffentlicht worden.
Music Review
Robag Wruhme
Speicher 117
So langsam bitten die DJs wieder zum Tanz: Robag Wruhme stapft mit »Speicher 117« in Siebenmeilenstiefeln Richtung Floor.
Music Review
Leslie Winer
When I Hit You You'll Feel It
Mit »When I Hit You You’ll Feel It« wird das aufregende musikalische Werk der Künstlerin Leslie Winer endlich ausgiebig gewürdigt.
Music Review
TORRES
Thirstier
Mit ihrem fünften Album »Thirstier« sucht die große Geschichtenerzählerin TORRES die großen Emotionen.
Music Review
Hiroshi Suzuki
Cat
»Cat« des japanischen Posaunisten Hiroshi Suzuki genießt einen fast kultischen Status unter Sammlern. Jetzt wurde es wiederveröffentlicht.
Music Review
MKS
Musical Keyboard System
MKS, »Musical Keyboard System«, hieß das kurzlebige Projekt des Franzosen Nicolas Aubard. Vier Tracks wurden jetzt wiederveröffentlicht.