Ausklang | 2017KW34 – 8 essentielle neue Platten

25.08.2017
Hunderte neue Releases, jede Woche. Davon viele sehr gut – und bereits von diversen Portalen vorgestellt. Wir präsentieren: die unvorgestelltesten, besten Releases der Woche. Ab vom Schuss, leicht daneben und tierisch geil: der Ausklang.
Machine Woman
When Lobster Comes Home
Technicolour • 2017 • ab 8.99€
Das Ohm könnte so etwas wie Berlins Golden Pudel sein – hätten sie sich nicht der Unsitte verschrieben, hin und wieder den Boden zu wischen. Weil ich gerne inkognito komme und sternhagelblau gehe, kenne ich leider die hiesige Türsteherin nicht und erinnere mich generell an wenig. Kein Grund, sich nicht über Machine Womans gelebte Szenekunde in Form von schubbernden Blechbüchsenbeats, Deep House-Chord-Wellen und Stimmschnipselkaskaden zu freuen, die sich an Camile aus dem Ohm abarbeitet. Klingt wie eine halbe Stunde im Kreise der Lieben, das heißt in dieser bizarr großen Toilette hinter dem Garderobenbereich. KC
Octo Octa
Adrift
Honey Soundsystem • 2017 • ab 10.99€
Àpropos im Club zusammen schwitzen und schnaufen: Octo Octa im Dorisburg- und Avalon Emerson-Treatment muss ja sowieso gekauft werden. »Adrift« war auf ihrem Album »Where Are We Going?« die pillenbittere Erinnerung daran, dass nicht jeder dunkle Ort zugleich ein sicherer Hafen ist. Anders ausgedrückt: In der Nacht sind alle Linien weiß und wenn du dich um zwei Moleküle vertust, wird aus dem Abenteuer Cluburlaub schnell ein Abenteuercluburlaub. Das hier ist der Soundtrack dazu und die Reworks die zwei Menschen, die dich liebevoll in Richtung Ausgang schultern. Wohin du auch gehst, es gibt noch Hoffnung. KC
Rafael Anton Irisarri
The Shameless Years Colored Vinyl Edition
Umor-Rex • 2017 • ab 18.99€
Ich kniff mich selbst, wie um mich davon zu überzeugen, dass ich kein seinen Machismo unterdrückender Hippie mit Gallonenflasche Wein in der Hand sei, der in ausufernder Rede nachdrücklich seine Sensibilität betont. Smog und Nebel und Möwen lagen über der See – und ich wollte nicht aufwachen.SH
([Rafael Anton Irisarri](https://www.hhv-mag.com/de/glossareintrag/3135/rafael-anton-irisarri,) »The Shameless Years«, *[Umor Rex](https://www.hhv-mag.com/de/glossareintrag/3642/umor-rex) 2017)
Ryuichi Sakamoto
Async
Milan • 2017 • ab 39.99€
Kunst und Leben ineinander zu verweben, war ja schon die Idee der Romantiker vor 200 Jahren. Ryuichi Sakamoto ist ein bedingungsloser Romantiker, auch auf »Async« seinem ersten Soloalbum seit acht Jahren. Bei mir löst diese übermenschliche Aura der Vollkommenheit in seiner Musik (wie hier auf »Andata«) ein überraschendes Unbehagen aus. Weswegen hier noch die nicht auf dem Album sich befindende Überarbeitung von Oneohtrix Point Never danebengestellt sein soll. Nimmt mir ein bisschen den Druck von der Brust. SH
Carl Campbell
Zion Dub
Carl's • 1978 • ab 21.99€
Kunst und Leben verweben…vermutlich der Hauptgrund warum Dub in seiner unverkomplizierten Reinform und klimatischen Unverkrampftheit bis heute seltenst mit meinem Alltag harmoniert. Aber heute ist nicht Alltag, heute ist Puddingknie und Rehydration und Carl Campbells »Dub For Joy« meine einzige Chance. FA
EPMD
Headbanger
Def Jam • 1992 • ab 14.99€
White Sands, 1945, mein nackter Fuß auf dem Untergrund. Alles dunkel, dann das helle Licht. Ich esse einen Bauer-Joghurt, Geschmacksrichtung Erdbeere, und bin mir sicher, dass ich in dem Getöse der neuen Art von Vernichtung, noch die letzte Grille vernommen habe, die ich je werde zirpen hören. Heißt auf nüchtern: Finders Keepers haben Raskovichs (besser bekannt als Giuliano Sorgini) »Scienzia e Technologia« neu aufgelegt und es hat die erhabene Schönheit von etwas, das erst sehr viel ist und dann nichts mehr übrig lässt. Okay, guck, nüchtern no goes here. PK
2 Chainz
Pretty Girls Like Trap Music
Def Jam • 2017 • ab 34.99€
»Good Drank«, 60 Millionen Youtube-Hits später und ich bin immer noch felsenfest davon überzeugt, dass das bereits die von Guavo so verzweifelt gesuchte neue amerikanische Nationalhymne sein muss. Mehr über dem Radar gab’s hier noch nie, aber es soll sich hinterher auch keiner beschweren, nicht von uns auf die Millenial-Version von »Heal The World« hingewiesen worden zu sein. FA
Bosaina
New York April-July 2013 / Two Names Upon The Shore
Discrepant • 2017 • ab 19.99€
Erst höhlt sie einem mit ihrem Klavier so richtig faustdick die Magengrube aus und dann setzt sie einem ihren verzerrten Gesang von wegen »same old story…« in das Loch. Bosaina, in Kairo lebende Künstlerin, weiß jedenfalls, wie man kein Stein auf dem anderen lässt. Steinfeindliche Musik also, die das bodenlose Fallen dem Fundament vorzieht. PK