Atmosphere – Wir Kinder von Action-Figuren

15.10.2018
Foto:© Rhymesayers Entertainment
Seit 20 Jahren sind Atmosphere nun schon im Geschäft. Müde werden Slug und Ant dabei nicht. Pünktlich zum Release ihres neuen Albums »Mi Vida Local« sprachen wir mit Slug über Straßen, Action-Figuren und den Reiz von Rettungsboten.

East Coast, West Coast, Dirty South: Rap aus New York, Los Angeles oder Atlanta hat sich längst zu einer Marke entwickelt – unabhängig davon, wie vielschichtig er dort jeweils ist. Der Mittlere Westen der USA ist diesbezüglich nicht wirklich auf Augenhöhe. Ein Hip Hop-Niemandsland sind die Midwestern States allerdings nicht. Auch dort existiert eine vitale, prosperierende Hip Hop-Szene. Gerade in und um Minneapolis, Minnesota der Heimat von Atmosphere. Das aus Sean Daley und Anthony Davis aka MC Slug und dem Producer Ant bestehende Duo bereichert Rap schon seit zwei Dekaden. Das von ihnen mitbegründete Label Rhymesayers Entertainment stellt neben ihren Midwest-Homies auch Künstlern wie Aesop Rock oder Evidence eine Label-Heimat – und veröffentlichte eben erst ihre neue LP »Mi Vida Local«. Bereits im Titel verdeutlicht das Album die Verbundenheit von Atmosphere mit ihrer Hometown. Die neuen Songs lassen erneut in die Seelenwelt eines Rappers blicken, dessen künstlerische Laufbahn vom großmäuligen MC bis zum gereiften Erwachsenen viele Stationen kennt. Atmosphere stehen längst für reflektierten grown men rap, der seinen Blick auch über den Tellerrand des eigenen Egos schweifen lässt – und beweisen dabei, dass Freshness kein jugendliches Alter braucht.


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Soeben ist euer neues Album »Mi Vida Local« und auch ein neues Musikvideo, zu »Jerome« erschienen. Die Straße, die man in dem Video sieht, ist die gleiche wie im »Southsiders«-Video oder? Lebst Du dort?
Slug: Nein, da täuschst Du Dich. Es sind verschiedene Straßen, ich wohne in keiner von beiden. Ich bin viel zu paranoid, um in einem Musikvideo meine Wohnadresse oder so etwas bekanntzugeben. Das würde ich niemals tun.

*Sowohl das Label Rhymesayers als auch Atmosphere werden von dir und Ant als ein Homie- und Hometown-Ding betrieben. Wie verläuft da der Austausch mit anderen Musikern?**
Ich mag es einfach, mit meiner Crew abzuhängen. Mit den Menschen, die ich schätze, die ich gern hab, die ich persönlich gut kenne und die mir daher natürlich mehr bedeuten als jemand, mit dem ich lediglich über irgendein Geschäftsverhältnis zu tun habe. Und das sind eben zunächst einmal jene Menschen, die zu Hause um mich herum sind. Am Ende des Tages scheint mir das einfach der richtige Weg zu sein. Meine Musik ist eine persönliche Sache, die ich sehr ernst nehme. Es würde mich nervös machen, wenn da plötzlich Leute mitreden, die ich nicht wirklich kenne – und die sich vielleicht als schlimme Charaktere herausstellen.

Ich war nie in den USA, aber durch die ganze Popkultur habe ich eine gewisse Vorstellung von z.B. New York oder Kalifornien. Wenn es um deine Heimat Minnesota, um den Mittleren Westen geht, dann ist meine Vorstellung eher vage. Mir fallen dann Filme wie »Fargo« oder »A Simple Plan« ein, die den Mittleren Westen ziemlich obskur erscheinen lassen. Ist an dieser Darstellung etwas dran?
Ach ja, da mag schon etwas dran sein. Obskure Geschichten wie diese passen durchaus in den Mittleren Westen. Die von dir genannten Filme sind bestimmt nicht ganz grundlos hier oben angesiedelt. Aber wenn du jetzt Twin Cities Minneapolis und St. Paul besuchst, dann ist das definitiv anders. Wenn ich das jetzt mit einer deutschen Stadt vergleiche – ich kenne Deutschland ja ein bisschen vom Touren – dann am ehesten mit Hamburg. Das Klima, die Kälte im Winter, der Schnee. Und die Bevölkerung, die stark durch seine Arbeiterklasse geprägt ist.

»Heute springen Rapper viel mehr auf der Bühne herum, als ich es damals tat. Mir ging es zuallererst um Sprachgewandtheit und um coole, hintergründige Wortspiele.« (Slug)

Bleiben wir mal bei popkulturellen Elementen. In »Jerome« rappst du die Zeile: »We are the children of the action figures«. Das Spiel mit Action-Figuren ist ja einerseits eine physische Angelegenheit, während andererseits das eigene Vorstellungsvermögen wichtig ist. Ich denke, über Rap kann man das auch sagen. Ist Rap heutzutage, wo er mehr im Internet als in der Cypher stattfindet, weniger physisch geworden?
Hm, das ist eine knifflige Frage. Da muss man viele verschiedene Aspekte betrachten. Als ich noch ein Teenager war und mit Rap aufgewachsen bin, hat Hip-Hop als Gesamtheit noch eine viel größere Rolle gespielt. Da wolltest du als Rapper außerdem ein Graffitikünstler sein und auch ein Breakdancer. Weil du als MC in vollem Umfang dazugehören wolltest. Ich habe mir früher Dance Moves draufgeschafft, habe mich mit allem, dem ganzen Drumherum, vertraut gemacht. Alleine schon daher war es früher wohl sehr viel physischer. Heute steht Rap viel isolierter da – und ist bestimmt für viele Menschen zunächst einmal eine Möglichkeit, um Karriere zu machen. Aber fairerweise muss ich auch sagen, dass ich wohl zu alt bin, um diese Frage gut zu beantworten. Da müsste man auch noch einen 20-jährigen mit ins Boot holen. Naja. Auf jeden Fall springen Rapper heute viel mehr auf der Bühne herum, als ich es damals tat. Mir ging es zuallererst um Sprachgewandtheit und um coole, hintergründige Wortspiele.

Wenn du ein Kind von Action-Figuren bist, dann macht dich das natürlich selbst zu einer. Was ist in diesem Fall deine Spezialfähigkeit, deine besondere Stärke?
Ich bin der Organisator. Der, der das Chaos überblickt, der alles im Fokus hat, jedes Detail, jedes Element. Ich kann mich sehr gut konzentrieren, behalte alles im Auge – und halte so die Dinge zusammen. Und am Laufen.

Das gilt bestimmt auch für Deine Arbeit bei Rhymesayers Entertainment…
…mehr noch, das gilt für mein ganzes Leben, für alles, was ich tue.

Atmosphere besteht nun schon seit rund 20 Jahren als eine klassische Rap Crew mit einem MC und einem Producer. Hatten andere Duos wie Gang Starr oder Kool G Rap & DJ Polo einen besonderen Einfluss auf Dich?
Klar, die beiden definitiv, und Eric B & Rakim, Boogie Down Productions, The Juice Crew, bis hin zu NWA, sie alle waren wichtige Einflüsse, denen man auf eigene Weise nacheifern wollte. Als ich noch jung war, war jeder irgendwie in einer Crew. Wer solo unterwegs war, war meist ein Ladies Man. Wie Spoonie Gee oder LL Cool J. Die traten alleine ins Rampenlicht und wollten den Frauen gefallen, während Crews als geschlossene Einheiten auftraten und strengths through numbers zur Schau stellten. Mir gefiel beides. LL Cool J war für mich genauso bedeutend wie z.B. KRS One.

»Man lernt eben dazu, wie immer, wenn man über seinen Tellerrand hinaus sieht.« (Slug)

Wie hat sich im Laufe all der Jahre die Zusammenarbeit mit Ant verändert?
Wir sind zwar ein eingespieltes Team, aber verändert hat sich trotzdem alles. Alleine schon durch den ganzen technischen Fortschritt ist heute nichts mehr so, wie es in unseren Anfangstagen war. Da standen wir mit einem analogen 4-Spur-Rekorder im Keller. Die Möglichkeiten waren da entsprechend beschränkt, ein einzelnes Adlib ging da schon mal auf Kosten der Soundqualität. Heute schaut das natürlich anders aus. Zumal wir im Laufe der Zeit viel dazugelernt haben. Nicht zuletzt auch durch die Zusammenarbeit mit den Musikern der Band, mit denen wir zwischen 2006 und 2012 auf Tour gegangen sind, das hat uns eine Menge gelehrt für unsere letzten Alben – in Sachen Produktion, aber auch hinsichtlich der Arbeit mit anderen, beispielsweise wenn es darum geht, die eigene musikalische Vision mit den künstlerischen Visionen anderer unter einen Hut zu bekommen und die Sache dabei größer zu machen, anstatt sie zwischen unterschiedlichen Ansprüchen zu verwässern. Man lernt eben dazu, wie immer, wenn man über seinen Tellerrand hinaus sieht. Bei der aktuellen Tour treten wir wieder in klassischer Crew-Besetzung auf – allerdings mit zwei DJs. Neben mir und Ant ist Plain Ole Bill mit auf der Bühne.
Atmosphere
Mi Vida Local
Rhymesayers • 2018 • ab 28.99€
Ach, wir streiten eigentlich gar nicht viel. Und wenn, dann über Filme, über Bücher, natürlich auch über Musik. Über die wirklich wichtigen Dinge im Leben, die schwerwiegenden, sind wir uns dagegen einig. Wir haben wohl so ziemlich die gleichen moralischen, ethnischen und politischen Ansichten. Im Rettungsboot ginge es daher vermutlich um irgendein Sport-Ergebnis.

Irgendwie schön, dass man sich noch über Musik und Sport streiten kann, während man auf die Apokalypse zusteuert, oder?
Ja, absolut!


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