Music Kolumne | verfasst 12.04.2018
Aigners Inventur
April 2018
Kennt sein Passwort fürs UGHH-Forum noch auswendig und weiß, was in Zukunft die NTS-Sets dominieren wird: unser Kolumnist Florian Aigner. Ganz klar der Mann also, dem du vertrauen solltest.
Text Florian Aigner

mc bomber gebüschFind it at hhv.de:Vinyl LP | Box Set »Gebüsch« ist das »American Vandal« des Deutschraps. In unverschämter Länge bereitet MC Bomber hier wieder und wieder den selben Dickjoke in neuen Facetten auf. Wir sind uns meist sicher, dass der ganze, maximal ekelhaft formulierte Natterntalk in erster Linie ein einziges elaboriertes Deutschrap-Mockumentary ist, stolpern aber doch immer wieder über die Sorgfalt, mit der hier Penäler-Humor zur Kunstform erhoben wird.
 

dr octagon 2Find it at hhv.de:Vinyl 2LP | CD Damit ist MC Bomber teilweise gar nicht so weit entfernt von Kool Keith, der auf dem lächerlich verspäteten und eigentlich gar nicht mehr gebrauchten Nachfolger zu Dr. Octagon direkt zu Beginn von Octagon-Tampons (nochmal wäh) fantasiert und sein bestes gibt, sich in der vierten Dekade seiner Groteske nicht nur noch selbst zu persiflieren. Das gelingt auf »Moosebumps« höchstens ansatzweise, nicht nur weil Dan The Automator auch seit mindestens 15 Jahren seinen Zenit überschritten hat, sondern auch weil Q-Berts ausladende Scratch-Parts 2018 eher wie ein Requiem klingen.
 

czarface doomFind it at hhv.de:Vinyl 2LP | Tape | CD * Und nochmal Musik für Menschen, die ihre Log-In-Daten für das UGHH-Forum heute noch auswendig kennen: Ausgerechnet Czarface, dieses ohnehin schon hüftsteife Trio, bestehend aus 7L, Esoteric und Inspectah Deck, schafft es den notorisch unzuverlässigen, das letzte Jahrzehnt hauptsächlich sediert rappenden Indie-GOAT der mittleren Nuller, Uns MF Doom, zu einem Album zu überreden. Natürlich ist das dann wahlweise enttäuschend oder exakt das, was man realistisch erwarten konnte.
 

Jean Grae & Quelle Chris – Everything's FineFind it at hhv.de: CD Wesentlich interessanter hingegen die Zusammenarbeit von Jean Grae und Quelle Chris, die auf »Everything’s Fine« den Blessed-Filter der IG-Generation aufs Herrlichste parodieren, abgründige Prince Paul’eske Szenarien kreieren und nebenbei brillant rappen. Insbesondere Jean Grae, die technisch gesehen schon seit Jahrzehnten unantastbar ist, legt hier Reimketten-Bukakke-mäßig noch eine Schippe drauf. Pitchfork jubiliert, das Ganze fühle sich an wie ein Rap-Musical von Hannibal Buress. Gar nicht so weit von der Realität entfernt.
 

young fathers ninjaFind it at hhv.de: Vinyl 2LP Ich schreibe das jetzt: »Cocoa Sugar« ist das ärgerlichste Album des Jahres. Bekanntlich haben die drei Schotten spätestens seit Mercury Prize und Ninja Tune ihre Schäfchen im Trockenen, aber verdammt, diese neue Young Fathers ist wirklich absoluter Vollrotz. Wahllos changierend zwischen Downtempo-Gegospel à la Chance The Rapper, »Can’t Feel My Face« – Populismus und Avant R&B, kann ich mir kaum ein Album vorstellen, das so sehr nach Berufsakademie Vice klingt wie dieser degenerierte Runway-Mumpitz.
 

Smerz - Have Fun Ja ok, man könnte Smerz wahrscheinlich ähliches vorwerfen. Immerhin checken die aber, dass man für diesen wirklich hippen R&B-Scheiß immer noch besser bei »House Of Balloons«, Logos und M.E.S.H. klaut. Klingt jetzt abschätziger als es gemeint ist, »Have Fun« bockt schon.
 

The Maghreban – 01DeasFind it at hhv.de: Vinyl 2LP MPC-House und ich machen immer noch eine schwierige Phase durch und wenn ich noch einmal ein gechopptes Rhodes-Sample höre, das exakt so klingt wie jede Andres-B-Seite, raste ich komplett aus. Glücklicherweise hat The Maghreban auf »01deas« noch mehr -äh – Ideen . Ob man unbedingt den vierzigtausendsten Versuch House, Bossa und Highlife zusammenzubringen braucht, sei mal dahingestellt, aber wenn Hunee dieses Frühjahr mit »Revenge« nicht Festivalbühnen von St. Petersburg bis Lima abfackelt, ist etwas schief gelaufen.
 

george fitzgerald dominoFind it at hhv.de:Vinyl 2LP | Vinyl 2LP Hätte ich Erwartungen gehabt, würde mich das neue George Fitzgerald Album vielleicht noch mehr aufregen als diese Young Fathers Abomination, aber dass Fitzgerald die britische Clubtradition heute in erster Linie durch das Disclosure-Prisma sieht, weiß man ja. Schade, dass »All That Must Be Back« aber auch kein gut geschriebenes Pop-Album geworden ist, sondern in erster Linie deprimierendste Cocktailbar-Belanglosigkeit.
 

daniel avery 2nd albumFind it at hhv.de: Vinyl 2LP Daniel Avery, ich weiß auch nicht. Klar ist »Song For Alpha« eigentlich ein wirklich gut sequenziertes modernes Techno-Album mit genug Warp -Referenzen, um sich NTS-Airplay zu verdienen und genug Wumms für B2B-Festival-Sets mit Rodhad, aber irgendwie bleibt das alles seltsam steril in seiner Bemühtheit um Ehrfurcht und Geschmäcklerei.
 

the mover undetectedFind it at hhv.de: Vinyl 2LP Musikalisch wesentlich barscher dann natürlich das neue Album von The Mover, dem Theo Parrish (höhöhöhö) der Gabber- und Hardcore-Szene. »The Undetected Act From The Gloom Chamber« bestätigt dann auch sehr eindrucksvoll, warum das unaufhaltsame Comeback von Harcore und Gabber, laut The Mover, am besten funktioniert, wenn Elemente dieser Szenen in den Techno-Kontext übertragen werden und nicht mehr isoliert in riesigen holländischen Messehallen stattfinden. Werde ich zwar in Reinform niemals kapieren, aber die 2-3 reduzierten Schraubstock-Techno-Dinger hier drauf, sollten sich mühelos in Kobosils oder Helena Hauffs Sets integrieren lassen. Immerhin.
 

Borusiade – A BodyFind it at hhv.de: Vinyl LP Nur gewinnen kann man mit den lächerlichen 11 Euro, die für »A Body« zu investieren sind. Ein zufällig entstandenes Album, unauffällig einsortiert als Maxi, mit klarem Spannungsbogen, kryptischem Intro, zwei clever platzierten EBM-Techno-Banken und dem Spoken Word Irrsinn von »Dormant«, Borusiade ist einfach eine Tolle.
 

essaie pas new pathFind it at hhv.de: Vinyl LP Eigentlich auch toll: Marie Davidson, die mittlerweile ganz klar größer ist als Essaie Pas. Das Projekt mit ihrem Ehemann Pierre Guérineau versucht sich auf »New Path« leider recht krampfig intellektuell zu überhöhen, in dem es den narrativen Spannungsbogen von »A Scanner Darkly« versucht musikalisch nachzuerzählen. Das geht auch deswegen schief, weil sich das Duo an ungewohnt generisch bollerndem – oh Gott, darf man das wieder sagen? – Electro Clash verhebt, anstatt wie gewohnt unverkrampft mit No Wave, Industrial und Chanson Techno zu spielen.
 

steven rutter brain fogFind it at hhv.de: Vinyl 2LP Ich könnte jetzt schreiben, dass B12 schon immer der ideale Kompromiss für alle waren, die Autechre zu vertrackt, Aphex Twin zu unberechenbar, Derrick May zu alt, Drexciya zu schnell und Carl Craig zu proggy fanden und nur halb daneben liegen. Wichtiger wäre aber an dieser Stelle zu betonen, wie außergewöhnlich es ist, dass die beiden Briten 2018 annähernd so tolle Musik produzieren wie vor 25 Jahren. »Brainfog«, Steven Rutters gerade veröffentlichtes Solo-Album, flirrt fiebrig durch angedubbten Post-Industrial, bleept Autoren-Techno in den Club zurück und traut sich rhythmisch alles, von Downtempo bis Stingray-Electro. Kleine Sensation, schon wieder.
 

Chris Carter – Chemistry Lessons 1Find it at hhv.de: Vinyl 2LP So, Chris Carter. Ich liebe Chris Carter. Jeder liebt Chris Carter. Und trotzdem konnte man nicht unbedingt annehmen, dass sich Carter, Ewigkeiten nach seinem letzten Soloalbum und zumindest Jahre seit der letzten wirklich relevanten Zusammenarbeit mit Cosey Fanni Tutti so furios zurückmelden würde. »Chemistry Lessons Vol.1« startet ungewohnt campy und arbeitet sich im artifiziellen Stimmengewirr in Zweieinhalbminütern Richtung Hades vor. Beeinflusst sei das von den frühen Radiphonics-Experimenten der BBC, aber eigentlich ist Carter hier sein eigener Einfluss. Wenn ich groß bin, werde ich Chris Carter.
 

David Byrne – UtopiaFind it at hhv.de: Vinyl LP Es fällt mir immer noch schwer irgendetwas gegen David Byrne zu sagen, viel charmanter als Byrne kann man die Post-Talking-Heads-Dekaden eigentlich nicht organisieren und von mir aus darf der David auch mit 82 noch in lachsfarbenen Blazern und entblößten Knöcheln bei Colbert Jared Kushner bemitleiden. Aber: »American Utopia« ist leider tatsächlich ein scheißiges Byrne-Album, die zwei afrofunkigen Talking Heads aus purer Nostalgie vielleicht ausgenommen. Insbesondere der semiironische Opener liegt mit seiner penetranten Kalenderspruchhaftigkeit noch so schwer im Magen, dass es wirklich schwer fällt, das hier bis zum Ende durchzustehen.
 

laurie anderson kronosFind it at hhv.de: Vinyl LP Ach prima, Bushido hat es endlich in die Philharmonie geschafft. Könnte man angesichts des CCN-Covers von »Landfall« in Thumbnil-Größe zumindest kurz denken. Aber eigentlich ist Laurie Andersons Zusammenarbeit mit den Vorzeigestrebern des Kronos Quartet noch biederer. Auch hier, wie schon bei den beiden vorherigen Alben, noch der Disclaimer: Laurie Anderson ist eine Heilige, aber »Landfall« ist ein unangenehm spießiges Kammerspiel, das nur während Andersons Spoken Word Parts mal kurz die Krawatte lockert. Wer wundert sich dann noch über den Intendantenpreis für diese Platte?
 

Walter Verdin – Voor AdelineFind it at hhv.de: Vinyl LP Stroom -Alert! Was es mit »Adeline« auf sich hat, stand bereits hier und warum ich “Küchen-Wave-Noir mit einer Vorliebe dafür, alltägliche Dinge als Instrumente zu nutzen” auch 38 Jahre später für den heißen Scheiß halte, kann ich auch nicht erklären, ist aber so.
 

die wilde jagd uhrwerkFind it at hhv.de: Vinyl LP Von Stroom zu Bureau B ist es dann nur noch ein Katzensprung. Sebastian Lee Philipp hat dort ein neues Album gemacht. Die Wilde Jagd ist mittlerweile SSFB-approved, »Wah Wah Wallenstein« ein Klassiker der Selector-Westachse und »Uhrwald Orange« wird mit seinem ausproduzierten, souverän dubbigen Spaghetti-Western-Psych-Kraut mindestens genau so erfolgreich sein. Bonuspunkte übrigens für die völlig ungenierte Delivery und Minnesang-Melodie auf der bekloppt-geilen Single »2000 Elefanten«, die ein bißchen so klingt, als hätten Rheingold den Braveheart Soundtrack gemacht.
 

de leon Ich glaube Black Merlins Bali-Ausflug für Islands Of The Gods habe ich am Stück in den letzten zwei Jahren öfter gehört als jede andere neue Platte. Kein Wunder also, dass De Leons mit ihrem verspult-minimalistischen Gamelan-Tribal-Dub auf Mana hier insgeheim mein Album des Monats rauspfeffern. Kam übrigens wohl schon 2015 als Tape, aber wer diesen Winter ohne Fieberträume überstanden hat, werfe die erste Ibuprofen.
 

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Music Kolumne
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Aigners Inventur
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1961 markierte »Africa/Brass« den Anbruch eines neuen Zeitalters: Für John Coltrane war es der Beginn seiner Impulse!-Jahre, für viele afrikanische Staaten der Start in die Unabhängigkeit. Musikalisch war es sein ambitioniertestes Vorhaben.
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Music Porträt
Seefeel
Musik im luftleeren Raum
Seefeel sind eine Zusammenkunft der Unwahrscheinlichkeiten. Seit fast 30 Jahren spielen sie zwischen den Stilen und befreit von kontemporären Referenzen. Ihr Sound ist bis heute unbegreiflich.
Music Porträt
Arsivplak
Vergangenheit, neu aufgelegt
Volga Çobans Label Arsivplak und das Edit-Projekt Arşivplak sind zwei Seiten derselben Medaille: Einerseits ist er Archivar von türkischem Funk, Disco, Pop, Rock und Jazz, andererseits wirft er ein neues Licht auf alte Klänge.
Music Kolumne
Records Revisited
Grace Jones – Nightclubbing, 1981
Nachtleben für Androiden: Grace Jones sorgte auf »Nightclubbing« mit einer der besten Rhythmusgruppen der Welt dafür, dass Reggae und New Wave im Pop der Achtziger neues Eigenleben entfalteten.
Music Kolumne
Aigners Inventur
Mai & Juni 2021
Die eine Konstante in der Ära von Impfneid, Merzismus und Notbremsenbeef: Aigners Inventur fühlt sich vier Minuten vor Beginn der Ausgangssperre verwegen, hält sich für den Nabel der Deutschrapwelt und kopiert sich nur selbst.
Music Liste
Crumb
10 All Time Favs
Seit ihrem Debüt 2019 gelten Crumb als eines der heißesten Feuer in der Musiklandschaft. Nun ist ihr neues Album »Ice Melt« erschienen. Die Gelegenheit sie nach 10 Schallplatten zu fragen, die sie geformt, gebessert und gebildet haben.
Music Kolumne
Vinyl-Sprechstunde
Scotch Rolex – Tewari
Ist es Hip-Hop? Ist es Metal? Ist es Dancehall? Ist es Musik, die du nicht raffen wirst? Ist es unfair, dass die Clubs geschlossen sind? Unsere Vinyl-Sprechstundler gehen gleichermaßen clubhorny wie verstört aus DJ Scott Rolex’ »Tewari«.
Music Interview
Adrian Younge
Sonische Geschichtsstunde
Mit »The American Negro« beginnt ein neues Kapitel in der Arbeit von Adrian Younge. Sie ist frontaler, politisch aufgeladener und selbstsicherer. Er will lehren. Wir hatten die Gelegenheit zu einem ausführlichem Interview.
Music Liste
Leon Vynehall
10 All Time Favs
Mit seinem neuen Album »Rare, Forever« setzt der britische Produzent Leon Vynehall den Weg fort, den er mit »Nothing Is Still« begonnen hat. Uns verrät er heute 10 Schallplatten, die ihn geformt, gebessert und gebildet haben.
Music Kolumne
Records Revisited
Gil Scott-Heron – Pieces Of A Man (1971)
Man nannte ihn den »Godfather of Hip Hop«, weil er über Drogen, Rassismus und die Divided States of America textete. Mittlerweile ist das erfolgreichstes Album von Gil Scott-Heron 50 Jahre alt – und aktueller denn je.
Music Kolumne
Records Revisited
Deftones – White Pony (2000)
Die im Juni 2000 veröffentlichte LP »White Pony« wurde deshalb zu einem dermaßen bahnbrechenden Album, weil sich die Deftones darauf erstmals als die Zitationsmaschine in Szene setzen, die sie eigentlich immer schon gewesen waren.
Music Liste
Jenn Wasner (Flock Of Dimes)
10 All Time Favs
Mit ihrem Soloprojekt Flock of Dimes hat Jenn Wasner gerade ihr persönlichstes und zugleich substanziell weitreichendstes Album vorgelegt. Wir baten die Musikerin uns 10 Schallplatten zu nennen, die sie geformt, gebessert, gebildet haben.