Fulgeance – »Man kann nicht alles neu erfinden«

08.10.2012
Foto:Tobias Hoffmann / PhyreWorX
Der umtriebige Franzose veröffentlichte seine »langsame Tanzmusik« bereits bei Labels aus Frankreich, England, Irland und nun sogar Slowenien. Sein neues Album »Step Thru« erscheint in diesen Tagen bei rx:tx. Wir trafen ihn zum Interview.

Fulgeance tourt europaweit von Club zu Club und von Label zu Label. Der umtriebige Franzose veröffentlichte seine »langsame Tanzmusik« bereits bei Labels aus Frankreich, England, Irland und nun sogar Slowenien. Sein erstes großes Album »To All Of You« veröffentlichte er 2011 jedoch bei dem deutschen Qualitäts-Indie Melting Pot Music. Nach eigener Aussage bringt der gelassene Socialiser dem Hip-Hop die notwendige Portion Tanz in Form von Funk und House zurück. Und live rockt er hyperaktiv jede MPD von Bratislava bis Bilboa.

Du wechselst musikalische Stile wie Unterhosen – ist das manchmal schwer für deine Fans dir zu folgen?
Fulgeance: Ich habe etwa vier Jahre gebraucht, um einen Fuß in die Tür zu bekommen bei Indie-Partys, um manchmal vielleicht sogar etwas Geld dafür zu bekommen. Das hat natürlich eine gewisse Ästhetik geprägt. Heute wird meine Musik eben wieder differenzierter, persönlicher. Dadurch habe ich vielleicht ein paar Fans verloren, aber das kümmert mich nicht. Also, es ist mir nicht egal, aber es bekümmert mich eben auch nicht. Aber ich finde auch, dass die Musikrichtung, in der ich unterwegs bin, grob gesagt im »electronic Hip Hop«, sich generell sehr schnell weiterentwickelt.

Welche Rolle spielt die MPC in deinem Schaffen?
Fulgeance: Als ich angefangen habe die MPC zu benutzen, war sie alles andere als trendy. Alle anderen benutzten mittlerweile Laptops und so. Aber es war überraschend zu sehen, wie sehr die Leute die MPC mochten, wie viel Respekt dafür vom Publikum kam und auch von anderen Produzenten. Das beeinflusste natürlich meine Produktionen, die live gut zu performen sein mussten. Aber die MPC ist ziemlich schwer und ich bin lange Zeit mit zwei Stück gereist, eine im normalen Gepäck, eine im Handgepäck, und ich habe sie beide geschrottet. Außerdem hat sie nur einen geringen Speicherplatz und erschwert damit das Arbeiten. Deshalb produziere ich mittlerweile doch wieder mit dem Laptop. Aber ich habe einen MPD-Controller, der im Endeffekt genauso arbeitet wie eine MPC.

»Ich liebe Momente, in denen ich sagen kann: ›Oh, das klingt wie XY, nur etwas funkiger.‹« (Fulgeance)

Viele Produzenten sind eher ruhige Typen, die nicht gerne im Rampenlicht stehen, bei dir ist das anders…
Fulgeance: Ja, ich habe zum Beispiel auch ein Micro auf der Bühne. Ich will immer mit der Menge interagieren. Ich quatsche da auch viel Bullshit und manchmal verstehen die Leute auch gar nichts, wegen meines französischen Akzents. (lacht) Die Gefahr dabei ist, dass wenn du hyperaktiv auf der Bühne bist, dann kannst du entweder die Crowd für dich gewinnen oder alle verschrecken. Nun möchte ich kein Joe Satriani an der MPC sein, aber ich mag es, wenn die Leute tanzen können und trotzdem was zum Schauen haben. Ich habe es aber auch schon manchmal übertrieben und das Publikum abgetörnt. (grinst)

Amüsierst du dich manchmal darüber, wenn Journalisten sich mit gewagten Genre-Begriffs-Kombinationen zu behelfen versuchen, wenn sie deine Musik beschreiben? Wie zum Beispiel: Soul-HipHop-Disco-Avantgarde-Electronics oder Afrobeat-UKsubbass-Skweee-Techno.
Fulgeance:* (lacht) Ich habe mit »Low Club« mittlerweile zum Glück einen guten Namen für mich gefunden. Aber ich hatte immer großen Spaß an absurden Genrebezeichnungen, v.a.im Goldenen MySpace-Zeitalter. Hudson Mohawke hatte auf seinem Profil die Beschreibung »Emotronic« stehen, dann kam Rustee mit »Aquacrunk« und ich fühlte mich davon angestachelt, mir auch eine eigene Genrebezeichnung zuzulegen. Ich hatte mal eine EP mit dem Titel »Low Club« und da ich Musik mache, die tanzbar und trotzdem verhältnismäßig langsam ist, so zwischen 90 und 110 bpm, hatte ich das Gefühl, das würde gut passen. Und zum Glück hat der Begriff sich unter Journalisten mittlerweile gut verbreitet. Und letztens habe ich sogar einen anderen Produzenten getroffen, der meinte, er produziere »Low Club«. Da habe ich nur gedacht: Yeeeaaah! (lacht)

Was ist der Unterschied zwischen dem Kopieren eines Sounds und dem Referieren an einen Sound?
Fulgeance: Um ehrlich zu sein, ich habe ziemlich oft das Gefühl, dass ich genauso klinge wie der und der. Doch der Beat gefällt mir trotzdem. Ich versuche aber insgesamt stets nicht zu nahe an irgendetwas dran zu sein. Das ist manchmal gar nicht so leicht, denn man kann nicht ständig alles neu erfinden. Wir kopieren, wenn man es genau nimmt, in jedem einzelnen Song. Aus der Kopie kann nur dann eine Referenz werden, wenn man etwas eigenes daraus macht. Ich liebe Momente, in denen ich sagen kann: »Oh, das klingt wie XY, nur etwas funkiger.«

Du vertreibst deine Musik auf Vinyl, auf CD und Online. Du kannst also die mystische Frage beantworten: Was verkauft sich am besten?
Fulgeance: Puh … also ich finde MP3s sind eine gute Sache, ich benutze selbst ständig welche. Aber wenn ich meine gesamte Musikvergangenheit betrachte, dann wahrscheinlich Vinyl. Ich glaube mich zu erinnern, dass die Platten immer am schnellsten weg waren. Ich weiß leider keine genauen Zahlen. Ich meine, ich sollte es, ich habe immerhin ein Label … (lacht) Ja, nee, ich glaube es ist Vinyl. Nein, definitiv, es ist Vinyl!

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