»Zu einer Revolution gehört auch Freude«

26.01.2021
Foto:Armin Ramzy © Loma Vista
Sein neues Album trägt den Namen »A Beautiful Revolution Pt.1«, erschien bereits im Oktober digital und in diesen Tagen wird es nun auch auf Vinyl veröffentlicht. Wir nutzten die Gelegenheit mit Common zu sprechen.

Nicht viele können sich damit brüsten, sowohl einen Oscar als auch einen Grammy im Wohnzimmer stehen zu haben. Rapper und Schauspieler Common kann. Sein neues Album trägt den Namen »A Beautiful Revolution Pt.1«, erschien im Oktober digital und in diesen Tagen wird es nun auch auf Vinyl veröffentlicht. Darauf zu finden: Protestmusik. Die neun Songs begleiten den gesellschaftlichen Kampf von #BlackLivesMatter. Die Musik soll Menschen zusammenbringen. Wut findet sich darauf nur selten, vielmehr verbreitet der Rapper Liebe und Weisheit. Durch die Zusammenarbeit mit verschiedenen Instrumentalist:innen, darunter Karriem Riggins und der Sängerin und Songwriterin PJ ist das Projekt stark von Soul geprägt. Die Musik wirkt fast weich und zerbrechlich, Common jedoch tritt selbstbewusst auf. Im Gespräch mit Till Wilhelm spricht der Künstler über die gewünschte Revolution, die Notwendigkeit der Vielperspektivität und all die kleinen Dinge, die ihm Freude bringen.

Im Pressetext zu deinem Album »A Beautiful Revolution (Pt. 1)« heißt es: »It is music to uplift, heal, and inspire listeners dealing with racial injustices as well as other social injustices.« War es dir wichtig, einen bestimmten Adressaten zu etablieren?
Common: Für dieses Album war das wichtig. Ich wollte nicht nur Musik erschaffen, die meinen Alltag und meine Identität beschreibt, ich sehe dieses Album als Teil einer Bewegung. Das Projekt kann zeitlos sein. Aber es porträtiert, was ich in dieser spezifischen Zeit beobachte, den Sommer der BlackLivesMatter-Bewegung. Es spiegelt wider, was die Leute fühlen und machen, wie sie auf verschiedene Demonstrationen gehen, sich unter Leute mischen, zum Beispiel in Minnesota oder Louisville. Ich habe all diese Konflikte schon lange erlebt, diese Kämpfe schon geführt. Deswegen wollte ich genau sagen: »Dieses Album ist Protestmusik. Musik bringt Leute zusammen und verbindet sie. Musik ist Partizipation. Das zeigt sich schon, wenn du zu einem Protest gehst und hörst, wie alle zusammen Kendrick Lamars »Alright« rappen.

Auf dem Song »Courageous« sprichst du über die BlackLivesMatter-Bewegung. Wie hast du die Proteste wahrgenommen?
Ich fühlte mich sehr inspiriert. Einige der Proteste habe ich selbst besucht. Was mich berührt hat, war die Einheit der Leute, die im ganzen Land auf die Straßen gegangen sind. Dass sie geschlossen gesagt haben: »Genug ist Genug«. All diese jungen Leute, die ganz verschiedene Hintergründe besitzen. Die Protestierenden sind bunt gemischt, das hat mich sehr gefreut. Die Proteste haben mir Hoffnung gegeben. Ich liebe es, die Bewegung zu sehen, ich liebe es, ein Teil davon zu sein.

Dort fällt auch die Zeile: »Trying to understand where we are in time«. Kannst du dir die Frage mittlerweile selbst beantworten?
Wenn wir über Befreiung sprechen, sind wir an einem guten Punkt. Die Befreiung des Menschen fängt mit den Individuen an, die ihre eigenen Gedanken befreien. Ich habe gesehen, wie Menschen aus dem Gefängnis ihrer eigenen Denkweise ausbrechen. Befreiung fängt im Kopf an. Viele Leute beginnen, sich eigene Gedanken zu machen, ihre eigene Position in der Welt zu reflektieren. Sie erkennen ihre Bestimmung, dass diese größer ist als das eigene Leben, dass sie sich nicht dem unterordnen müssen, was ihnen erzählt wird. In den USA findet immer mehr Emanzipation statt, mehr Selbstverständnis. Viele Leute sind gewillt, sich für sich selbst und andere einzusetzen. Für die USA wird es zukünftig wichtig sein, die Ungerechtigkeiten, die Schwarzen Menschen und People of Color in der Vergangenheit zugefügt wurden, anzuerkennen und zu entschädigen. Dafür zu sorgen, dass sich diese Taten nicht wiederholen.

Das Outro bringt verschiedene Interpretationen des Albumtitels zusammen. Wie wichtig ist dir Vielperspektivität?
All die Menschen in unserer Gesellschaft sind so unterschiedlich, deswegen ist es notwendig, verschiedene Stimmen anzuhören. Gerade erst war ich an einem wunderbaren Gespräch im Zuge der Senatswahl in Atlanta beteiligt. Killer Mike, T.I., Jermaine Dupri und ich sprachen mit den Kandidaten Raphael Warnock und Jon Ossoff. In großen Teilen der Konversation hatten wir keine Übereinstimmungen. Auch Killer Mike und ich hatten keinen Konsens. Wir sind beide Schwarze Männer, wir haben viel Liebe und Respekt füreinander, aber wir sind nicht immer einverstanden. Perspektiven unterscheiden sich schon aufgrund gesellschaftlicher Faktoren. Wir müssen gerade den Menschen zuhören, denen wir helfen möchten. Auch in der Musik ist der kollektive Austausch unabdingbar. Ich liebe es, verschiedene Perspektiven in die Musik einfließen zu lassen. Wenn ich mit Musiker:innen arbeite, entwickle ich eine Verbindung, baue Vertrauen auf. Trotz aller Perspektiven muss ich aber in erster Linie meinem eigenen Herzen vertrauen. Egal, ob in der Kunst oder im sozialen Diskurs.

»Musik ist Partizipation. Das zeigt sich schon, wenn du zu einem Protest gehst und hörst, wie alle zusammen Kendrick Lamars »Alright« rappen.«

Common

Der Titel »What Do You Say« ist ein Ausbruch aus dem Alltagsstress. Verbringen wir zu viel Zeit mit schlechten Nachrichten?
Es ist extrem wichtig, sich Zeit für Freude und Glück zu nehmen. Mit allem, was 2020 passiert ist, habe ich mich trotzdem mehr mit schönen und lustigen Dingen beschäftigt als mit Katastrophenmeldungen. Ich hab die schlechten Nachrichten durchaus beobachtet und verstanden. Ich habe mich damit auseinandergesetzt, was ich tun kann, um die Situation zu verbessern. Trotzdem musste ich mich mit positiven Dingen beschäftigen. Ich habe mich selbst mit diesen Dingen gefüttert. Dazu gehört, dass ich Komödien sah, dass ich fröhliche Musik hörte und mich mit angenehmen Menschen umgab. Damit mein Bewusstsein positiv gestimmt ist. Egal, wie schwer die Zeiten sind, wir müssen uns Zeit zum Lachen und Genießen nehmen. Zu einer Revolution gehört auch Freude. Wenn wir Liebe und Energie einem höheren Ziel spenden, bringt das uns selbst ein gutes Gefühl.

Deine Musik dreht sich häufig darum, die eigene Vergangenheit zu verarbeiten. Was ist etwas, das du lange verdrängt hast? Wie hast du wieder Zugang zu diesen Erinnerungen gefunden?
Eine Erinnerung, die ich lange unterdrückt habe, ist die an sexuelle Belästigung in meiner Kindheit. Darüber habe ich dann auf dem Album »Let Love« gesprochen. Durch Therapie und verschiedene Meditationstechniken konnte ich mich mit diesem Schmerz auseinandersetzen. Erst mit der Arbeit an mir selbst konnte ich die Erinnerungen verarbeiten, erst dadurch konnte ich auf meinem Album und in meinem Buch über meine Erfahrungen sprechen. Ich hoffe, auch andere fühlen sich bestärkt, über eigene Erfahrungen mit dem Thema zu sprechen. Denn nur Gott kann uns richten.

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Du hast dich in deinem Leben sicher verändert. Gibt es Vergangenes, das du bereust?
Ich bin sehr dankbar dafür, wie mein Leben aussieht, dankbar für meine Möglichkeiten. Ich bin auch froh, als junger Mann andere Erfahrungen gemacht zu haben. Ich bereue bloß, mich nicht im jungen Alter musikalisch gebildet zu haben. Ich hätte gerne Instrumente gelernt, in einem Chor gesungen und Schauspielunterricht genommen. Wir sind auf der Erde, um zu wachsen und zu lernen. Deshalb ist es nicht schlimm, dass ich als Jugendlicher dumme Dinge gemacht habe. Ich bin dankbar für all diese Erfahrungen.

Wie erreichst du eine gesunde Psyche?
Die Musik ist definitiv ein Heilprozess für mich. Sich selbst mittels Kunst ausdrücken zu können, das ist Heilung. Weil man so viel über sich selbst herausfindet. Wenn ich das Studio verlasse, bin ich voller neuer Erkenntnisse, neuer Wahrheiten, die ich noch nie mit anderen besprochen habe. Auch die Schauspielerei trägt zur Heilung bei. Auf der anderen Seite hilft mir die Religion mit meinem psychischen Zustand. Ich bete viel, pflege eine enge Beziehung zu Gott. Diese Beziehung braucht viel Pflege. Ich lese die Bibel, ich meditiere, höre wunderschöne Musik. Ich liebe es auch, Basketball zu schauen. Selbst diese kleinen Dinge, die ich genießen kann, helfen mir.

Dein gutes Verhältnis zu deiner Tochter und dir selbst ist auch einer Therapie zu verdanken. Ist es immer noch mit Vorurteilen behaftet, über psychische Probleme zu sprechen?
Therapie hat immer noch ein Stigma, aber in diesem Moment beginnt es zu bröseln. Viele Künstler:innen sprechen über psychische Gesundheit, nicht nur ich. Kanye West, Jay Z und Kid Cudi beispielsweise. Was wir in der Schwarzen Community brauchen, ist ein besserer Zugriff auf diese medizinischen Behandlungen. Therapie muss für alle erreichbar sein und auch normalisiert werden. Das wird auch dadurch erreicht, dass öffentlich über diese Probleme gesprochen wird.