Halbjahresrückblick 2019 – 50 best Vinyl Records so far

11.07.2019
Was ist denn musikalisch 2019 überhaupt schon passiert? Woran sollte man sich als Vinyl-Liebhaber erinnern? Und welche Schallplatten wurden denn ungerechtfertigt übersehen? Diese 50 Schallplatten verraten es euch.
Wir denken, während die Zeit in Siebenmeilenstiefeln voranschreitet, kommt mitunter der Moment auch mal inne zu halten. Mehr als sechs Monate sind 2019 schon wieder ins Land gegangen und wir sagen: Stop! Moment! Was ist denn musikalisch 2019 überhaupt schon passiert? Woran sollte man sich als Vinyl-Liebhaber erinnern? Und welche Schallplatten wurden denn ungerechtfertigt übersehen? Also haben wir uns auf unseren Hosenboden gesetzt und Musik gehört, Platten bewertet, die Spreu vom Weizen getrennt. Herausgekommen sind diese 50 Vinyl-Schallplatten, teils neu erschienen, teils wieder erschienen, teils sehr lang, teils sehr kurz. Viel Spaß beim Stöbern.


Die 50 Schallplatten der ersten Jahreshälfte findest du im [Webshop von HHV Records](https://www.hhv.de/shop/de/die-50-besten-schallplatten-der-ersten-jahreshaelfte-2019/p:aey0qB)


2 Chainz
Rap Or Go To The League
Def Jam • 2019 • ab 30.99€
: Um den Shit kann man seinen Kopf nicht wickeln, der Shit wickelt sich um den eigenen Kopf; wenn er denn noch da ist, vielleicht ist er auch lost nach DEM SHIT! John T. Gast und MC Boli haben als Gossiwor etwas so Gutes gemacht, dass es einem vollkommen die Membran verzwirbelt. Streicher, Flöten, Bleeps und ein bisschen Berliner Schule sind nur die total normalen Grundzutaten dieses spirituellen Trips durch Highlands, durch virtuelle Tempel, durch Unterwasser-Tragödien, begleitet von Voice-Bot-Mönchen und Reverb. Und man spürt diese befreiende Euphorie, dieses Seelenheil, weil das hier die finale Unheilsverkündung ist. Bestes Album 2031. Philipp Kunze


Die 50 Schallplatten der ersten Jahreshälfte findest du im [Webshop von HHV Records](https://www.hhv.de/shop/de/die-50-besten-schallplatten-der-ersten-jahreshaelfte-2019/p:aey0qB)


Grebenstein & Seefried
Raging Tender
Downwards • 2019 • ab 12.99€
: »Solastalgia« ist der Fachbegriff dafür, wie uns die Klimakrise geistig und emotional abfuckt und deswegen allein schon der richtige Plattentitel zur richtigen Zeit. Auf dem gleichnamigen Album schichtet Rafael Anton Irisarri mehr Drones übereinander als sich FDPler Argumente gegen politische Interventionen einfallen lassen. So zeitgeistoptimiert sich das Konzept dieser Platte auch liest, ist die Eindringlichkeit dieses schlierigen Rauschens doch eben nicht von der Hand zu weisen. Wenn wir rettungslos verloren sind, dann nehmen wir zumindest diese Platte mit ins Grab. Kristoffer Cornils

Rob
Funky Rob Way
Analog Africa • 1977 • ab 28.99€
Rob – Funky Rob Way: Analog Africa hat ihn schon neu aufgelegt. Jetzt ist Mr Bongo dran. Ist gut so. Denn beim Ghanaer Rob »Roy« Raindorf gilt stets das eine Wort: »More«. So heißt seine Afrobeat-Antwort auf James Brown, und auch sein übriges Album, das uns den »Funky Rob Way« weist, will, dass man es mehr und mehr hört. Seine Argumente sind eine federnd funky Wah-Wah-Gitarre, laserstrahlensprühende Synthesizer, leicht dezentral organisierte Perkussion und ganz vorn der wie von Dampf getriebene Bläsersatz. More! Tim Caspar Boehme

Sachiko Kanenobu
Misora Black Vinyl Edition
Light In The Attic • 1978 • ab 35.99€
Sachiko Kanenobu – Misora:Bitte nach oben sehen. Und bemerken: Der Himmel ist schön. Oder Sachiko Kanenobus Soloalbum »Misora« hören, auf dem sie diese Forderung vorträgt, bloß auf Japanisch. So traumverloren wie der bewundernde Blick nach oben ist auch Kanenobus Musik, zarter, angenehm spröder Folk mit einer gehauchten, doch nie piepsigen Stimme. Wieder so eine Platte, die sanft darauf aufmerksam macht, dass man für Musik viel mehr als Gesang und Gitarre eigentlich nicht bracht. Fand Produzent Haruomi Hosono wohl auch. Tim Caspar Boehme

Skepta
Ignorance Is Bliss
Boy Better Know • 2019 • ab 38.99€
ScHoolboy Q – Crash Talk: Es war immer die rare Energie, die ScHoolboy Q auszeichnete. Immer getrieben der Mann, Pulle in der Hand und Flausen im Kopf, Zweifel, Widersprüche, Raserei, der große Knall wurde immer antizipiert. Was »CrasH Talk« so gut macht, ist dass man dieses Mal nicht das Gefühl hat. Wirkt angekommen. Nicht mehr Vollrausch, dafür den ganzen Tag leicht einen sitzen. ScHoolboy legt sein sein bislang kohärentestes Album vor, »Crash Talk« wirkt schlüssig und fonk-ier denn je. Philipp Kunze

Skepta
Ignorance Is Bliss
Boy Better Know • 2019 • ab 38.99€
Skepta – Ignorance Is Bliss: Titel der nächsten theoretischen Arbeit, die ich zum Glück nie schreiben werde: Die Grumpyness im Werk von Skepta Abgezeichnet hat sich grumpy Opa-Skepta schon eine Weile, auf »Ignorance Is Bliss« ist die Transformation jetzt komplett. Skepta wirkt oft derart muffelig, dass es schon komisches Ausmaß annimmt. Großartig. Dazu passend gönnt er sich auch immer öfter gerne einen Holz-Flow, gegebene Fucks findet man hier nicht, und trotzdem befindet sich einer der größten Hits des Halbjahres mit »Greaze Mode« auf genau diesem Album hier. Skepta im endgültigen Boss-Modus: Vater, Top Boy, mega attraktiv und maximal unbeeindruckt. Philipp Kunze

Space Farm
Egyptology 0.5
Left Ear Records • 2019 • ab 14.99€
Space Farm – Egyptology 0.5: Also gut: Das Duo aus Jersey nennt sich Space Farm, die Vinyl 12" namens »Egyptology 0.5« kommt auf Left Ear Records das Cover zeigt einen Astronauten mit Mistgabel. Man kann ahnen, was einen da an Musik erwartet: Heftig angedubbter House oder heftig angehouster Dub, jedenfalls trägt das Gemisch einen pailettenbesetzten BH und shaked es wie den berühmten Salzstreuer. Es stimmt. Philipp Kunze

Caretaker, The
Everywhere At The End Of Time Stage 6
History Always Favours The Winners • 2019 • ab 32.99€
The Caretaker – Everywhere At The End Of Time Stage 6: Als »hörbares Chaos« bezeichnete der britische Musiker und Gedächtnis-in-Sound-Verwandler James Leyland Kirby » Everywhere At The End Of Time Stage 6«, den letzten Teil seiner Ambient-Pathologie über Alzheimer. Viel Rauschen, noch mehr Knacksen. Eine andere Welt, die wir nicht sehen, aber hören – und damit vielleicht auch ein Stück weit verstehen können. Klar, dass das nicht gerade der Soundtrack von Pauschaltouristen werden wird, die am Strand von Jesolo kübelweise Sangria wegtrichtern und ihre Birne damit auch ohne drohender Altersdemenz zu Matsch verarbeiten. Aber das Spannendste, was konfrontativer Ambient momentan zu bieten hat. Christoph Benkeser

Chi Factory, The
The Mantra Recordings
Astral Industries • 2019 • ab 25.99€
The Chi Factory – The Mantra Recordings: Die niederländischen Psych-New-Ager von Chi hängen auf einer griechischen Insel ab, lesen Gedichte von Robert Lax und schütteln dank Sonnenstich die Tablas noch zaghafter als auf den vorangegangenen Alben auf Astral Industries: keine Frage, man kann »The Mantra Sessions« klischeehaft finden, man kann aber sein auch Powernappinggame in die Champions League führen und dabei statt klebriger Saliva abzusondern ein sandelhölziges Bouquet in sein Kissen atmen. Florian Aigner

Comet Is Coming, The
Trust In The Lifeforce Of The Deep Mystery
Impulse • 2019 • ab 22.99€
The Comet Is Coming – Trust In The Lifeforce Of The Deep Mystery: 2019 geht es Jazzmusik und ihren Fusionen so gut wie lange nicht mehr. Vor allem im Vereinigten Königreich begegnen einem derzeit immer mehr Projekte, die das Genre tatsächlich noch mal komplett umkrempeln könnten. The Comet Is Coming surfen gerade auf dem Scheitelpunkt dieser Welle und sind das Paradebeispiel einer Combo, die einfach alles richtig macht. Im gleichen Maße eklektisch und stilsicher, können sich die drei Multiinstrumentalisten jede noch so psychedelisch verklärte, rhythmisch vertrackte oder futuristisch verzierte Kapriole leisten – immer stehen sie hinterher mit absolut perversen Geniestreichen wie »Summon The Fire«, »Blood Of The Past« oder »Timewave Zero« da. Dieser Komet kommt nicht, er ist offiziell eingeschlagen. Nils Schlechtriemen

Chi Factory, The
The Mantra Recordings
Astral Industries • 2019 • ab 25.99€
Trjj – Music Compilations: 12 Dances: So unbrauchbar Philosophie-seminarig sich der Promotext für »Music Compilation: 12 Dances« liest: das ist höööööchstwahrscheinlich bisher die beste Platte auf Stroom die sich exklusiv auf neues Material stützt. Sollte als Kaufempfehlung eigentlich reichen. Aber: wenn sich die Kompakt-Vision von Techno, Ambient und Pop nicht zwischenzeitlich in gärigem Kitsch erschöpft hätte, wären wir exakt bei Trjj als best case gelandet. Florian Aigner

Upsammy
Branches On Ice
Die Orakel • 2019 • ab 11.99€
Upsammy – Branches On Ice: Obacht. Die niederländische Produzentin Thessa Torsing alias Upsammy hält Worte für träge. So hieß ihre EP vom Vorjahr zumindest (»Words R Inert«). Worte mit der richtigen Bewegungsenergie für ihre aktuelle EP sollten daher mit Bedacht gewählt werden. Tropfiger House ist das diesmal, der beim Rückspritzen leicht am Boden kleben bleibt. Überhaupt alles sehr kunstvoll gedämpft und äußerlich leicht drallgehemmt. Dafür bauen diese Tracks eine beachtliche Binnenspannung auf. Tanzen? Ja. Tim Caspar Boehme

V.A.
No Order In Destiny
Kashual Plastik • 2019 • ab 32.99€
Various Artists – No Order In Destiny: Wenn die drei weitestgehend untätowierten Sprechstunden-Heinis einen Termin in der Stichbude machen, weil es sich bei der »No Order In Destiny«-Compilation auf Kashual Plastik allein des Cover-Designs wegen lohnen würde, sie auf ewig mit rumzutragen, dann muss da was extrem geil sein. Irgendwo zwischen fragilem Neofolk, muffigem Neo-Post-Industrial und exaltiertem Synth Pop findet diese fein kuratierte Sammlung den Faden, an dem entlang es noch tiefer ins Labyrinth hinab geht. Auf dem Weg zu hören: durchwegs sonderbare, in jeder Hinsicht besondere Musik. Extrem geil, extrem tätowierbar. Kristoffer Cornils

VC-118A
Inside
Delsin • 2019 • ab 19.99€
VC-118A – Inside: WMohlao, Multicast Dynamics, VC-118A Samuel van Dijk lädt seine Musik für alle Genrepurist*innen unter verschiedenen Pseudonymen ab. »Inside« zeigt ihn als ein Meister an der Schnittstelle von Electro und unfickmitbarem Techno, der je nach Wetterlage das Thermostat hochregelt oder die Klimaanlage rauschen lässt. Das perfekte Delsin-Album eigentlich, oder schlicht ein Best-Of von raster-noton-Sounddesign-Fetischismus im eleganten Dance-Remix. Selbst als stilistisch eindimensionale Baustelle noch so viel vielseitiger als der Rest. Kristoffer Cornils

Visible Cloaks, Yoshio Ojima & Satsuki Shibano
Frkwys Volume 15: Serenitatem
Rvng Intl. • 2019 • ab 23.99€
Visible Cloaks, Yoshio Ojima & Satsuki Shibano – FRKWYS Vol. 15: serenitatem: Für diese Ende 2017 entstandenen Aufnahmen haben sich Spencer Doran and Ryan Carlile (Visible Cloaks) mit Yoshio Ojima, der sich schon seit den Achtzigern dem ständigen Fluss von Klängen widmet, und der für ihre Interpretationen von Erik Satie und Claude Debussy bekannten Pianistin Satsuki Shibano zusammengefunden. Das Erstaunliche dieser gemeinsam entstandenen Musik ist ihre luftige Leichtigkeit, wieso das lateinische Wort für Heiterkeit, »Serenitatem«, mit dem dieses Werk benannt ist, Sinn macht. Wobei hier weniger die hinlänglich bekannte Biergarten-Heiterkeit gemeint ist, als vielmehr diese Stimmung, die eintritt, wenn sich ein Licht seinen Weg durch die verwinkelte Architektur deines Kopfes bricht und deinen Geist für einem Moment hell erleuchtet. Schön, klar und flüchtig. Sebastian Hinz

Wilma Vritra
Burd
Bad Taste • 2019 • ab 23.99€
Wilma Vritra – Burd: Wenn man meint, dass ein Album zu den besten der ersten Jahreshälfte gehört, der Rest der Welt »Burd aber kaum zu kennen scheint, möchte man gern das eigene Urteil einer kritischen Prüfung unterziehen. Bei Wilma Vritra, der transkontinentalen Zusammenarbeit des US-amerikanischen Rappers Pyramid Vritra mit dem britischen Produzenten Wilma Archer zischt, knallt und brodelt die kombinierte Kreativität allerdings so verteufelt gut, dass man nur vermuten kann, es muss etwas beim Marketing schiefgelaufen sein. Menno! Tim Caspar Boehme

Xosar
The Possessor Possesses Nothing
Bedouin • 2019 • ab 23.99€
Xosar – The Possessor Possesses Nothing: Xosar war von Anfang an besonders. Anders. Vielleicht hilft der Glaube an Übernatürliches, jedenfalls produziert Sheela Rahman mit ihrer Musik nicht bloß House (früher) und Techno (heute), sondern macht Sinnangebote für orientierungslose Zeiten. Die mögen dunkel daherkommen, doch die Energie, die auch in The Possessor Possesses Nothing« schlummert, verspricht, wenn nicht ein besseres Morgen, dann wenigstens eine sehr, sehr gute Feier des Heute, in der die Klänge sich frei nach Xosars Wünschen entfalten dürfen. Tim Caspar Boehme


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