Music Review | verfasst 07.05.2020
Vladislav Delay
Mutila
Keplar, 2020
Text Nils Schlechtriemen
Deine Bewertung:
9.5
Nutzer (2)
9.5
Redaktion
Cover Vladislav Delay - Mutila

Wahrscheinlich hat keine Platte in diesem Jahr das Remastering durch Rashad Becker mehr verdient, so subtil es auch sein mag. Zwar sind auf »Multila« lediglich die ersten EPs von Vladislav Delay aus den Jahren 1999-2000 versammelt, doch hatte der Finne schon mit diesen Pionierarbeiten für Chain Reaction eindrücklich demonstriert, wie weit er seiner Zeit voraus war – und warum er bald selbst zu einem der wegweisenden Klangkonzepter elektronischer Musik avancieren würde. Verschüttet unter meterdicken Distortions und granulären Synth-Iterationen, muss das hörende Ohr eine gewisse mentale Fitness mitbringen, um sich durch die viskosen Repetitionen den Weg bis zum Kern eines jeden Tracks dieser Kompilation freizuschaufeln. Je länger und tiefer die Grabung geht, desto heftiger beginnt aber irgendwann glitchige Intensität einer in Design und Ausführung bewusst imperfekten Produktion zu sprudeln. Dann klingt dieses Album als sei es vom Glimmen defekter Straßenlaternen inspiriert, vom heißen Stahlbeton ausrangierter Kühltürme oder von opaken Gewitterszenen schwüler Sommertage. Das gesamte Spektrum von Höhen und Tiefen liegt verwittert im Regen dar, rostet und entwickelt mit jedem weiteren Turn merkwürdige Lebendigkeit. Schon die sechs Ambient-Stücke auf »Multila« wären deshalb Grund genug, diesen Remaster als detailversessenen Härtetest für jeden Studiokopfhörer anzunehmen. Doch entpuppt sich das ausufernde »Huone« als der eigentliche auditive Trip – 22 Minuten lang von wässrigem Dub Techno durchdrungen, akustisch kaum greifbar hinter Wänden aus Glasbausteinen verborgen. Was sich dort wirklich abspielt, ist erst jetzt, zwei Jahrzehnte später, schemenhaft erkennbar: Die Zukunft.

»Mutila« von Vladislav Delay findest du bei HHV Records: Vinyl 2LP
Ähnliche Artikel
Music Review | verfasst 02.07.2011
Vladislav Delay Quartet
Vladislav Delay Quartet
Vladislav Delay hat ein neues Projekt. Im Miteinander mit Mika Vaino, Lucio Capece und Derek Shirley entsteht ein kraftvoller Sound.
Music Review | verfasst 28.01.2012
Vladislav Delay
Vantaa
Dass diese Platte ihre Zeit braucht, steht ganz außer Frage. Was allerdings noch nicht geklärt ist: Ist das noch Musik?
Music Review | verfasst 02.01.2013
Vladislav Delay
Kuopio
Nach seinem etwas ruhigeren Vorgänger »Vantaa« geht es auf dem neuen Album von Vladislav Delay, »Kuopio«, schon etwas zackiger zu.
Music Review | verfasst 18.03.2014
Vladislav Delay
Ripatti03
Sasu Ripatti erfindet sich als Vladislav Delay wieder einmal neu. »Ripatti03« ist mit das beste, was man jemals von dem Finnen hören durfte.
Music Review | verfasst 22.05.2014
Ripatti/Twwth
Ripatti04
Der Finne Sasu Ripatti alias Vladislav Delay tut sich mit seinem Landsmann Matti Pentikäinen alias Twwth für eine 12inch zusammen.
Music Review | verfasst 10.11.2014
Vlasidlav Delay
Visa
»Visa«, das zwölfte Album, das der Finne Sasu Ripatti als Vladislav Delay veröffentlicht, ist ein grummelig wütendes Stück Ambient-Protest.
Music Review | verfasst 28.02.2020
Vladislav Delay
Rakka
»Rakka«, das erste Album des finnischen Musikers Vladislav Delay in fünf Jahren, ist einer Dreiviertelstunde Katharsis ohne Ausweg.
Music Review
Jan Jelinek
The Raw And The Cooked
Da hat uns Jan Jelinek mit »The Raw And The Cooked« ein schönes Süppchen gekocht. Lecker!
Music Review
Hozan Yamamoto & Yu Imai
Akuma Ga Kitarite Fue Wo Fuku
Der von Hozan Yamamoto und Yu Imai komponierte Soundtrack zum 1979er Film »Akuma Ga Kitarite Fue Wo Fuku« wurde jetzt wiederveröffentlicht.
Music Review
Low
HEY WHAT
Seit 30 Jahren machen Alan Sparhawk und Mimi Parker als Low Musik und erfinden sich dabei immer wieder aufs Neue. So auch auf »HEY WHAT«.
Music Review
Jolly Mare
Epsilon
Mediterrane Sommermusik: Mann muss sich das Meer von Jolly Mare auf »Epsilon« als ein fröhliches vorstellen.
Music Review
The Arpeggio Jazz Ensemble
Le-Le
An der Schwelle zu Acid Jazz wurde 1987 »Le-Le«, des The Arpeggio Jazz Ensembles aus Philadelphia veröffentlicht. Nun kommt eine Neuauflage.
Music Review
Venetian Snares
Rossz Csillag Alatt Született
Die endlich wiederveröffentlichte LP »Rossz Csillag Alatt Született« ist und bleibt das ambitionierteste Album von Venetian Snares.
Music Review
Park Hye Jin
Before I Die
»Before I Die«, das Debüt der aus Südkorea stammenden Musikerin Park Hye Jin, folgt einer ausgeklügelten Architektur.
Music Review
Xique-Xique
Na Lagoa
»Na Lagoa«, in die Lagune, begeben sich das brasilianische Duo Xique-Xique auf ihrem jetzt veröffentlichtem Debütalbum.
Music Review
Tülay German & François Rabbath
Tülay German & François Rabbath
Auf ihrem Debüt setzten sich Tülay German & Francois Rabbath 1980 mit türkischer Folklore auseinander. Das klingt weiterhin zeitlos.
Music Review
Sarah Davachi
Antiphonals
Milchig schimmernde Perlen: Die kanadische Musikerin Sarah Davachi hat mit »Antiphonals« ein großartiges neues Album veröffentlicht.
Music Review
Cass.
Ambient Music For A Young Girl
Von wegen Schnullerersatz: Cass.’ neues Album »Ambient Music For A Young Girl« bietet Ambient auch für Erwachsene an.
Music Review
Ian Carr
Belladonna
»Belladonna«, Ian Carrs Kleinod aus dem Jahr 1972, wurde jetzt wiederveröffentlicht. Jazzliebhaber sollten zugreifen.
Music Review
Arpanet
Inertial Frame
Die Vergangenheit holt die Zukunft ein: Mit »Inertial Frame« wird nun das letzte Album von Gerald Donalds Projekt Arpanet neu aufgelegt.
Music Review
Duval Timothy
Sen Am
»Sen Am«, das 2017 veröffentlichte Album von Duval Timothy ist nun auf Schallplatte erhältlich. Es hat von seiner Kraft nichts eingebüßt.
Music Review
Al-Dos Band
Doing Our Thing With Pride
1976 aufgenommen, nie veröffentlicht, bis jetzt: Kalita bringt »Doing Our Thing With Pride« der elegant funkelnden Al-Dos Band zum Leuchten.
Music Review
The Pro-Teens
I Flip My Life Every Time I Fly
Ist Melbourne die Hauptstadt des Retro-Funk? Mit »I Flip My Life Every Time I Fly« schickt sich eine weitere Band an, das zu bestätigen.
Music Review
F.S.Blumm & Nils Frahm
2x1=4
»Brahms is nice, but King Tubby is nice as well.« Auf »2x1=4« fröhnen F.S.Blumm und Bils Frahm dem musikalischen Erbe der Dub-Musik.
Music Review
DJ Seinfeld
Mirrors
»Mirrors« heißt das zweite Album des schwedischen Produzenten DJ Seinfeld. Und verglichen mit früherer Musik, sind die Spiegel gut geputzt.
Music Review
Badge Epoch
Scroll
Mit wechselnden Musikern scrollt sich Max Turnbull aka Badge Epoch auf »Scroll« von Stück zu Stück durch Stile und Genres. Aber etwas fehlt.
Music Review
CHVRCHES
Screen Violence
Die schottische Band CHVRCHES positioniert sich auf »Screen Violence« politischer als jemals zuvor.
Music Review
Sorcerer
Kids World
»Kids World«, das neue Album des kalifornischen Musikers Daniel Saxon Judd aka Sorcerer ist bei Growing Bin erschienen.
Music Review
Sofie Birch & Johan Carøe
Repair Techniques
»Repair Techniques« ist ein klassisches Sofie-Birch-Album, aber nicht allein dank der Mitwirkung von Johan Carøe auch weit mehr als das.
Music Review
Leo Acosta
Acosta
Eine weitere musikärchäologische Ausgrabung ist dem Label Mad About mit »Acosta«, dem 1970 veröffentlichtem Album von Leo Acosta gelungen.
Music Review
Space Afrika
Honest Labour
Beim neuen Album von Space Afrika, »Honest Labour«, das soeben bei Dais Records veröffentlicht wurde, ist man auf diffuse Weise ergriffen.
Music Review
Villagers
Fever Dreams
Auf »Fever Dreams« schaffen die Villagers farbenprächtige Landschaften oder wie sie es nennen: Goldminen süßer Erinnerungen.
Music Review
Li Yilei
之/OF
Mehr als nur die übliche Pandemieplatte: Auf »之/OF« bringt Li Yilei eine prekäre Stimmungslage meisterhaft zum Ausdruck.
Music Review
Ebi (Susumu Yokota)
Space Teddy Collection II
Weitere tolle Tracks des 2015 verstorbenen japanischen Produzenten Susumu Yokota sind jetzt als »Space Teddy Collection II« erschienen.
Music Review
Joy Orbison
Still Slipping Vol.1
Mit »Still Slipping Vol.1« traut sich Joy Orbison erstmals mit einem Release jenseits der 25 Minuten.
Music Review
Devendra Banhart & Noah Georgeson
Refuge
Runterkommen und nach innen Horchen: Devendra Banhart und Noah Georgeson haben mit »Refuge« ein konsequent spirituelles Album aufgenommen.
Music Review
Lingua Ignota
Sinner Get Ready
Runde drei von Lingua Ignotas Abrechnung mit jenem Peiniger, der sie jahrelang unterjochte und für alle machtgeilen Arschlöcher steht.
Music Review
Various Artists
Habibi Funk: An Eclectic Selection Part 2
Das Berliner Label Habibi Funk legt mit »An Eclectic Selection Part 2« eine neue Compilation mit Musik aus der arabischen Welt vor.
Music Review
VC-118A
Spiritual Machines
Mit »Spiritual Machines« legt der Niederländer Samuel van Dijk als VC-118A abermals ein erstklassiges Album vor.
Music Review
Moin
Moot!
Gemeinsam mit Valentina Magaletti hat das Duo Raime sein Projekt für die LP »Moot!« nicht nur reaniminiert, sondern auch gleich erweitert.
Music Review
El Michels Affair Meets Liam Bailey
Ekundayo Inversions
Die Ideen gehen Leon Michels nicht aus: Auf »Ekundayo Inversions« remixt El Michels Affair das letzte Album des Reggaemusikers Liam Bailey.
Music Review
Various Artists
Modern Love (A Tribute To David Bowie)
Die Compilation »Modern Love (A Tribute To David Bowie)« such nach Bowies Verbindungen zu Soul, R&B, Jazz, Funk, Gospel.
Music Review
Don Rendell Quintet
Space Walk
Auf Decca werden jetzt Highlights des britischen Jazz wiederveröffentlicht. Darunter »Space Walk« des Don Rendell Quintets von 1972.
Music Review
Takeshi's Cashew
Humans In A Pool
Die Wiener Gruppe Takeshi’s Cashew feiern mit »Humans In A Pool« das Chaos unserer Zeit und den Übermut des Lebens.
Music Review
Prince
Welcome 2 America
»Welcome 2 America« deutlich mehr als ein weiteres Spätwerk von Prince und erweist sich als erstaunlich runde Sache.
Music Review
Various Artists
Journeys In Modern Jazz: Britain 1961-1973
Die Compilation »Journeys In Modern Jazz: Britain 1961-1973« erkundet eine hochinspirierte Szene, die sich zu dieser Zeit freigespielt hat.
Music Review
Billie Eilish
Happier Than Ever
Billie Eilish hat ihr zweites Album veröffentlicht und ist »Happier Than Ever«. Darauf erfindet sie sich neu.
Music Review
The Wooden Glass & Billy Wooten
Live
Gelinde gesagt, der Hammer: Das 1972 aufgenommene »Live« von The Wooden Glass und Billy Wooten ist jetzt wiederveröffentlicht worden.