Aigners Inventur – Januar 2014

27.01.2014
Auch diesen Monat setzt sich unser Kolumnist vom Dienst wieder kritisch mit der Release-Flut auseinander, selektiert, lobt und tadelt. Any given month. Dieses Mal u.a. unter der Lupe: Beyoncé, R. Kelly, L.I.E.S und Warpaint.
Unbedingt noch abarbeiten sollten wir Beyoncés Feed-Füller Anfang Dezember, als sie mit einem unangekündigten Album mitten ins Weihnachtsgeschäft bombte und frierende Menschen mit routiniert verschwitztem R&B und einer noch hitzigeren Videokampagne erwärmte. Aber ich kann mir nicht helfen: so schulterklopfend man das aus BWLer-Perspektive rezipieren kann, so sehr Stand der Kunst die Produktionen von Timbo, Pharrell, The-Dream oder Hit-Boy auch sein mögen, so ermüdend ist die ganze Chose dennoch. Vielleicht weil Beyoncé mittlerweile weniger Projektionsfläche und mehr transzendente Ikone ist, mehr Übermutter als Inspiration – ein familieninternes Problem also.

R. Kelly
Black Panties
RCA • 2013 • ab 11.16€
Noch einen Schritt weiter in der Selbststilisierung geht R. Kelly, der auf »Black Panties« endgültig zu jener grell überzeichneten Selbstparodie wird, die er spätestens seit »Trapped In The Closet« in den Augen des Internets schon lange war. Nicht dass Kels nicht ohnehin für krudesten Chauvinismus und die schmerzhaft peinlichsten Metaphern im ganzen Spiel bekannt gewesen wäre, aber was hier passiert, ist lyrisch so in einem solch übersexualisierten Paralleluniversum angesiedelt, dass es einen auch nicht verwundert warum ausgerechnet jetzt die ollen Pee-Pee/Doo-Doo-Geschichten wieder ausgegraben werden. Vielleicht ist das R in R&B endgültig einen Schritt zu weit gegangen.

Moodymann
Moodymann
KDJ • 2014 • ab 22.99€
Ein weiterer Härtefall für Gleichstellungsbeauftragte ist traditionell auch Moodymann, wobei er auf Moodymann, seinem wie immer lächerlich limitierten neuen Album, sich endgültig von plakativen Blaxploitation-Klischees entfernt hat (äh ja, das dämliche Cover-Artwork mal ausgenommen) und mittlerweile tatsächlich manchmal klingt wie der verlorene Soulquarian zur Electric-Circus-Phase. Da gibt es dann Uptempo-Soul mit Andres kontemplatives Acid-Geblubber, Fahrstuhljazz-Akkorde neben Four-To-The-Floor-Sleaze, Roy-Ayers-Keys und Prince-Gitarren. Mit »Sloppy Cosmic« setzt Kenny Dixon Jr dann am Ende noch das Afrocentrism-Manifest, das Erykah Badu seit 10 Jahren versucht zu schreiben aber noch nie in solch epischem Ausmaß artikuliert hat. Nach einigen halbgaren EPs endlich wieder eine durchweg spannende VÖ des beliebtesten Kölner PKW-Kennzeichens (#kdj).

Unsere Gender-Studies-Vorlesung schließen wir mit »Black Portland«, dem Mixtape der beiden ATL-Ignants Young Thug und Bloody Jay. Musikalisch durchaus nahe dran an Future, aber vom Habitus her eher Rich Homie Quan, croont sich Young Thug auch hier wieder potentiell 3-4 neue Hits zusammen, bei denen megalomanisch veranlagte Multimillionäre auf der nächsten Been-Trill-Party dafür sorgen könnten, dass sich Danny Glover und Worst Behavior 2014 um den Titel des wichtigsten Hashtags streiten werden. Oh und was tatsächlich bemerkenswert ist: Young Thug hat ein fast schon umheimliches Gespür für Hooks und Songstrukturen, und zwar nicht im Migos’schen Sinne.

Step Brothers (Alchemist & Evidence of Dilated Peoples)
Lord Steppington
Rhymesayers • 2013 • ab 10.99€
Also folgendes: irgendjemand muss es ihm mal sagen. Es kann doch nicht sein, dass dieser A. Maman Jahr für Jahr, Beat für Beat, immer und immer wieder für karrieredefinierende Highlights großer und mittelgroßer Rapper verantwortlich ist und immer noch diesen immensen Drang hat uns auf Albumlänge mit Malen-nach-Zahlen-Versen und fiesesten Rumpelflows zu belästigen. Als Step Brothers reimt Alchemist nun für Rhymesayers gemeinsam mit Evidence, dem ja nun auch viele (ich nicht) die Daseinsberechtigung hinterm Mikrofon absprechen. Ähnlich wie bei Gangrene ist »Lord Steppington« produktionstechnisch so ansprechend, dass man weitgehend überhören kann wie vor allem Alchemist mit dem Takt kämpft, aber nichtsdestotrotz wäre auch das hier wieder ein wesentlich besseres Album, wenn sich Alchemist auf das Knöpfchendrücken beschränkt hätte.

Lee Bannon
Alternate / Endings
Ninja Tune • 2013 • ab 12.34€
Ob wir von Alchemist und Evidence jemals etwas derart krudes wie »Alternate / Endings« zu erwarten haben, darf durchaus bezweifelt werden. Ursprünglich hatte Lee Bannon mal grassrootsige Beats an Joey Bada$$ verscherbelt, ehe er den Weirdo in sich entdeckte und nun für Ninja Tune ein unglaublich hektisches und paranoides Album vorgelegt hat. Nun ist gegen endzeitigen Jungle prinzipiell nichts zu sagen, aber Bannon klöppelt hier insgesamt mit zu wenig Verstand und Gespür für Dynamik los, ein Klimax jagt den nächsten und so sorgt »Alternate / Endings« auch primär für Erschöpfung anstatt Genugtuung.

Actress
Ghettoville
Werkdiscs • 2014 • ab 24.29€
Wem das emotional noch zu einfach ist, dem sei »Ghettoville« ans Herz gelegt. Im Zwiegespräch mit Herrn Kunze wurde schon etabliert warum Actress immer noch einer der wichtigsten Produzenten der Jetztzeit ist und dass er innerhalb einer Stunde Pinguine verenden lässt, Chopped & Screwed Balladen neben Techno-Bretter stellt und generell weiterhin gegen alle Etikette verstößt, spricht sowieso für ihn. Album des Monats, eh klar.

Steve Moore
Pangaea Ultima
Spectrum Spools • 2013 • ab 21.99€
Obwohl auch Steve Moore, dem wir 2012 besondere Wertschätzung entgegenbrachten, mit »Pangaea Ultimate« hervorragendes abliefert. Tief verwurzelt in Sci-Fi-Soundtracks, spielt Moore hier ein fulminantes Arpeggio nach dem anderen ein, verschleppt dann aber auch wieder so lange, dass man selbst technoide Muster in diesen Ambiente-Kontext platziert und nicht als solche wahrnimmt. Ganz großartige, erwachsene elektronische Musik und dabei viel weniger eitel und snobistisch als diese ganzen Techno-Doktoranden hierzulande.

Pye Corner Audio
Black Mill Tapes Volume 3 & 4
Type • 2014 • ab 24.99€
Ein Bruder im Geiste könnte auch Pye Corner Audio sein, der es mit »The Black Mill Tapes Vol 3 & 4« wieder ad hoc schafft einen Assoziations-Overkill der ganz großen Hausnummern zu evozieren: John Carpenter, Transmat, Aphex Twin, Drexciya und Klaus Schulze rauschen vor dem inneren Ohr vorbei und dennoch erschöpft sich das nie in basalem Epigonentum.

L.I.E.S. presents
Music For Shut-Ins Sampler
L.I.E.S. • 2013 • ab 8.99€
Noch mehr Eklektizismus gibt es erwartungsgemäß auf »Music For Shut-Ins«, einer dieser Compilations, die auf der ersten CD den ganzen Vinyl-Schabernack zusammenfasst und auf dem zweiten Silberling dann als Appetithappen für die ganzen Klugscheißer neues Material feil bietet. Eine schöne Sache, nicht nur weil Morelli bei der Auswahl für die erste CD auch mal einige der zugänglicheren L.I.E.S. Tracks der letzten Zeit berücksichtigt hat, sondern auch weil auf der zweiten CD einige veritable (sprich: special interest Tracks für Soundcloud-Autisten mit Underground-Resistance-Titelbild) Hits wie der Beautiful Swimmers Breakbeat-Spaß »The Zoo« zu finden sind.

STL
At Disconnected Moments
Smallville • 2014 • ab 16.99€
Etwas überraschend ist hingegen wie belanglos »At Disconnected Moments« geworden ist, angesichts des Umstandes, dass STL für seine auf Smalville veröffentlichten Arbeiten normalerweise häufig Tracks auswählt, deren Melodiefragmente etwas deutlicher ausformuliert sind als seine häufig skizzenhaften und meist forscheren, selbstveröffentlichten Tracks. »At Disconnected Moments« hingegen ist ein weiteres Dub-Techno-Album, das mit »Ghostly Ambit« in einer liebevollen Basic-Channel-Verneigung kulminiert, aber insgesamt zu meditativ und zu unaufdringlich ist, um aus STLs unglaublich umfangreicher Diskographie herauszustechen.

Warpaint
Warpaint
Rough Trade • 2014 • ab 28.99€
Wie man jetzt von Dub Techno zur Ex-Band einer der schönsten Frauen der Welt (huhu, S.Dot Sossamon) kommt? Keine Ahnung, vielleicht in dem man feststellt, dass »Warpaint« jetzt innerhalb dieser Kolumne bereits das dritte selbstbetitelte Nicht-Debüt-Album ist. Was ist da los? Sowas verwirrt Menschen in meinem Alter. Was weiterhin auffällt: Warpaint bleiben weiter eine über die Maßen – Vorsicht Hassadjektiv – stylische Indie-Rock-Combo, bei der man sich als Rezipient ständig unterbewusst fragt, ob man das musikalisch nun wirklich gut findet oder doch nur auf Visualisierung und Bandidentität reingefallen ist. Sei es drum, ich bin ihnen wieder auf den Leim gegangen.

Spike
Orange Cloud Nine
Golf Channel • 2013 • ab 16.99€
Visuell ebenfalls sehr ansprechend umgesetzt wurde »Orange Cloud Nine«, jene Zusammenstellung der legendären Aufnahmen eines gewissen Spike Wolters, der zwischen 1981 und 1984 einige Platten gemacht hat für die DJ-Harvey-Fanboys gerne mal eine Monatsmiete investierten. Dank Golf Channel gibt es das etwas Drum Machine afinere Pendant zu Ned Dohenys Softrock-Großtaten jetzt auch für eine Zwanziger zu kaufen. Ein Schnäppchen, kratzt man sich doch bereits nach 4 Minuten Spielzeit die ersten imaginären Sand(strand)körner aus der Po-Falte.

Bohren & Der Club Of Gore
Piano Nights
Pias • 2014 • ab 18.99€
Wer sich derlei eskapistische Träumerei nicht zu lange gönnen darf, kommt mit »Piano Nights« sehr schnell wieder im bibberigen Deutschland an. Dort haben die auch international höchstgeschätzten Bohren & Der Club Of Gore wieder ein bemerkenswert melancholisches Album aufgenommen, auf dem dieses Mal weniger doomige Drones als elegantes Piano-Lamento und wunderschön entschleunigte Ambientmeditationen im Mittelpunkt stehen. Unglaublich schön ist und der beste Beweis dafür, dass Gefühl in den seltensten Fällen etwas mit Pathos zu tun haben muss.