Music Essay | verfasst 24.06.2019
Britischer Jazz
On The Hot Spot
Der Jazz auf den Britischen Inseln steckt 2019 im Generationenumbruch. Neue Talente von Manchester bis London revidieren festgefahrene Konventionen und loten selbstbewusst die Grenzen des Genres aus. Warum gerade jetzt?
Text Nils Schlechtriemen , Übersetzung Nils Schlechtriemen
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»Für viele Jahre war es in London doch so: Entweder du hast geradlinigen Jazz gespielt, oder gehörtest irgendwie direkt zur Avantgarde. Uns fehlte einfach die Plattform für unsere Musik«, erinnert sich Moses Boyd in einem Interview mit The Guardian. Der Drummer gehört mit seinem aus Tottenham stammenden Kollegen und Saxofonisten Binker Golding zum Kern der gegenwärtigen Londoner Impro-Szene. Er und andere wissen zu berichten: Trotz seines kosmopoliten Flairs war die Clubkultur der britischen Hauptstadt lange Zeit vergleichsweise scharf separiert und eben nicht der kulturell pulsierende Melting Pot von heute. Auf der einen Seite die Etablissements für den intellektuellen Hörer, der Jazz oder Experimentelles goutiert. Auf der anderen Seite Schuppen, in denen UK Bass, Grime und Hip-Hop liefen – hier das vermeintlich Alte und Verkopfte, dort der neue heiße Scheiß. Seit 2010 trägt vor allem die Plattform Boiler Room dazu bei, dass beides miteinander verschmelzen kann. Aber auch der 2011 von Femi Adeyemi gegründete Online-Radiosender NTS Radio und Labels wie Eglo, Total Refreshment Centre oder Gilles Petersons Brownswood Recordings befeuern seit gut einem Jahrzehnt die wachsende Integration verschiedenster Stile und Subkulturen, die im Untergrund von London, Manchester oder Sheffield auch deshalb gedeihen, weil sich engagierte Organisatoren und Veranstalter immer wieder gegen den öffentlichen Druck von Behörden durchsetzen.

»Das Publikum für experimentelle und improvisierte Musik aller Art ist in London sicher vorhanden, doch viele Venues müssen gegen eine zunehmend repressive Politik seitens der Stadträte ankämpfen. Dabei machen die Clubbesitzer nicht selten das Unmögliche möglich«, stellt Idris Rahman fest, seines Zeichens Saxofonist bei Ill Considered, einem der aktuell aktivsten Projekte aus der Finanzmetropole. Das Quartett, bestehend aus den festen Mitgliedern Idris Rahman, Leon Brichard, Emre Ramazanoglu und Satin Singh spielt gerade mal seit gut zwei Jahren zusammen, hat aber schon fünf Studioalben und vier Livemitschnitte veröffentlicht. Alles ohne Label, alles in Eigenregie, alles über Plattformen wie Bandcamp. »Es gibt dabei einfach keine Nachteile, außer dass wir eine Menge Pakete versenden müssen, was hauptsächlich Leon übernimmt.« Der Aufwand scheint sich kommerziell zu lohnen, ohne dass dabei die künstlerische Freiheit draufgeht: »Für Leute wie uns ist Bandcamp eine unglaublich emanzipative Plattform, mit deren Hilfe wir was wir wollen, wann wir wollen, wie wir wollen veröffentlichen können.« Von dieser neuen Freiheit machen neben Ill Considered aber natürlich zunehmend auch Kollegen und Mitstreiter Gebrauch, die alle in diversen Projekten gleichzeitig aktiv sind. Rahman und Brichard realisierten etwa mit Tom Skinner, dem Drummer von Sons Of Kemet, quasi nebenher auch das Debüt ihrer Spiritual-Jazz-Combo Wildflower, während Skinner mit Satin Singh und Shabaka Hutchings im frenetischen Afrobeat-Punk von Melt Yourself Down einer rhythmischen Klimax nach der anderen hinterherjagt.

»Das Publikum für experimentelle und improvisierte Musik aller Art ist in London sicher vorhanden, doch viele Venues müssen gegen eine zunehmend repressive Politik seitens der Stadträte ankämpfen.« (Idris Rahman, Ill Considered)

Schon bei oberflächlicher Betrachtung ist die gesamte Szene eng miteinander vernetzt, was gerade am Beispiel Shabaka Hutchings besonders gut sichtbar wird. Der Saxofonist veröffentlichte mit befreundeten Musikern aus Südafrika als Shabaka And The Ancestors 2016 mit »Wisdom Of Elders« vielleicht eines der denkwürdigsten Alben im derzeit vielgepriesenen Jazz-Revival. Davor wirkte er durch sein außergewöhnlich wandlungsfähiges Spiel am verträumt säuselnden Debüt von Zed-U mit (»Night Time On The Middle Passage«) und machte sich auf dem Album »Step Wide, Step Deep« des Alexander Hawkins Ensemble als Klarinettist einen Namen. Ob Funk oder Space Rock, Afrobeat oder Avantgarde-Jazz: Hutchings saugt die musikalischen Synergien seines Umfelds scheinbar ebenso auf wie das, was ihm im Netz oder bei Festivals begegnet. Schaut man genauer hin, wird deutlich: So entwickelt sich auch das Milieu, in dem er und andere mittlerweile bekannte Sessionmusiker wie Mansur Brown oder Kamaal Williams sozialisiert wurden und in dem eine gewisse DIY-Mentalität gepaart mit zügelloser Experimentierlust mindestens schon seit den frühen 1990ern existiert. Acid Jazz und Grime, Jungle oder UK Bass kamen immerhin auch aus den urbanen britischen Zentren und waren kommerzielle wie kulturelle Exportschlager. Von diesen Entwicklungen blieben viele, die gegenwärtig im Vereinten Königreich aufsteigen, nicht unbeeindruckt. So zählt einer wie Moses Boyd von Binker & Moses Dizzee Rascals »Boy in da Corner« zu seinen frühen Inspirationen, während Pianist Kamaal Williams und Drummer Yussef Dayes gerne die Broken Beats von Neon Phusion oder 4 Hero referenzieren. Gilles Petersons DJ-Mix »INCredible Sound Of Gilles Peterson« von 1999 kann mit seinen Eklektizismen aus Acid Jazz, Downtempo, Dub, Funk, House und Soul gar als eine Art Vorgriff auf die heutige Szene mit ihren diversen kulturellen Einflüssen rezipiert werden.


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Gilles Peterson ist auch sonst eine umtriebige Persönlichkeit in der britischen Musikwelt und schon seit den späten 1980er Jahren in die Gründung von Labels wie Acid Jazz oder Talkin’ Loud involviert gewesen. Beide essenziell für die Entwicklung des Londoner Undergrounds ab den 1990er Jahren, aber durch den stilistischen Trickle-Up-Effect auch für das kommerzielle Musikgeschehen in den damaligen Charts der Insel. Über eine Tochter von Talkin’ Loud (Brownswood Records statt Recordings genannt) erschienen damals unter anderem die meisten Veröffentlichungen des japanischen Acid-Jazz-Trios United Future Organization, das auch jenseits von Tokyo schon lange kein Geheimtipp mehr ist. Über die Jahre versammelten sich hier außerdem Incognito, Galliano, Roni Size, Urban Species oder 4 Hero und machten das Label zu einem wichtigen kulturellen Fixpunkt. Seit 2006 betreibt Peterson mit Brownswood Recordings die konsequente Fortsetzung der Veröffentlichungsphilosophie seiner Frühphase als Produzent, DJ und Netzwerker. Von Ghostpoet und Zara McFarlane über Mala und die Owiny Sigoma Band bis zu Yussef Kamaal oder den bereits erwähnten Shabaka And The Ancestors bringt Brownswood seither mit zuverlässiger Regelmäßigkeit Vertreter einer neuen Generation selbstbewusster Musiker nach vorne. Was bereits länger im Untergrund brodelte, trat dabei in den letzten zehn Jahren immer deutlicher an die mediale Oberfläche.

»Es gibt hier einen großen Hunger auf neue Musik, neue kulturelle Einflüsse. Das hat in der Vergangenheit schon oft dazu geführt, dass Künstler aus den USA zuerst in Europa und auf den britischen Inseln Erfolge feierten, bevor sie anschließend durch die hiesige Aufmerksamkeit in ihrer Heimat bekannter wurden. Ich denke etwa an The Roots und Mos Def, oder Madlib und J Dilla. In gewisser Weise passiert etwas Ähnliches heute auch – nur umgekehrt.« (Gilles Peterson)

»Es gibt hier einen großen Hunger auf neue Musik, neue kulturelle Einflüsse«, erzählt Gilles Peterson im Interview. »Das hat in der Vergangenheit schon oft dazu geführt, dass Künstler aus den USA zuerst in Europa und auf den britischen Inseln Erfolge feierten, bevor sie anschließend durch die hiesige Aufmerksamkeit in ihrer Heimat bekannter wurden. Ich denke etwa an The Roots und Mos Def, oder Madlib und J Dilla. In gewisser Weise passiert etwas Ähnliches heute auch – nur umgekehrt.« Nachdem er Brownswood zu einem Namen in Englands Musikbranche gemacht hatte, erhielt Peterson 2012 die Gelegenheit sein eigenes Radioprogramm bei BBC Radio 6 Music zu kuratieren. Hier mischt der leidenschaftliche Plattensammler und Weltenbummler jede Woche über drei Stunden hinweg von Afro-Funk und brasilianischem Pop, über jede denkbare Jazz-Spielart und Soul bis hin zu Hip-Hop, House und Breakbeats einen Genrekessel Buntes, der Millionen von Hörer erreicht. Mittlerweile ist die Szene eben nicht nur so gut vernetzt wie Peterson, sondern auch vergleichbar open minded. Das bemerkt man auf dem europäischen Festland ebenso, wie auf der anderen Seite des großen Teiches. »Wirklich lustig ist im Moment, dass all die Executives und Ideenmacher aus den USA nach London kommen, um sich Combos wie die Sons Of Kemet von Total Refreshment Centre anzusehen. Sie holen sich hier auf ähnliche Weise neue Ideen und Anregungen, wie wir Mitte der 1960er Jahre nach Detroit gereist sind, um Berry Gordy zu besuchen«, stellt Peterson amüsiert fest.

Warum also gerade jetzt? Vielleicht hätte es für das großflächige Umgraben der britischen Jazzlandschaft auch vor zwanzig Jahren musikalisch gereicht. Ein Brexit war damals kein Thema, das Internet mit seiner Grenzen einreißenden Wirkung aber auch nicht. Trotz eines eher ungemütlichen politischen Klimas, in dem kulturelle Ressentiments wieder salonfähig werden, sind es Musiker unterschiedlichster Genres und Hintergründe, die diesen Umbruch mitgestalten und auch bei der ersten Ausgabe des Mitte August in Cambridgeshire stattfindenden We Out Here Festivals das Lineup bilden. Hier treten Gary Bartz und Matthew Herbert neben Objekt und Skee Mask auf, können Awesome Tapes From Africa ebenso bestaunt werden wie Hailu Mergia oder The Comet Is Coming. Jenseits kultureller Aneignung ist dieses Jazz-Revival jetzt schon eine stilistische Öffnung in alle möglichen Richtungen, die in der Form vor zehn oder fünfzehn Jahren weder technologisch noch musikalisch denkbar gewesen wäre und heute von Labels, Künstlern und Fans gleichermaßen getragen wird. Gilles Peterson: »Die Leute dürsten nach einem nicht-algorithmischen Ansatz für das Kuratieren von Mixes und das Entdecken neuer Musik. Was hier gerade mit Jazz passiert, entspricht genau dieser Lust auf das Unerwartete.«


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