Music Review | verfasst 11.06.2020
Cindy
I'm Cindy
World Of Paint, 2020
Text Harry Schmidt , Übersetzung Sebastian Hinz
Deine Bewertung:
8.0
Nutzer (1)
8.8
Redaktion
Cover Cindy - I'm Cindy

Zum ersten Mal hat die Welt vor fünf Jahren von Cindy Savalas gehört. Der Name fiel als Tracktitel des längsten und am meisten elaborierten der 14 Tunes von Kai Hugos selbstbetiteltem Album »Palmbomen II«. Dann widerfuhr Hugo, was schon vielen Autoren vor ihm passiert ist: Der von ihm erdachte fiktionale Charakter verselbständigte sich. 2017 folgte, ebenfalls auf Tim Sweeneys Label Beats In Space, mit der 12-Inch-Trilogie »Memories Of Cindy« eine Erkundung von Cindys Heimatstadt Carmel Vista. Mit »I’m Cindy« legt Hugo nun das »verlorene« Debütalbum seiner Kunstfigur vor. Der Longplayer mit dem autobiografischen Titel ist ein Glücksfall in mehrfacher Hinsicht: Zum einen zählt Palmbomen II mit Releases auf renommierten Leftfield-Imprints wie Beats In Space, Dekmantel, Pinkman und 1080p zu den interessantesten Producern der Gegenwart. Zudem hat der Niederländer in Gestalt der US-amerikanischen Schauspielerin, Regisseurin und Sängerin Blue LoLãn eine kongeniale Ergänzung zu einem Kreativtandem erfahren, die seiner Fiktion mit ätherischen, oft genug an Julee Cruise erinnernden Vocals Leben einhaucht. Und so klingen die 13 Songs auf »I’m Cindy« durchwegs wie ein Score zu einem »Twin Peaks«-Remake – eine nostalgische, ausgesprochen kohärente Reise in eine fiktive Vergangenheit, in der Pop, Indie und Dancefloor keinen Widerspruch darstellen, der Shoegaze-Sound von Bands wie den Cocteau Twins oder Slowdive auf die synthetischen Klangwelten des wavigen Anteils im Italo-Disco-Spektrum trifft. Synthie-Pop-Instant-Hits wie »2Y & 6M«, »Cousin’s Birthday Party«, »Justin« oder »Never Let Me Go« stehen neben Balladen wie »My Mother«, »Boyfriend«, »New Power« oder »Mary«, dazwischen finden sich suggestive Interludes wie »Seaview Parking« oder das unfassbar berührende »Voice Message«. Ausfälle sind dagegen absolut kein zu verzeichnen. Hugos Kunstgriff, eine weibliche Figur zur Projektionsfläche seiner Emotionen und Stimmungen zu machen, gibt ihm paradoxerweise die Freiheit, sich unverstellt zu äußern: Es ist gerade diese Distanz, die ihm ein ungewöhnlich persönliches Album ermöglicht Der Kontrast zwischen den eingängigen Melodien, Blue LoLãns wisperndem, suggestivem Timbre und Hugos LoFi-Ästhetik macht dieses Album schlichtweg unwiderstehlich. Eine der faszinierendsten Platten dieses so ganz anders als erwartet verlaufenden Jahres, ein innig schillerndes Meisterwerk in Zeiten der Pandemie.

»I’m Cindy« von Cindy findest du bei hHV Records: Vinyl LP
Dein Kommentar
Ähnliche Artikel
Music Review | verfasst 04.03.2015
Palmbomen
Palmbomen II
Für sein Soloprojekt Palmbomen II zog sich Kai Hugo mit ein paar alten Synthesizern, Sequenzern und Drumcomputern auf den Dachboden zurück.
Music Interview | verfasst 19.02.2018
Palmbomen II
Fake Memories
Palmbomen II reist in seiner Musik mit altem Equipment in eine neue Welt. Eine Welt, die es nicht gibt. Aber als Hörer meint man sich an sie erinnern zu können. Verwirrend? Gut, dass wir den Mann sprechen konnten.
Music Review | verfasst 02.03.2018
Various Artists
Dekmantel 10 Years 09
Zwei Ausfälle, zwei Hits: Bufiman und Lena Willikens machen die neunte Ausgabe der Dekmantel-Jubiläumsserie zur sicheren Bank.
Music Review | verfasst 24.01.2019
Betonkust & Palmbomen II
Parallel B
So verspielt und gleichermaßen fokussiert wie auf »Parallel B« von Betonkust & Palmbomen II tönte es zuletzt im New-Beat der 1980er Jahre.
Music Liste | verfasst 21.07.2017
Ausklang | 2017KW29
8 essentielle neue Platten
Hunderte neue Releases, jede Woche. Davon viele sehr gut – und bereits von diversen Portalen vorgestellt. Wir präsentieren: die unvorgestelltesten, besten Releases der Woche. Ab vom Schuss, leicht daneben und tierisch geil: der Ausklang.
Music Review | verfasst 16.05.2017
Palmbomen II
Memories Of Cindy Pt.1
Musik für ein Twin Peaks-Revival der anderen Art. Schauplatz: eine verglaste Mall mit unzähligen Wasserfällen und Buddha-Statuen.
Music Kolumne | verfasst 15.04.2015
Zwölf Zehner
März 2015
Willkommen im April . Doch vorher lassen unsere Kolumnisten vom Dienst den Monat März musikalisch Revue passieren und destillieren in ihrer Kolumne Zwölf Zehner die wichtigsten zehn Tracks des Monats.
Music Review
De Ambassade
Standhouden
Der auch als Dollkraut bekannte Musiker Pascal Pinkert legt mit »Verwijder Jezelf« und »Standhouden« zwei neue Tracks als De Ambassade vor.
Music Review
Gerhard Heinz
OST The Story Of The Dolls
Mucke für Tage, an denen einem die Sonne aus dem Arsch scheint: »OST The Story Of The Dolls« von Gerhard Heinz wird wiedervöerffentlicht.
Music Review
Ebi Soda
Ugh
Jede Woche neue interessante Jazzbands aus Großbritannien: Nun haben die aus Brighton kommenden Ebi Soda ihr Debüt »Soda« veröffentlicht.
Music Review
Imagination
Shake It
Das Label The Artless Cuckoo veröffentlicht zum vierzigjährigen Jubiläum das vielgesuchte »Shake It« der Düsseldorfer Band Imagination neu.
Music Review
Zmatsutsi, Tross, Houschyar
Various Lurkers 3
Mit »Various Lurkers 3« setzt Space Ritual ihre Labelreihe fort. Darauf sind sehr gute Tracks von Zmatsutsi, Tross und Houschyar zu hören.
Music Review
Earl Sweatshirt
Feet Of Clay
»Feet Of Clay« ist ein Fragment dessen, was Earl Sweatshirt ausmacht. Es besitzt die Dringlichkeit und Haltung, die Underground verkörpert.
Music Review
Jon Hassell
Seeing Through Sound Pentimento Vol.2
Nur konsequent: Zwei Jahre nach »Listening To Pictures« geht es bei Jon Hassell mit »Seeing Through Sounds« synästhetisch weiter.
Music Review
Minyo Crusadres / Frente Cumbiero
Minyo Cunbiero
Japan trifft Kolumbien: Auf »Minyo Cunbiero« verschmilzt das beste der Kombos Minyo Crusadres und Frente Cumbiero zu einer wilden Sause.
Music Review
Jessy Lanza
All The Time
Wieder gemeinsam mit Jeremy Greenspan bündelt Jessy Lanza auf »All The Time“ ihre Kräfte zu auf den Punkt angespitzten R&B-Pop-Nummern.
Music Review
Jason Molina
Eight Gates
Sieben Jahre nach seinem Tod erscheinen mit »Eight Gates« nun unveröffentlichte Aufnahmen des amerikanischen Songwriters Jason Molina.
Music Review
Eiko Ishibashi
Hyakki Yagyō
Auf »Hyakki Yagyō« bringt Eiko Ishibashi auf zwei Klangcollagen wunderbar-wunderliche Sounds in fließende Bewegungen.
Music Review
Tadao Sawai, Kazue Sawai, Takeshi Inomata, Norio Maeda, Hozan Yamamoto
Jazz Rock
Mr Bongo veröffentlicht das zuerst 1973 veröffentlichte »Jazz Rock« des Koto-Spielers Tadao Sawai und weiterer Mitstreiter erstmals neu.
Music Review
Manfredo Fest
Brazilian Dorian Dream
»Brazilian Dorian Dream«, das 1976 erschienene Album des Brasilianers Manfredo Fest, ist Bossa Jazz der ansteckend eleganten Sorte.
Music Review
Various Artists
Kaleidoscope: New Spirits Known & Unknown
Auf »Kaleidoscope: New Spirits Known & Unknown« beleuchtet Soul Jazz Records die umtriebige britische Jazzszene vielfältig und genau.
Music Review
Voz Di Sanicolau
Fundo De Mare Palinha
Analog Africa hat »Fundo De Mare Palinha«, 1976 aufgenommene Musik der kapverdischen Band Voz Di Sanicolau, wiederveröffentlicht.
Music Review
SW.
Night
»Night« ist das dritte Album von Stefan Wust unter seinem Alias SW., das erste außerhalb seines Labels SUED. Diese Platte ist ein Abenteuer.
Music Review
Adult Fantasies
Towers Of Silence
Eine ausgesprochen verdienstvolle Zusammenstellung bringt uns Stroom in diesen Tagen mit »Towers Of Silence« der Belgier Adult Fantasies.
Music Review
Zara McFarlane
Songs Of An Unknown Tongue
Femininer Vocal Jazz muss nicht wie Norah Jones klingen: Zara McFarlane hat mit »Songs Of An Unknown Tongue« ihr viertes Album vorgelegt.
Music Review
Blu & Exile
Miles
Nach acht Jahren kommen Blu und Exile wieder für ein Album zusammen. »Miles« zeigt, dass sich nur wenige Duos so ergänzen wie diese zwei.
Music Review
Sharhabil Ahmed
The King Of Sudanese Jazz
Wunsch nach einer neuen Freiheit: Mit »The King Of Sudanese Jazz« veröffentlicht Habibi Funk nun Musik von Sharhabil Ahmed.
Music Review
Bob Dylan
Rough And Rowdy Ways
Mit »Rough And Rowdy Ways« lädt Bob Dylan ein, sich auf dem Schoß des Onkels endlich gemütlich zu machen. Oder ist bloß alles eine Finte?
Music Review
Adaye
Turn It Up
Leise spielen ist nicht: »Turn It Up«, der Bubblegum der südafrikanischen Band Adaye (ihr einziger Hit), sollte laut gehört werden.
Music Review
Karate Boogaloo
Carn The Boogers
Urlaub in Italien war gestern. Heute holt man sich Aruba, die Beach Boys, gute Laune mit Karate Boogaloos »Carn The Boogers« ins Schwimmbad.
Music Review
Jim O'Rourke
Shutting Down Here
Anfang der Neunziger war Jim O’Rourke erstmals in den legendären GRM-Studios zu Gast. Für »Shutting Down Here« kehrte er dorthin zurück.
Music Review
Nullptr
Future World
Der Electro von Nullptr auf »Future World« kommt dem Titel widerstrebend ohne aufgesetzte Zukunftsvisionen aus.
Music Review
Yumiko Morioka
Resonance
Mit »Resonance«, ihrem einzigen Album aus dem Jahr 1987, lässt Yumiko Morioka Teile postklassischer Musik jüngerer Machart obsolet wirken.
Music Review
Julianna Barwick
Healing Is A Miracle
Julianna Barwick lässt auf »Healing Is A Miracle« den einen oder anderen Fremdkörper in ihrer Musik zu. Tut das nur wohl oder sogar Not?
Music Review
Jay Glass Dubs
Soma
Jay Glass Dubs tritt auch auf »Soma« für mehr Melodie, für mehr Hall, für Elegie am Sonnendeck ein.
Music Review
Jura Soundsystem
With You EP
Kevin Griffiths hat für sein Projekt Jura Soundsystem die alten Maschinen wieder angeschmissen und die »With You EP« aufgenommen.
Music Review
Rie Murakami
Sahara
»Sahara« von der ansonsten unbekannten Japanerin Rie Murakami wurde 1984 veröffentlicht. Ein Album ohne Eigenschaften, doch voller Hits.
Music Review
Vague Imaginaries
L'ile Sous L'eau
Nur kurz nach Erscheinen seines Albums »L’Île D’or« legt Vague Imaginaries mit »L’ile Sous L’eau« eine EP nach.
Music Review
Alhousseini Anivolla & Girum Mezmur
Afropentatonism
Verschmelzen der Welten: Auf »Afropentatonism« treffen Alhousseini Anivolla aus dem Niger und Girum Mezmur aus Äthiopien zusammen.
Music Review
Haiyti
Sui Sui
Das Prädikat Pop reicht hierfür nicht aus: »Sui Sui«, das vierte Album von Haiyti, ist eine Machtdemonstration.
Music Review
Skudge
Time Tracks
Mit »Time Tracks« will Elias Landberg alias Skudge mal wieder die Zeit anhalten. Doof nur, dass er sie manchmal zurückdreht.
Music Review
The Exaltics & Heinrich Mueller
Dimensional Shifting
The Exaltics macht erstmal mit Heinrich Mueller alias Gerald Donald gemeinsame Sache. »Dimensional Shifting« ist eins nicht: vorgestrig.
Music Review
Mulatu Astatke & Black Jesus Experience
To Know Without Knowing
Auch auf »To Know Without Knowing«, seinem neuen Album mit Black Jesus Experience, ist Mulatu Astatke unverkennbar.
Music Review
Croatian Amor
All In The Same Breath
Loke Rahbek hat mit »All In The Same Breath« ein neues Album unter seinem Moniker Croatian Amor bei Posh Isolation veröffentlicht.
Music Review
Dee Dee Bridgewater
Afro Blue
1974 nur in Japan veröffentlicht, bekommt »Afro Blue«, das Debüt von Dee Dee Bridgewater jetzt eine zweiten Anlauf auf Mr Bongo spendiert.
Music Review
Soul Media
Funky Stuff
Das 1975 nur in Japan veröffentlicht Album »Funky Stuff« von Jiro Inagaki’ Soul Media wurde jetzt bei Nippon Columbia wiederveröffentlicht.
Music Review
Oiro Pena
2
Der finnische Multiinstrumentalist Antti Vauhkonen veröffentlicht Versponnes mit seiner bei Jazzaggression erschienenen Vinyl 10-inch »2«.
Music Review
Groupe RTD
The Dancing Devils Of Djibouti
Hand hoch, wer Dschibuti auf dem Globus auscheckt. Musikalisch war das afrikanische Land noch gar nicht auf der Landkarte verzeichnet.