Efdemin – Beim Verlassen des Raums

14.02.2019
Foto:Christian Werner / © Ostgut Ton
Philipp Sollmann an einem puristischen Techno-Sound festzumachen, ist nicht möglich. Auch mit seinem neuen Album als Efdemin, »New Atlantis«, nicht. Es käme einem langsamen Verlassen des Raums gleich, sagt er im Interview.

Der Wedding ist im Kommen, so raunt es seit Jahrzehnten durch Berlin. Auf den Straßen ist davon weiterhin nicht viel zu sehen. Auch das unscheinbare Hinterhaus nahe der U-Bahn-Station Pankstraße sieht alles andere als glorreich aus: Am Eingang sind zwei Fahrräder mit Kindersitz geparkt, auf zwei Bänken nebenan liegen Spielzeuge. Mehr Leben scheint es hier nicht zu geben. Doch der Eindruck täuscht. Im ersten Stock drängt sich eine Band in der kleinen Küche – Kaffeepause. Und dazwischen huscht Phillip Sollmann umher, der sich hier sichtlich wohl fühlt und dessen Studioraum zwar überfüllt, aber doch gemütlich aussieht. Hier eine Wand mit Modularsystemen und Drummachines, dort eine Hurdy-Gurdy auf dem Boden, in der Ecke lugt die von dem Physiker Hermann Helmholtz entworfene Sirene hervor, die Sollmann zuletzt für sein 2017 in der Volksbühne Berlin aufgeführtes Stück »Monophonie« erklingen ließ. »Die muss ich leider bald wieder zurückgeben. Vorher nehme ich da aber noch eine Drone-Platte mit auf«, grinst er. Wenig später verabschiedet er sich mit Handschlag, in der anderen klopft er mit einem Gongschlägel auf die Wand im Treppenhaus. »Ah geil, prima Kickdrum!«

Dazwischen wird gesprochen und zwar über ein Album, das sich zwischen genau diesen – vermeintlichen – musikalischen Extremen von Neuer Musik und Techno bewegt. Sollmann veröffentlichte zuletzt unter seinem Klarnamen eine Reihe von kollaborativen Releases, darunter eine LP mit freiförmigen Gitarrenimprovisationen mit John Gürtler und eine von Minimal Music inspirierte EP mit Oren Ambarchi und Konrad Sprenger, und belebte zugleich als Efdemin sein altes Label Naïf wieder. Sein Mix mit demselben Namen für eines seiner Stammlabels, Curle, versammelte exklusive Tracks von befreundeten Artists, vor allem aber von ihm selbst, erschienen sind sie auf Curle und Naïf. Dass mit »New Atlantis« nun schon gleich das nächste große Projekt vollendet ist, überrascht da schon eher als dessen musikalischer Charakter. Drone und elektroakustische Musik wechseln sich mit slickem Techno und bassigem Electro ab. Es soll utopische Musik für dystopische Zeiten sein: Seinen Titel leiht sich »New Atlantis« vom gleichnamigen Roman Francis Bacons, der 1627 erschien und als einer der Klassiker des Utopiengenres gilt, welches knapp hundert Jahre zuvor mit Thomas Morus’ »Utopia« – wörtlich übersetzt: ein Nicht-Ort – seinen Anfang an. Genug Anlässe für ein Gespräch also, noch bevor Sollmann schon die nächste LP mit Drones, Kickdrums oder doch beidem aufnimmt.


Die Musik von Efdemin findest du im [Webshop von HHV Records](https://www.hhv.de/shop/de/efdemin-electronic-dance/p:oE9W9U.)


Fangen wir mit einer einfachen Frage an: Was kommt nach dem Tod?
Phillip Sollmann: (lacht) Auweia. Das kann ich doch nicht sagen! Soweit bin ich noch nicht!

Trotzdem beginnt dein neues Album genau damit: dem Tod. Genauer gesagt der Hymne »Oh, Lovely Appearance of Death«.
Ja, das Stück begleitet mich schon eine ganze Weile. Die Version stammt von 1980 und wurde von William T. Wiley eingesungen, der mittlerweile ziemlich alt ist. Der hat sich sehr darüber gefreut seine singende Stimme nochmals zu hören. Mich interessiert das Lied so sehr, weil es unserem Umgang mit Tod in der westlichen Gesellschaft sehr entgegengesetzt ist. Aus anderen Gründen natürlich als in der Zeit, in welcher es komponiert wurde. Aber es lobpreist den Tod als Erlösung vom Leben und drückt eine Angstfreiheit aus. Ich habe das Gefühl, dass wir in einer Zeit leben, in der es nur um eine Aneinanderreihung von Fun-Superlativen geht: Work hard, play hard.

Business Punk!
Genau. Eine Idee wie das ultimative, integrale Ende unseres Lebens spielt da keine Rolle mehr. Es gibt keine Krankheit, kein Scheitern, kein Tod. Das schwappt nur als Tragödie rein, wenn es eben doch stattfindet. Negativer Content ist mittlerweile aber gar nicht mehr existent. Das sind Entwicklungen, die ich mehr als schwierig finde. Da drückt sich ein gesellschaftlicher Mainstream aus, der mich beängstigt, weil da zunehmend autoritäre und totalitaristische Tendenzen Raum gewinnen. Solche Überlegungen stecken in dem Album drin. Obwohl es bei einer Techno-Platte total ums Gegenteil geht. Das Stück ist aber eine Art Ouvertüre und kommt aus einem anderen Arbeitsbereich, aus einer Installation. Das Thema Drone wird auf der Platte ja verschiedenartig thematisiert und so hat es sich seinen Platz geschaffen, weil es verschiedene Ansätze von mir verbindet.

Inhaltlich gesprochen ist es aber auch deswegen interessant, weil es ein thematischer Fremdkörper ist. Das Album bezieht sich ja auf Francis Bacons »Nova Atlantis«. Wie hängen beide Dinge zusammen? Gemeinsam macht sich da zumindest ein sehr christlich-abendländischer Kontext auf.
Sehr kolonial! (lacht)

Sehr, ja.
Tatsächlich kam es über das Musikalische rein. Manchmal hatte ich während der Arbeit an der Platte aber auch das Gefühl, als habe die Arbeit etwas Testamentarisches.

»Wir leben in einer Zeit, in der es nur um eine Aneinanderreihung von Fun-Superlativen geht.«

Als wäre es ein Abschluss von etwas. Ich weiß gar nicht, wie ich noch mit Techno weitermachen soll. Das drückt sich vielleicht in dem Stück aus. Was aber gar nicht negativ konnotiert ist, das ist das Schöne daran. Es ist ein positiver Song über den Tod, weil er nur einen Übergang darstellt – vor allem von den ganzen Bedürfnissen. Mit fortgeschrittenem Alter löse ich mich langsam von ein paar Zwängen. Ob es inhaltlich zum »New Atlantis«-Konzept passt, habe ich nicht durchdacht. Für mich schien es total stimmig. Diese Klammer mit den beiden Stücken mit Spoken Words und Gesang am Anfang und am Ende des Albums und der erwartbaren Musik im Mittelteil, das fand ich schön. Das schafft einen eigenen Raum, in dem ich stattfinden kann.

In der Mitte findet sich allerdings noch eine religiöse Komponente, oder zumindest glaube ich im Track »Temple« ein buddhistisches Ritual zu hören.
Das Herz-Sutra! Ich war in Japan [während einer Künstlerresidenz in der Nähe von Kyoto im Jahr 2013, Anm. d. A.] wochenlang bei einer Sekte in einem Tempel und habe deren Rituale miterlebt. Das ist eine Aufnahme, in der ich das verarbeite. Das ist auch ein altes Stück und in diesem Kontext war das so… (zögert) Wie empfindest du es?

Mein erster Gedanke war, dass religiös konnotierte Samples, die nicht aus unserem eigenen Kulturkreis stammen, aktuell kontrovers sind. Dax J und Solomun haben zuletzt jeweils einen Adhān [der muslimische Gebetsaufruf, Anm. d. A] in ihren Sets gespielt.
Das habe ich gar nicht mitgekriegt! Obwohl, doch – von Dax J hatte ich gehört.

Allgemein heißt es ja im Englischen so schön: Es gibt da einen schmalen Grad zwischen appropriation und appreciation. Der Kontrast an sich aber ist interessant: Du hast ja selbst schon gesagt, dass es einen kolonialistischen Charakter hat. Denn Bacons »New Atlantis« war doch eine Blaupause für Kolonialismus.
Das glaube ich eigentlich nicht, es kommt aber aus dieser Zeit – und wurde bis zum Verlöschen der Rechte auch im Verlag Colonial Press verlegt. (lacht) Inhaltlich hat es meiner Meinung nach gar nichts Kolonialistisches. Es wird ein sehr respektvoller Umgang mit verschiedenen Kulturen und ein multi-religiöser Ansatz auf dieser Insel beschrieben, die so eine Art Forschungstreibhaus ist für eine Gesellschaft, die permanent an sich arbeitet. Das ist ganz interessant, die nehmen auch alle auf, die auf ihre Insel kommen, und führen sie in ihre Welt ein. Es ist das Gegenteil von dem, was jetzt gerade passiert.


Die Musik von Efdemin findest du im [Webshop von HHV Records](https://www.hhv.de/shop/de/efdemin-electronic-dance/p:oE9W9U.)


Es gibt aber eine Passage, in der beschrieben wird, wie Gesandte unter falscher Flagge durch die Welt reisen, um Wissen zu sammeln. Das hat mich wiederum an Japan erinnert, denn genau das ist zwischen 1868 und 1890 während der Meiji-Restauration passiert. Damit wurde die Nation, die auch ein Inselstaat ist, gestärkt.
Da stellt sich nur die Frage, ob du kolonialisierst – was Japan erst später tat – oder ob du dich nur durch das Kennenlernen des Fremden bereichern lässt. Das ist ein großer Unterschied. Was Europa gemacht hat, zog in seiner Aneignung immer Zerstörung mit sich. Ich weiß nicht, wie destruktiv es im Falle Japans war, aber Japan besteht ja komplett aus anderen Kulturen. Das gibt es in unserem Bewusstsein nicht so stark. In Japan existiert die Idee, über Korea und China zu sich selbst zu kommen. Die haben ja alles übernommen, von der Schrift hin zur Keramik und dem Essen. Das ist aber auch allen dort klar.

Tatsächlich aber ist Japan immer noch ein Modellstaat für die Neue Rechte, die darin einen homogenen Ethnostaat sieht. Was mich wiederum zur Frage führt, wie du das Konzept der Utopie siehst: Stehst du ihm ambivalent oder affirmativ gegenüber?
Bei mir drückt sich da eher eine Sehnsucht nach einer Utopie aus, die ich dem, was sich jetzt gerade an neurechten und faschistoiden Tendenzen verdichtet, entgegensetzen kann. Ich bin es müde, immer nur nein zu sagen – zu demonstrieren, aufzudecken, zu verhindern, »das und das und das ist falsch«. Mir fehlt etwas, das ich dagegenhalten kann, von dem ich sagen kann: Das ist meine Idee von… na, von dem, was ich nicht habe. Ich habe zum Beispiel keine Idee vom Deutschsein, weil ich das immer abgelehnt habe. Ich bin durch und durch deutsch, habe mich darin immer falsch gefühlt und fühle mich zunehmend entfremdet. Aber ich realisiere auch, dass ich hier lebe, ein Kind habe und also sagen muss: »Das ist dummerweise auch mein Land. Ihr habt gar nicht den Platz, den ihr euch da nehmt.« Da gibt es eine Leerstelle für eine Idee von nicht-nationaler Identität, die dem etwas entgegensetzt, das sich gerade an jeder Ecke unglaublich schnell etabliert. Das bedrückt mich sehr und ich muss sagen, dass ich total unterschätzt habe, was zum Beispiel das Internet als Brandbeschleuniger angerichtet hat. Ich finde den Begriff der »Echokammer« schwierig, und nicht nur, weil ich zu Echokammern ein positives Verhältnis habe. (lacht) Der Konsens, der früher noch bestand, dass alle ungefähr die gleiche Informationsgrundlage haben und sich darauf Diskurse entwickelten, ist ja vollkommen verschwunden. Ich habe keine Ahnung, was in Nazikreisen tatsächlich passiert, aber ich habe Freunde, die sich damit auseinandersetzen und mir davon berichten. Von meiner gesellschaftlichen Realität ist das aber völlig entkoppelt. Mit der Platte werde ich da nichts erreichen. Aber sie drückt aus, dass mir etwas fehlt. Und zwar über dieses komisch-koloniale Bacon-Ding. (lacht) Es ist mir schon klar, dass das nicht ganz unproblematisch ist.

Vielleicht bietet sich statt »Echokammer« auch eher ein Begriff an, der tatsächlich eher ein neurechter ist, der der »Parallelgesellschaften«.
Das ist kein neurechter Begriff, die haben den höchstens gehijackt!

Techno wollte ja dezidiert eine Parallelgesellschaft sein. Die Loveparade war als Demonstration für etwas angelegt. Siehst du dich in dieser Tradition – oder denkst du, es mangelt derzeit daran?
Ich will das nicht einfordern, kann aber nur feststellen, dass das Gemeinschaftsgefühl im Rave-Kontext ein bisschen abhanden gekommen ist. Das liegt wahrscheinlich daran, dass alles einer Verwertungslogik unterworfen ist.

»Ich weiß gar nicht, wie ich noch mit Techno weitermachen soll. «

Es geht um Karrieren, um Geld, um den international DJ jet set. Das gab es immer, es kommt mir aber immer näher, auch musikalisch. Da gibt es Sachen, die auf internationalem Level explodieren und klingen wie eine Smallville-Platte von vor sieben Jahren. Da denkst du dir schon: »Was ist hier denn los?« Denn es ist kein kommerziger Quatsch, sonst ganz okaye Musik. Ich gehe ja nicht viel aus, obwohl ich noch gerne als DJ spiele. Weil ich mich darauf auch aus anderen Bereichen ausdrücke, kommt das Album einem langsamen Verlassen des Raums gleich. Ich gehe in andere Räume, wo ganz andere Diskurse herrschen. Wobei ich dann vielleicht auch enttäuscht werde. Das hatten wir mit Dial. Die Idee von Dial kann nicht auf der großen Skala funktionieren, weil sie aus dem Kleinen und Kollektiven heraus entwickelt wurde. Es gab immer mal wieder Momente, in denen es starkes Interesse am Label gab. Aber dann hat es nicht funktioniert oder wir haben uns nicht damit wohlgefühlt, oder wir haben nicht bedienen können, was da auf uns projiziert wurde. Aber mir ist irgendwann klar geworden, und das ist das eigentlich Schöne daran: Es konnte nicht groß werden. Es musste so klein bleiben.

Vorhin hast du von »New Atlantis« noch als Abschluss gesprochen, mir scheint es aber eine Synthese zu sein.
Ja, nee, das muss ich korrigieren! Es ist kein Requiem. Es bringt aber interne Entwicklungen zum Abschluss. Auch weil es zurückgeht zu den Ureindrücken – Basic Channel, Porter Ricks, Mike Ink, GAS. Das war Techno, aber auch nicht. Mille Plateaux – ist das jetzt Kunst oder Rave? Das war alles irre aufregend und fiel in eine Zeit, aus der meine ästhetischen Reservoirs geschöpft haben, die hier ziemlich deutlich werden. Gleichzeitig gibt es die Idee von statischen Konzepten und Drones, von Musik, die im Raum oder besser noch im Sound stattfindet. Das Bacon-Ding kommt aus der Beschreibung des »sound house«. Deswegen dachte ich, dass das doch ein guter Titel sei, »New Atlantis« – das klingt so verheißungsvoll! Ehrlich gesagt habe ich versucht, ein richtig geiles Clubalbum zu machen, bin daran aber gescheitert. (lacht) Der Titeltrack war das zentrale Stück. Ich habe eine Hurdy-Gurdy-Aufnahme mit Synthesizer-Drones und einer Gitarre, auf der schnelle Arpeggien getappt werden, genommen und mit der 101 [Synthesizer von Roland, Anm. d. A.] drüber gespielt. Das war die Musik, die ich immer machen wollte: Es passiert nichts, es ist voll geil und ich kann mir das zwei Tage lang anhören! So habe ich mir einen Rave immer vorgestellt. Dann noch ein bisschen Strobo an, mit Nebel – ist doch geil! Das kommt einer Idee von »Zauberberg«, dem Album von Wolfgang Voigt [als GAS, Anm. d. A.], schon nahe, ohne allerdings so komische wagnerianisch-deutsche Problematiken zu transportieren.

Klar, aber da beziehe ich mich aber eher auf La Monte Young. Das ist so ein bisschen wie auf meinem Album »Chicago«, da ging es null um Chicago House. (lacht)_ Sondern um die Moderne. Klar erzähle ich das mit den Mitteln von House oder Techno, aber ich bin kein konzeptueller Künstler. Es kommt sehr assoziativ zusammen. Ich fühle mich mit der Platte überwiegend sehr wohl, weil es dem nahe kommt, was ich mag. Sie ist sehr persönlich. Das Außen bestimmt diese Musik viel weniger als früher noch. Da war ich viel mehr beeindruckt von dem, was um mich herum geschah. Eine bestimmte Erwartungshaltung zu erfüllen oder der Versuch, irgendjemandem zu gefallen, wenn nicht sogar im Trend zu sein. Ich habe das Gefühl, dass ich mich davon relativ gut befreien konnte.


Die Musik von Efdemin findest du im [Webshop von HHV Records](https://www.hhv.de/shop/de/efdemin-electronic-dance/p:oE9W9U.)

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