DJ Day – Fast Food eher selten

11.03.2013
Foto:Frédéric Hartmann Frédéric Hartmann / @ HHV Handels GmbH
Seit Kindesbeinen interessiert sich Damien Beedle aka DJ Day für Musik. Dabei ist er mit Vinyl aufgewachsen und es ist so für ihn das selbstverständliche Formate geworden. Wir trafen ihn in Berlin zum Gespräch.

Ein jeder kann die Nacht zum Tag machen. Umgekehrt fällt es den meisten wahrscheinlich sogar schwer, es sich vorzustellen. Damien Beedie ist dem Ruf der schwarzen Rille tief in die Nacht gefolgt, hat an seine Berufung geglaubt und wie wenige sonst an den Tag gelegt wie man seine Passion zum Beruf machen kann. – Grinsend. Na das auch, aber wir haben uns nicht über sein scheinbar unerschütterliches Wohlempfinden unterhalten, sondern über die dafür verantwortliche Liebe zum schwarzen Gold, das nicht mehr nur sein Herz oder seinen Körper antreibt sondern mittlerweile auch seine Familie. Und ganz nebenher noch zur Referenz und Inspiration für eine ganze Generation wurde.

Zunächst mal ein paar Eckdaten. Wann und wie hast du begonnen Platten zu sammeln?
DJ Day: Ich war noch sehr jung als ich anfing mich für Hip Hop zu interessieren. Kurz danach begann ich bereits die Scheiben meiner Mum nach Samples zu durchforsten, worin ich so sehr aufging, dass es zum Gesprächsthema Nummer Eins zwischen allen meinen Verwandten und mir wurde und ich von ihnen jede Menge Material aus ihren Sammlungen zur Verfügung gestellt bekam. Der Rest ist Geschichte.

Wie umfangreich ist deine Sammlung?
DJ Day: Ich schätze irgendwo zwischen 2.500 bis 3.000 Schallplatten.

Das hält sich ja noch arg in Grenzen. Nichtsdestotrotz stellt das für viele aber eine exorbitante Zahl dar. Deswegen die Frage: Wozu so viele?
DJ Day: Hahah! Das frag ich mich auch immer wieder. Kann das wirklich irgendeiner von uns Sammlern beantworten? Bei mir, wie den meisten, kann man das wohl am besten mit einer Sucht vergleichen. Und hierfür gibt es nunmal keine rationalen Erklärungen. Der Platz in meiner Bude wird zunehmend geringer und trotzdem kaufe ich, wo immer ich hinreise, dutzendfach neues Material. Nüchtern betrachtet ist das einfach lächerlich. Ich will nicht sagen, dass ich Sachen unnütz horte, weil sich das bei mir auf die Platten reduziert. Aber es ist mir schier unmöglich, alte Scheiben loszuwerden. Ich kenne so viele Leute, die nicht nur kaufen, sondern auch verkaufen und sich damit ihre Leidenschaft finanzieren. Ich habe es mir immer wieder vorgenommen, aber ich schaffe es einfach nicht. Und das nicht einmal mit Alben, an denen ich im Moment weder professionell noch privat etwas finde. Zu oft sind mir nach Jahren wieder Sachen in die Hände gekommen, die mir ungeachtet meiner vorherigen Meinung plötzlich voll unter die Haut gingen.

Du sprichst von einer gewissen irrationalen Liebe zum Medium Vinyl. Wo kommt da die Nutzung moderner Formate unter. Inwiefern vereinbarst du die Hingabe zu Analogem mit dem digitalen Einzug in deinen Sessions wie wahrscheinlich auch in deinen Produktionsansätzen?
DJ Day: Ich nutze ganz klar die Vorzüge beider Welten und will oder kann wahrscheinlich keiner den Vorzug geben. Das Plattensammeln ist bei mir in den letzten Jahren zurückgegangen. Vor allem auf Reisen macht das für mich noch Sinn, da ich wirklich neues Zeug kennenlernen kann. Aber ich habe aufgehört Scheiben zu kaufen, einfach nur um Serien zu vervollständigen oder bessere Kopien von bereits erstandenen Exemplaren zu bekommen. Selbstverständlich gibt es jede Menge Sachen, die noch nicht digitalisert wurden, und die es somit in meine Kollektion schaffen. Aber ja, ich kaufe zunehmend einzelne Songs im Netz oder auch mal eine CD. Solange die Musik gut ist, passt das schon.

» Digitale Musik hat bei den meisten den Stellenwert von Fast Food, da sie fast überall zugänglich, kostengünstig (wenn nicht gar umsonst) und dadurch in einer kaum zu verdauenden Fülle erhältlich ist. Für eine Schallplatte muss man in den Laden gehen, entsprechend teuer bezahlen und weit mehr als nur einen Knopf drücken um sie zu hören. Dies trägt dazu bei, dass man viel bewusster zuhört und die Wertschätzung ungleich grösser ist. « (DJ Day)

Ich hab mal irgendwo gelesen, dass der angeblich einzige physikalische Vorzug von Vinyl gegenüber einer CD der ist, dass Sie einen grösseren Dynamikumfang bietet, ansonsten aber klanglich nicht mehr hergibt. Was hältst du von der allgemeinen Meinung, Vinyl klinge besser als sein digitales Pendant?
DJ Day: Ich war nie ein audiophiler Nerd, der sich viel aus professionellem Equipment gemacht hat. Ebenso habe ich Schallplatten nie gesammelt, weil ich dachte, sie würden besser klingen. Die Liebe zu dem Medium kommt von ganz anderer Seite. Allerdings kann ich sagen, dass ich in dem Falle meines Albums einen definitiven Unterschied vernommen habe. Ich hatte sicherlich hunderte Vorabversionen in digitaler Form gehört und das Klangerlebnis von der finalen Vinylversion konnte in Sachen Wärme und Fülle mit so viel mehr aufwarten. Es steht also außer Frage, dass ich Vinyl bevorzuge. Das geht aber nicht so weit, dass es ausschließlich so ist. Ein wichtiger Gesichtspunkt bei der Unterscheidung ist die Art und Weise wie man Musik von beiden Formaten konsumiert. Digitale Musik hat bei den meisten den Stellenwert von Fast Food, da sie fast überall zugänglich, kostengünstig (wenn nicht gar umsonst) und dadurch in einer kaum zu verdauenden Fülle erhältlich ist. Für eine Schallplatte muss man in den Laden gehen, entsprechend teuer bezahlen und weit mehr als nur einen Knopf drücken um sie zu hören. Dies trägt dazu bei, dass man viel bewusster zuhört und die Wertschätzung ungleich grösser ist.

Einer der maßgeblichen Antriebe eines Sammlers, insbesondere im Verbund mit der Tätigkeit des Produzierens, ist es das Sample zu finden, welches niemand anderes benutzt hat. Wie erklärst du dir, dass aus dem immensen Pool an Musik zwischen den 1920er und 1950er Jahren es bislang nur so wenig Material in moderne Produktionen geschafft hat?
DJ Day: Gute Frage! Einer der wichtigsten Gründe ist mit Sicherheit die klangliche Qualität der Aufnahmen aus dieser Zeit. Da seit jeher insbesondere die Jahre zwischen Mitte der 1960er und den frühen 1980er Jahren verwendet wurden, verbindet man den Sound des Swing der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einfach nicht mit Hip Hop. Problematisch ist dabei aber auch, dass aus dieser Zeit meist nur Schellack zu finden ist, was in der Handhabung ganz anders ist als Vinyl. Es gibt hier und da aber schon Leute, die sich damit beschäftigen. Exile zum Beispiel hat angefangen den Doo-Wop der 1950er Jahren zu benutzen, weil er selbstverständlich voll drauf abgeht aber es wie gesagt eine unbesetzte Nische darstellt.

Auch wenn sich Vinyl einer steigenden Popularität erfreut, macht es nur einen verschwindet geringen Prozentsatz des internationalen Musik-Absatzmarktes aus. Die wenigsten Jugendlichen kennen das Medium – vielleicht noch von ihren Eltern -, und verstehen dadurch seine unmittelbare Wertigkeit. Gleichzeitig kennen fast alle Kids die Vorzüge der digitalen Welt, von der Mobilität hin bis zu den Preisvorteilen, die ihnen ihre Smartphones und Laptops bieten. Wieso sollte sich deines Erachtens ein musikbegeisterter Jugendlicher, trotz aller auf der Hand liegenden Nachteile, für die Schallplatte interessieren?
DJ Day:* Wenn sich dieser Jugendliche dafür interessiert auch Musik zu machen, dann beantwortet sich die Frage quasi selber. Eine Schallplatte im Verbund mit adäquatem Equipment ist ein Instrument mit dem man genauso versatil komponieren, produzieren und musizieren kann wie mit einer Gitarre oder einem Klavier. Für den einfachen »Aficionado« ist die Frage schon schwieriger zu beantworten. Spontan fällt mir ein, dass Musik in digitaler Form oft den »plötzlichen Kindstod« ereilt. Ich glaube ein jeder von uns hat schonmal das Problem gehabt, dass einem die Festplatte oder gleich der ganze Computer abgeschmiert ist und mit einem Schlag die gesamte Musikbibliothek weg war. Bei einer Schallplattensammlung bedarf es dafür schon ein flächendeckendes Feuer. Ausserdem ist Vinyl fast schon so etwas wie eine Kapitalanlage, die wie ein guter Wein bei entsprechender Handhabung im Preis steigt und immer wieder aufs neue konsumiert werden kann.

… es sieht so aus, als hättest du noch mehr Gründe in der Hinterhand…
DJ Day: Ja, denn ich muss ganz ehrlich sagen, wenn einen Musik bewegt, dann sollte man es zumindest einmal ausprobiert haben, sich diese auch auf Vinyl zu Gemüte zu führen. Für so viele Musikliebhaber ist es der Genuss schlechthin und die sollten es halt wissen. Entscheidet man sich hiernach trotzdem dagegen und deckt sich über iTunes oder vergleichbarem mit seinem Stoff ein, ist das genau so gut. Was so oft vergessen wird – und das von den Plattennerds mit Tausenden von Scheiben, wie auch von den Netzpiraten, die sich Songs zu Tausenden für lau aus dem Web saugen – ist, dass das eigentlich wichtige die Musik selbst ist – nicht das Format. Ich weiß noch wie ich damals meine ersten Tonträger förmlich in mich aufgesaugt habe und jede Wendung und Textzeile verinnerlicht hatte. Heute wissen viele Kids gerade mal den Namen der Künstler, die ihre Playlists anführen. Und die Hälfte ihrer Sammlung haben sie wahrscheinlich niemals gehört, weil Sie einfach viel zu viel davon haben. Auf der anderen Seite gibt es diese DJs, die grosse Stücke auf sich halten, weil Sie ausschliesslich mit Vinyl auflegen. Das kommt dann mit auf den Flyer und man meint, man hätte sich dadurch von den anderen abgesetzt. Das aber doch wirklich nur indem man offenkundig sagt, dass man allen ernstes die Musik ausschließt, die nicht im vermeintlich »richtigen« Format vorliegt. Und außerdem interessiert das die Partygänger nicht im geringsten, ob die Musik zu der man tanzt von einer CD, einem Laptop, einer 12“ oder 7“ kommt. Ich verstehe nicht, wie die DJs, die dies schreiben, nicht merken. Sie könnten genauso auf ihrer Flyer schreiben: »100% Formatvoreingenommen«. Aber um auf die ursprüngliche Frage zurückzukommen: Ein jeder muss für sich herausfinden, was gut oder besser für ihn ist. Solange dabei die Musik im Vordergrund ist, ist der Rest ziemlich egal.

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