Aigners Inventur – April 2016

04.05.2016
Auch in diesem Monat setzt sich unser Kolumnist vom Dienst wieder kritisch mit der Release-Flut auseinander, selektiert, lobt und tadelt. Any given month. Dieses Mal u.a. unter der Lupe: Drake, Beyonce, Omar-S, M83, J Dilla und Kowton.
I want to get straight to the climax – auch wenn es für einige eher erektile Dysfunktion auslösen mag: es ist Drake-Woche. Und weil Drake überall ist, ist Drake auch hier, zunächst in Form von »VIEWS«, später dann aber auch in all seiner kalkuliert-unbeholfenen Knuffigkeit als Zitat und Spiritus Rector für alle anderen Platten diesen Monat.
Dabei fällt an »VIEWS« selbst zunächst einmal auf wie risikofrei Drake hier Bewährtes verbindet und mit nichtmal 30 quasi bereits ein Best-Of-Album veröffentlicht hat. »Tuscan Leather« steht jetzt am Ende und heißt »Views«, ließe man die ersten beiden Tracks kopulieren käme dabei »You & The 6« heraus, »One Dance, »Controlla und »Hotline Bling« denken »Take Care zu Ende, »Feel No Ways« ist die späte B-Seite zu »Hold On«, »Hype« und »Pop Style« führen »Know Yourself« und »The Language« zusammen, »Redemption« gibt »Shot For Me« nochmal einen aus und »Grammys« zeigt erneut warum neben Future kein Platz mehr bleibt für unseren Protagonisten. Das könnte man jetzt blöd finden, vielleicht sogar feige, aber allein wie 40 und Boi1da dieses Album auch sonisch zusammenhalten, macht »Views« mindestens mittelfristig zum richtigen Drake-Album zum richtigen Zeitpunkt, auch wenn sich zum ersten Mal in Drakes Karriere eine kreative Sackgasse zumindest andeutet.

Beyonce
Lemonade
Columbia • 2016 • ab 17.99€
Why do I want an independent woman to feel like she needs me? – Kann ich dir auch nicht beantworten, Aubrey, aber wenn man sich anguckt wie die beiden Boss Bitches Riri und Bey ihre selbstproklamierten Alphamännchen im Griff haben, ist »Lemonade« als das Break-Up-Not-Break-Up-Manifest, als das es dank Reißbrett-Storyline gerade so ausführlich zum feministischen Manifest hochgejazzt wird, vielleicht gar nicht so spannend. Viel interessanter eigentlich hier das etwas zaghafte aufgegriffene Young, Gifted and Black Motiv, mit dem sich die Boos Kunze und Cornils ja bereits für Formation ausführlich auseinandergesetzt haben. Oder aber dass Lemonande wirklich musikalisch der Kulminationspunkt des Life of Beyonce geworden ist. Wie real dieses Leben tatsächlich dann ist, spielt, wie bereits bei Pablo, dann auch eigentlich keine Rolle mehr.

A$ap Ferg
Always Strive & Prosper
RCA • 2016 • ab 11.16€
You can’t even figure out what’s going on with you – ok, der war fast schon zu einfach, denn: Trap Lord A.D., A$AP Ferg, legt mit »Always Strive and Prosper« ein solch unangenehm konfuses Album vor, dass man das Gefühl nicht loswird, er selbst wisse am wenigsten was denn Black Empowerment mit Kirmes-Drops, seine Großmutter mit dem schlechtesten Missy Elliott Feature aller Zeiten und Ferguson mit South Beach zu tun haben. Wer tagelang Verdauungsprobleme von Rockys »Wild For The Night« bekam, wird hier in zwei Monaten einen Backstein scheißen.

J Dilla
The Diary
Mass Appeal • 2016 • ab 9.99€
I don’t run out of material – ich muss ja auch erst mal reinkommen in diesen selbstauferlegten Triangle Offense Faschismus hier, deswegen noch eine Captain Obvious Line für J Dilla und dessen »The Diary«, um das sich schon 2006 kurz nach seinem Tod nicht nur Gerüchte rankten, sondern auch nachhörbare Demo-Leaks auf Soulseek gefunden werden konnten. Zehn Jahre später ist der Papierkram geregelt und der am Mikorofon notorisch unterbewertete Late-Clap-Bauwse darf am Record Store Day endlich über die Beats seiner damaligen Lieblingsproduzenten rappen. Posthume Skepsis in allen Ehren, hier ist sie allerdings ausnahmsweise unangebracht.

J-Zone
Fish-N-Grits
Old Maid Entertainment • 2016 • ab 15.99€
Fuck being all buddy buddy with the opposition – auch 2016 ist J-Zone der Eiterpickel in der gezupften Unibrow von Rap. »Fish N Grits« ist gleichzeitig Zynismus-Manifest und Rückkehr zu den Old Maid’ismen, mit denen J-Zone vor gut 15 Jahren zu Raps am meisten darauf geschlafenenen Stand Up Comedian wurde, mit dem Unterschied, dass er es sich damals als Produzent noch nicht so bequem gemacht hatte.

Andy Stott
Too Many Voices
Modern Love • 2016 • ab 35.99€
You don’t worry ‘bout fitting in when you custom made – wenn Drake irgendwann mit der Karibik durch ist und ihm irgendjemand Andy Stotts neue Single »Butterflies« vorspielt, dann werde ich zum Erdmännchen . Auch der Rest von »Too Many Voices« klingt glücklicherweise als hätte Arca einen Physik-Nachhilfelehrer engagiert und weil das der einzige Vergleich ist, der wenigstens ein kleines bißchen Sinn macht, bleibt Stott ein Unikat.

Six upside down, it’s a nine now – es kann einem eigentlich nur ein wohliges Gefühl in Magengrube und den Lenden bereiten zu wissen, dass DJ Rashad auch da oben, way way up, immer noch von den einfachen irdischen Dingen beseelt ist: wunde Vaginae, gerollte Bäume und…nein, das war’s thematisch eigentlich auch schon. Was ist das für 1 »Afterlife«?

It’s like a lot of games bein’ played – Verlegenheitszitat, ahoi. War nun aber auch nicht gerade einfach Kowtons immer schon seltsamen Grime-Techno (apropos Grime: what happened, Aubrey?) mit säuselndem Sixismus zusammenzubringen. »Südtirol Footwork« warf der Kunze hier eben von nebenan ein, aber nicht alles ist so manisch wie der Opener. Leider auf Albumlänge flacher als das Kowtons bisheriger Maxi-Output hätte erwarten lassen.

Lawrence
Yoyogi Park
Mule Musiq • 2016 • ab 20.99€
I’m noddin’ off on a Xanax – hart geschummelt, weil: Lawrence’ Neue hat wesentlich mehr Druck als seine oft transzendentalen Ambientbimmeleien der letzten Jahre. Dass dreamy Lawrence auf Platte der bessere Lawrence (geworden) ist, liegt auf »Yoyogi Park« meist an einem uninspirierten Drum-Programming; was kicken soll, kickt nicht, was federn sollt, macht arthritische Kniebeugen. Schade für die wie üblich sorgsam eingespielten Melodien.

DJ Koze presents
Pampa Volume 1
Pampa • 2016 • ab 28.99€
_Most n_ggs with a deal couldn’t make a greatest hits – aka warum funktionieren Compilations nie so richtig? Selbst Koze schafft es nicht sein Pampa-Roster zum Jubiläum zu Höchstleistungen anzutreiben – im Gegenteil, seine Kollaboration mit Jamie XX ist gar sein uninspiriertester Tracks seit…hmm…Fischmob? Auch Garanten wie Roman Flügel, Isolee und Axel Boman bleiben für ihre Verhältnisse durchschnittlich und für Stimmings und Michel Cleis’ Festival-House fehlt mir schlicht das Gespür für Zeltromantik. Schade, aber auch keineswegs beunruhigend für die Dinge, die da noch auf Pampa passieren werden.

Matt Karmil
++++
PNN • 2016 • ab 12.99€
Yeah, yeah, yeah, yeah, jheeze, yeah, right, look, look. – mmmmhm, schon wieder Matt Karmil. Beinahe zeitgleich mit seinem sehr guten Album für Idle Hands, legt der Wahl-Kölner diesen Monat über Jens Uwe-Beyers PNN noch einen nach. »++++« ist wie schon der Vorgänger »…« (d’oh) eine unglaublich stoische Liebeserklärung an das unperfekte Loop und damit fast schon die Antithese zu The Field. Karmil benutzt Repetition nicht als Affirmation, sondern am liebsten als Irritationsmoment und wie er mit dieser vermeintlich einfachen Skipping-Needle-Ästhethik nun schon zwei derart hervorragende Alben gemacht hat, ist schon ein bißchen unheimlich.

Omar S
The Best
FXHE • 2016 • ab 57.99€
Always seems to get better with timeOmar-S. »The Best«. Keine Fragen mehr? Gut, ich glaube ich könnte auch nicht mit Menschen befreundet sein, die das anders sehen.

Max D
Boost
Future Times • 2016 • ab 9.74€
Gyal a you mi waan pay fi yuh visa meck yo fly out regular – oder die onomatopoeische Umsetzung der Rhythmik von »Boost«, dem Minialbum mit dem Max D endgültig zum Einzeltäter wird. Was auf vergangenen PAN-Kollaborationen bereits gärte, ist nun destilliert nachzuhören auf sieben Tracks, die sich nichts und niemandem verpflichtet fühlen. House, Ambient, New Age, Cosmic, Disco – all die Parameter mit denen wir uns in der Vergangenheit versucht haben selbst zu helfen, sie helfen hier nur noch bedingt. Ich weiß noch nicht, ob mir das alles so recht ist, aber radikal ist es, so radikal wie es sich wenige hätten ausdenken können.

Xiu Xiu
Plays The Music Of Twin Peaks
Polyvinyl • 2016 • ab 24.99€
LOLOL I’m glad you find this shit amusin’ – gilt gewissemaßen auch für XiuXius Interpretation des Twin Peaks Soundtracks, wobei hier die Bezugspunkte natürlich transparent sind und dafür sorgen, dass XiuXiu stellenweise auch mal nicht diese Band sind, die alle irgendwie theoretisch gut finden, aber für die man sich so motivieren muss wie für einen Laktat-Lauf in strömendem Regen. Was wiederum dazu geführt hat, dass ich deswegen deren Liveperformance in Köln »verpasst« habe. Advanced level Ottotum.

M83
Junk
Naive • 2016 • ab 19.99€
Got so many chains they call me Chaining Tatum – die dümmste Line für das dümmste Album des Monats. M83 gefällt sich auf »Junk« in der Rolle des Geschmacklosen, so sehr, dass die hier versammelten maximalistischen Hardkäse-Popnummern und peinlichen Faustball-Balladen fast schon satirisch verstanden werden könnten, wäre der Deutsche nicht so überfordert von französischer Satire. Dabei gilt für »Midnight City« doch immer noch – auch für mein humorfreies Teutonenhirn – die gleiche Ansage wie oben bei Omar-S.

Kevin Morby
Singing Saw Black Vinyl Edition
Dead Oceans • 2016 • ab 21.99€
You wanna walk around naked in the kitchen – will ich, jetzt sofort und zwar zu Kevin Morby und »Singing Saw«. Warum steht hier .