Aigners Inventur – Juni 2018

06.06.2018
New Kanye, new Pusha, new Rocky, Gzuz auch noch! Ziemliche Aufstellung das. Unser Kolumnist ballert trotzdem 51. Und da er den ganzen Spaß hier alleine macht, hat er den Spielstand stets im Kopf: hellwach, never stoned af, unser Aigner.
Ein Kanye West Album zu besprechen, bedeutet auch immer seine aktuelle Public Persona minutiös zu dekonstruieren und dann routinemäßig mit dem Befund zu schließen: lass Kanye Kanye sein. »ye« ist nun aber nicht wegen Wests unerträglichem Alt Right-Rollout ein solch problematisches Album geworden, sondern weil Kanye in den letzten Jahren ein höchst inkonstanter Songwriter geworden ist. Das mag auf »The Life Of Pablo« noch nicht so unangenehm aufgefallen sein wie hier, aber in 25 Minuten Spielzeit kann man sich kaum Fehler leisten. Vom zerissenen, aber immerhin pathologisch interessanten Opener, der am ehesten an die dunkelsten Momente von »808s« erinnert, über das lyrisch platte, aber immerhin musikalisch interessante »Yikes«, »Bound2« in der Silberhochzeit-Variante (gefühlte 5 von 7 Tracks) und dem tumbsten Vater/Tochter-Song (»Violent Crimes«) seit Ewigkeiten: Kanye spielt hier seine Wizards-Saison.

Pusha T hingegen scheint mit 41 Jahren endlich angekommen zu sein, nicht nur wegen dieser Drake-Geschichte, sondern auch weil »DAYTONA« die Antithese zu »ye« ist: konzise und formalistisch, reduziert und jeder Vers chirurgisch präzise. 21 Minuten lang doubleentendret sich Pusha durch Schnee-Metaphern, staubt bei Kanye die heißkältesten Beats des Jahres ab und findet qua Format dieses Mal auch keine Zeit für Spotify-Algorithmus-Überlegungen und Chris Brown Refrains (ja ok, die »Hard Piano« Hook kann sich trotzdem verpissen). Natürlich lassen wir den Crackrock im Backofen und postulieren pflichtbewusst, dass »Hell Hath No Fury« unangetastet bleibt, aber so wenig das für Kanye selbst funktioniert hat, so brillant ist diese 7-Song-Strategie hier aufgegangen.

Eh und überhaupt: warum brauchte es erst »DAYTONA« um zurück zu »Illmatic«-Tugenden zu finden? »Testing« wäre ein herausragender Halbstünder, voll mit postmodernisierten Memphismen, »Blonde«-Mandalas und Catwalk-Watschen, aber wie immer bei A$AP Rocky nach »Live.Love.A$AP« fehlt hier die Konzentration um halbgare Augenwischerei und genuin gute Ideen streng zu trennen. Als Playlist kombiniert mit den Highlights aus den neuen Lil Baby und Playboi Carti Tapes allerdings ziemlich unfickmitbar.

Gzuz
Wolke 7
187 Strassenbande • 2018 • ab 28.99€
Letztes Rapalbum für diesen Monat, selbes Prinzip: [Gzuz](https://www.hhv-mag.com/de/feature/10080/gzuz-wieso-weshalb-warum) und »Wolke 7« als 7-Tracker ein endloser Roundhouse-Kick gegen gymnasiales Stirnrunzeln und Bausparzeigefinger und am Ende haben sich dank Trettmann doch alle lieb. In der Originalfassung wie immer bei den 187ern zu lang und gerade im füllerreichen Mittelteil zu eintönig und ungelenk kalenderspruchig, aber nach dem Worldstar-Coup gab es eh nichts mehr zu beweisen.

Gas
Rausch
Kompakt • 2018 • ab 22.99€
3,2,1, Kalauer: Von Gazi zu Gas. Ähnlich wie im letzten Jahr »Narkopop« fühlt sich »Rausch« mit der erprobten Gas-Formel immer ein bißchen unwohl, die von Voigt stets als Dogma ausgerufene gerade Bassdrum leitet zwar auch hier kompassgenau durch den Wald, aber im Gegensatz zu den Boxset-Klassikern ist hier mehr Unbehagen zu hören. Romantik hat sich Voigt zwar eh nur implizit gegönnt, hier aber ist diese auch in gesampleter Form einer schwer zu beschreibenden Woods-Paranoia gewichen.


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Âme
Dream House
Innervisions • 2018 • ab 23.99€
Neues Ame Album, schwierige Geschichte. So einfach es ist Ame (und Innervisions allgemein) für deren Sudoku-Variante von Deep House aus dem gemütlichen, aber schlecht beheizten Elfenbeinturm (sprich: WG-Zimmer) herab abzuwatschen, so sehr merkt man »Dream House« (Trolljob des Jahres) an, dass die beiden wollen. Wollen heißt: Songs statt Tracks. Vocals, Kunst mit Gudrun Gut Roedelius und überhaupt. Das Problem ist nur, dass Ame diesen routiniert angetrancten Dur- und Moll-Tech House Sound wesentlich besser beherschen als genuin interessantes Home Listening. Nächstes Mal vielleicht einfach den Worgull anrufen, bei Vermont wirkte das wenigstens nicht so furchtbar bemüht.

Skee Mask
Compro
Ilian Tape • 2018 • ab 27.99€
Das neue Skee Mask Album ist ziemlich gut, aber das wusstest du schon, weil du dich seit drei Wochen jeden Tag darüber echauffierst, dass Ilian Tape nicht direkt mehr »Compro« Copies gepressst haben und du jetzt warten musst. Voll okay, normalstes Almantum halt. Ich bin hier um dir zu sagen: du wirst die zehn Tage bis zum Repress überleben, weil du auch einfach die ollen The Black Dog, Photek und The Orb Alben rauskramen und »Xtal« mal wieder zum Weckton machen könntest. Oder vielleicht einfach alternativ diesem verdammten Steven Rutter Album eine zweite Chance geben? Oder »Amber«…ach, komm lassen wir das, schon ein Spitzenalbum auch.

The Black Dog
Post -Truth
Dust Science • 2018 • ab 22.99€
Besser auch als »Post-Truth«, Teil 1 eines neuen Doppelschlags von The Black Dog, das allerdings wesentlich vehementer ballert als zu erwarten war, wobei Album Nummer 2 dann die Ambient-Tradition fortzsetzen wird. Unschwer an Cover und Presseinfo zu erkennen, arbeitet sich das Trio britisch elegant und nur stellenweise vertrackt an postfaktischer Idiotie und Realdystopien ab, ohne dabei unzugänglich zu werden. Stabiles Album für instabile Zeiten.

Surgeon
Luminosity Device
Dynamic Tension • 2018 • ab 18.99€
Entspannt euch, Bavarian Murder Boys, Surgeon bleibt auch trotz Lady Gaga Tour und Clueso-Artwork hart. Wobei »Luminsoty Device« für Surgeons eigenen Maßstab fairerweise eher al dente ausfällt und sich teilweise sogar an fast Oni Ayhun’schen Melodiebögen versucht und generell – öhm – musikalischer ausfällt.

Cienfuegos Autogolpe
Cienfuegos Autogolpe
L.I.E.S. • 2018 • ab 12.59€
Wer sich für rostigen Tribalindustrial auf 95 BPM nicht interessiert, darf gerne scrollen, in ze most obvious news ever ist Cienfuegos Autogolpes LP auf L.I.E.S. für mich wieder Messiasscheiß tho. Also zumindest wenn der Beat hinter all dem Asbest so klar zu erkennen ist wie auf »False Prophets«, »Encantada« und dem völlig irren EBM-Grime «The Seventh Sister«.


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Syclops
Pink Eye
Running Back • 2018 • ab 21.99€
Die neue Syclops ist übrigens selbstverständlich fantastisch, Maurice Fulton halt. Muss mir in diesem Zusammenhang endlich mal angewöhnen, Leuten, die mit House nichts zu tun haben, aber irgendwann diese Lücke schließen wollen, immer nur Omar-S Platten zu empfehlen.

Will Dimaggio
At Ease
Future Times • 2018 • ab 16.99€
Hätte ich vor Will Dimaggios »At Ease« nicht die neue Syclops gehört, wäre jetzt hier wahrscheinlich von einem Pflichtkauf die Rede, weil man diesen abgehangen geblunteten Ami-House einfach kaum besser machen kann als Dimaggio, gegen Fultons 400 Ideen pro Track stinkt das dann aber halt schon ein bißchen ab.

Delroy Edwards
Aftershock
L.I.E.S. • 2018 • ab 22.99€
Wobei darauf kommt es eigentlich auch nicht immer an. Delroy Edwards zollt dem guten alten WBMX-Rhythm-Track auf »Aftershock« ausführlichst Tribut und langweilt trotzdem nicht. Wer es allerdings etwas herausfordernder braucht, kauft stattdessen einfach die neue Dolo Percussion auf Trilogy Tapes.

Milord (of Mystic Jungle Tribe)
Delta Waves Dimension
Periodica • 2018 • ab 13.99€
Unterdessen passieren auf Periodica weiter gute Dinge. Milord, Space Garage und Mystic Jungle Tribe Mitglied, hat eine Soloplatte gemacht und führt dort alles zusammen was auf seinen Bandprojekten auch schon geil war: Zeitlupen-Italo, Transmat-Funk, Eso-Ambient, Minimal Wave und dabei immer ein feixendes Grinsen im Gesicht.

V.A.
Elsewhere MMLDXXVI
Kalahari Oyster Cult • 2018 • ab 21.99€
Uuuuuund noch eine Compilation: »Elsewhere MMDLXXVI« auf Kalahari Oyster Cult findet hier Platz, weil das im einen Moment klingt ein Aiwo-Best-Of, dann wie Nocturnal Emissions in deren spiritueller Phase und dann wieder nach einer obskuren Habibi Funk-B-Seite, innerhalb eines Tracks wohlgemerkt. Schon stark.

O$VMV$M
O$vmv$m
Idle Hands • 2018 • ab 16.99€
Die letzte O$vmv$m fand ich schon ziemlich überragend und auch die neue ist wieder ein viel zu kurzer Beweis dafür was passiert wäre, wenn Cloudrap nicht auf Soundcloud, sondern in Bristol stattgefunden hätte. Ach ja, auch wichtig in diesem Zusammenhang: Young Echo

Airchina
LP1
Italic / Ambassadors Reception • 2018 • ab 22.49€
Hosono, Sakamoto Pyrolator, Oneohtrix, The Orb – manche Pressetexte greifen so ungeniert nach den prallsten Kirschen, dass man dem Album direkt keine Chance mehr geben möchte. Das wäre im Falle von Airchina, einem neuen Projekt von Nikolai Szymanski (of Stabile Elite Notoriety), aber ein Fehler. Ach komm, ich mach das mal für euch: »LP1« ist das Pop-Album, zu dem sich Visible Cloaks immer noch nicht getraut haben.

Jacob Yates
The Hare. The Moon. The Drone.
Optimo Music • 2018 • ab 14.44€
Der Curveball des Monats am Ende: Glasgower-Geezer-Folk von Jacob Yates, veröffentlicht auf Optimo. »The Hare. The Moon. The Drone.« klingt stellenweise als würde Bones vollgepisst Waits covern, beinhaltet mit »Mr Marouf« aber auch den weirdesten Spoken Word Scheiß des Jahres: L. Ron Hubbard mit Surf-Gitarre, Heroin In Tahiti gone Maschmeyer.


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