Gary Bartz – »Wir sehen die Realität nicht mehr«

16.06.2020
Foto:Elaine Groenestein / © Night Dreamer
Der Grammy-prämierte Sopransaxophonist Gary Bartz stand mit Miles Davis, Art Blakey und Max Roach auf der Bühne. Jetzt hat er mit der britischen Band Maisha eine Platte aufgenommen – und Neues entdeckt.

80 Jahre alt wird Gary Bartz in diesem September. Fast ebenso viele Jahre hat der Sopransaxophonist auf der Bühne und im Studio verbracht. Bartz ist ein wandelndes Lexikon der Musikgeschichte, hat in den frühen 1960er Jahren sowohl mit Art Blakey und seinen Jazz Messengers zusammengespielt als auch mit Charles Mingus und Max Roach. Anfang der 1970er Jahre lud ihn Miles Davis in seine Band ein – fully electric, mit Bartz am Sopran. Mit seinem eigenen Ensemble, der NTU Troop veröffentlichte Gary Bartz mehrere Alben auf Labels wie Milestone und Prestige. Musik, die über 50 Jahre später immer noch so aktuell klingt, als hätte man sie 1971 in Frischebeuteln schockgefrostet.

Jetzt hat Gary Bartz wieder ein Album veröffentlicht – mit der britischen Band Maisha Das Ensemble rund um Schlagzeuger Jake Long hat 2018 mit »There Is A Place« ein gefeiertes Album veröffentlicht und den Trend hin zu einem Revival des spirituellen Jazz mitangeführt. Gemeinsam mit Bartz haben sie einen Tag in einem Amsterdamer Studio verbracht. Alle fünf Tracks wurden – wie der Untertitel der Platte »Direct-To-Disc Sessions« andeutet – in einem Take aufgenommen und direkt auf Platte gepresst. Warum Gary Bartz mit Maisha sofort wieder ins Studio will, welche Entdeckungen er im Alter macht und was das alles mit seinem Teleskop zu tun hat, erzählt er im Interview mit HHV.


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Dass Sie den Begriff Jazz wegen seiner Herkunft und Geschichte hassen, haben Sie immer wieder betont. In letzter Zeit hat das Genre des »spirituellen Jazz« wieder an Popularität gewonnen, insbesondere bei einer jüngeren Generation an MusikerInnen. Wie denken Sie darüber?
Gary Bartz: Es ist ein Geschäftsbegriff. Gute Musik ist für mich immer spirituell. Ich weiß nicht, wie oder wann dieser Begriff aufkam. Aber wenn Leute auf diese Weise einen Weg finden, die Musik zu verkaufen, ist das in Ordnung. Als Musiker müssen wir der Musik keine Namen geben. Ich erinnere mich an einen Gig in der Band von Miles [Davis] beim Isle of Wight [Festival 1970]. Jemand fragte ihn, wie er die Musik nenne, die er spielte? »Nenn es irgendetwas«, sagte er. Aber das machen die Leute sowieso. Am Ende kommt es nur darauf an, dass es großartige Musik ist. Das ist genug für mich. Ich brauche nichts anderes als großartige Musik.

Sie haben letzten Sommer zum ersten Mal mit der Londoner Gruppe Maisha gespielt. Können Sie sich erinnern, wie es war, zum ersten Mal mit ihnen auf der Bühne zu stehen?
Es war eine Menge Spaß. Sie sind großartige Musiker, hören zu. Das ist das Wichtigste und das Erste, was ich meinen Schülern erkläre: Zuhören ist wichtiger als Spielen. Wenn man eine Gruppe an Musikern findet, die richtig zuhören können, hat man die Grundlage für eine großartige Band.

»Das erste, was man sich als Musiker fragen muss«, sagten Sie einmal in Bezug auf das Finden des eigenen Sounds, ist, »wie möchte man klingen?« Können Sie mir etwas über den Prozess der Zusammenarbeit mit Maisha erzählen – wie wollten sie klingen?
Man möchte immer gut klingen. Natürlich weiß man nicht, wie es sich anhören wird, wenn man noch nie zusammengespielt hat. Man muss spielen, um es herauszufinden. Das haben wir getan. Nach dem ersten Gig wusste ich, dass es eine großartige Platte werden würde. Das ist nicht immer so. Viele meiner Schüler sagen mir, dass sie ihren Sound nicht mögen. Ich sage immer, sie sollen sich fragen, wie sie klingen wollen. Das ist die entscheidende Frage, denn wenn man kein Ziel vor Augen hat, weiß man nicht, in welche Richtung man sich bewegen soll. Als Gruppe ist es komplizierter, weil man sich die Frage nicht einzeln stellen kann. Der einzige Weg, einen gemeinsamen Sound zu entwickeln, besteht im gemeinsamen Spielen. Miles’ Band, Art Blakey and the Jazz Messengers, in jeder anderen Gruppe, in der ich spielte, hatten wir zuerst keinen Sound, bis wir rausgingen und spielten. Dafür braucht es Zeit.

Mit Maisha hatten Sie nicht viel Zeit, um einen Sound zu entwickeln.
Wir haben eine Tour und ein paar Shows gespielt. Da hat sich bereits etwas entwickelt. Und es entwickelt sich weiter. Bestimmte Stücke, die wir gespielt haben, waren nicht neu. Sie wurden schon hunderte Male von anderen Musikern gespielt. Wir hatten einen Sound, aber wir haben versucht, einen neuen Weg zu finden, um anders zu klingen. Ich will immer neue Wege beschreiten. Man möchte nicht wie alle anderen klingen. Aber je öfter wir zusammenspielen, desto besser finden wir unseren eigenen Zugang.

Das ist das Erste, was ich meinen Schülern erkläre: Zuhören ist wichtiger als Spielen. Wenn man eine Gruppe an Musikern findet, die richtig zuhören können, hat man die Grundlage für eine großartige Band.« (Gary Bartz)

In Bezug auf jüngere Leute im »Jazzbereich« haben Sie 2008 gesagt, dass nichts mehr Neues passiere. Bei Gruppen wie Maisha scheint diese Annahme nicht so gut gealtert zu sein, oder?
Das Feld der Musik ist so breit, dass wir immer noch Ideen aufgreifen, die von Musikern wie Bach, Beethoven und Mozart hinterlassen wurden. Wir verwenden immer noch ihre Ideen. Und wir verwenden die Ideen von Leuten, die auf deren Ideen aufbauten. Charlie Parker verwendete viele Erfindungen von Bach – wie viele andere Musiker auch. Als Musiker studiert man verschiedene Formen von Musik, die man gut findet. Auf diese Weise fügen wir den vorangegangenen Erfindungen unsere eigene Art, unsere eigene Interpretation hinzu. Musik, das sind 12 Noten. Die modernste Erfindung in der Musik ist das Aufkommen der Rhythmusgruppen. Bach und Beethoven hatten keine Rhythmusgruppe. Ich bin sicher, sie hätten es geliebt, wenn sie sie zu Verfügung gehabt hätten. Schließlich hat die Erfindung der Rhythmusgruppen das hervorgebracht, was die Leute Rock’n’Roll und Blues nennen. Am Ende kann man es drehen und wenden wie man will, es bleiben die gleichen 12 Noten. Es wird nie etwas anderes sein.

Die gleichen 12 Noten bestimmen einen Großteil ihres Lebens. Sie werden diesen September 80 Jahre alt – wie wichtig ist es Ihnen, ihr Wissen und ihre Erfahrung über die Musikgeschichte weiterzugeben?
Als junger Musiker hörte ich Sonny Rollins, John Coltrane, Charlie Parker und Clifford Jordan – alle gaben ihre Geschichte, ihr Wissen, an mich weiter. Es liegt an mir, diese Informationen an die jüngere Generation weiterzureichen. Das ist es, was Musiker machen müssen. Wir hören bestimmten Musikern zu, die wir lieben, wir wollen lernen, wie sie vorgehen, wir interpretieren sie – und geben diese Informationen weiter.

Sie nahmen das Album mit Maisha für die »Direct-to-Disc«-Reihe von Night Dreamers auf – live und ohne Overdubs. Sie haben einmal gesagt, dass live zu spielen und in einem Studio aufzunehmen für Sie zwei unterschiedliche Dinge seien, die nicht verwechselt werden sollten. Was hat Ihre Meinung geändert?
Oh, ich habe meine Meinung nicht geändert. Das glaube ich immer noch.

Trotzdem haben Sie es ausprobiert.
Stimmt, weil ich es noch nie gemacht habe. Ich bin immer an Neuem interessiert – ich war fasziniert von der Direct-to-Disc-Sache. Wenn man eine Live-Aufnahme macht, möchte man das mit einer Band tun, die die Musik sehr gut kennt. Wenn man ins Studio geht, möchte man die Technologie und die verschiedenen Techniken nutzen. Die Direct-to-Disc-Aufnahme macht es spannend. Man kann sich keine Fehler leisten. Man muss sie zumindest auf ein Minimum beschränken.

Wie fanden Sie diese Erfahrung?
Sagen wir es so: Ich freue mich darauf, es wieder zu tun. Das nächste Mal werden wir noch besser vorbereitet sein. Wenn man etwas zum ersten Mal probiert, weiß man nicht, was passieren wird. Man findet sich zunehmend besser zurecht, versteht, was zu tun ist. Es sollte jedes Mal besser sein.

In der Session mit Maisha haben Sie »Uhuru Sasa« und »Dr. Follow’s Dance« aufgenommen – zwei Stücke, die sie vor 50 Jahren geschrieben haben. Warum haben Sie genau diese Songs ausgewählt?
Ich habe sie nicht ausgewählt. Maisha und das Label schlugen sie vor. Das war okay für mich.

Wie war es, diese Songs nach all der Zeit neu aufzunehmen?
Ich spiele sie immer noch mit meiner Band. Das war also gar nicht eine so große Sache – bis auf die Tatsache, dass auf einmal andere Musiker mitgespielt haben. Das hat es spannend gemacht, weil sie einen anderen Hintergrund mitbringen.

»Uhuru Sasa« nahmen Sie 1971 mit Ihrer NTU Troop auf, kurz nachdem Sie in der Band von Miles Davis eingestiegen sind – und während die USA einen Großteil von Vietnam zerbombten. Der Song gilt als Protest – wie hat sich die Bedeutung des Stücks gewandelt?
Hör dir den Text an. »Hell no, we won’t fight your filthy battle — your filthy battle anymore!« Wir haben unseren eigenen Kampf, den wir führen müssen. Das gilt heute wie 1971. Politiker und Führungspersönlichkeiten wollen immer noch junge Leute in fremde Länder schicken, um für ihre Nation zu sterben. Das ergibt für mich keinen Sinn. Wenn wir hier in unserem eigenen Land Probleme haben, warum kümmern wir uns nicht darum? Das ist so, als hätte man eine Familie, aber anstatt sich um sie zu kümmern, kümmert man sich um eine andere Familie in einem anderen Land. Das mag eine schöne Sache sein. Aber wenn wir Probleme in unserem eigenen Land haben – in unserem eigenen Haus – kümmert man sich zuerst darum.

Wir lassen uns von Fernsehen und Internet berieseln, wir haben all dieses Zeug, aber wir sehen die Realität nicht mehr. (Gary Bartz)

Es gibt drei weitere Songs auf der Platte, die Sie angeblich am selben Tag im Studio aufgenommen haben. Warum haben Sie sich entschieden, neues Material mit Maisha aufzunehmen?
Man möchte nicht einfach das veröffentlichen, was man bereits veröffentlicht hat. Es sei denn, man macht es wirklich anders. Wir haben verschiedene Strukturen und Sounds entdeckt, als wir live auf der Bühne standen. Wir kamen mit diesen Ideen ins Studio, probierten herum und fanden wirklich schöne Rhythmen und Melodien.

Ich bin mir nicht sicher, wie sehr Sie daran beteiligt waren, aber das Plattencover sieht aus wie eine Sonnenfinsternis.
Damit hatte ich nichts zu tun, aber du hast recht.

Der Grund, wieso ich Sie das frage, hat auch mit ihrer Vergangenheit zu tun. Sie haben sich in Ihren frühen Tagen mit Astrologie beschäftigt. Alben wie »Another Earth« von 1969 wurden von diesem Interesse inspiriert.
Ich sitze hier und schaue auf mein Teleskop. Meine Leidenschaft war die Astrologie, aber sie wurde zur Astronomie, als mir klar wurde, was ich sah, als ich ein Horoskop für jemanden anfertigte. Ich habe mir ein Foto des Himmels angesehen, wie er zu einem bestimmten Zeitpunkt war. Als ich mehr Horoskope für mehr Leute anfertigte, dachte ich mir, dass ich auch gleich in den Himmel schauen könne. Dadurch bin ich zur Astronomie gekommen.

Gary Bartz & Maisha
Night Dreamer Direct-To-Disc Sessions
Night Dreamer • 2020 • ab 16.99€
Das Universum ist ein Rätsel. Wir wissen nicht, woher wir kommen, wir wissen nicht, wohin wir gehen. Als Lebensform haben wir keine Ahnung. Wenn ich mit meinem Teleskop ins Universum blicke, stelle ich mir so viele Dinge vor. Wir sind nicht die einzige Lebensform im Universum. Das ist ein Nobrainer!

Ich habe gelesen, dass Sie 1963 ein UFO gesehen haben. Glauben Sie an außerirdisches Leben?
Zweimal in meinem Leben, habe ich Objekte gesehen, von denen ich weiß, dass sie nicht von diesem Planeten stammen. Wenn doch, hat das jemanden viel Mühe und Geld gekostet – was mich nicht überraschen würde. Wir als Menschen gehen durch das Leben, ohne in der Realität zu sein. Wir sehen sie nicht. Wir lassen uns von Fernsehen und Internet berieseln, wir haben all dieses Zeug, aber wir sehen die Realität nicht mehr.


Die Schallplatten von Gary Bartz findest du im [Webshop von HHV Records](https://www.hhv.de/shop/de/suche-bartz/p:qRI7XR)

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