Jose James – »Ich wollte das Jazz-Stigma loswerden«

07.07.2014
Foto:Frédéric Hartmann / © hhv.de mag
Im letzten Jahr begeisterte José James mit seinem Album »No Beginning No End«. Nun legt er den nachfolger vor. Und »While You Were Sleeping« ist anders. Weniger Jazz, mehr Rock und Pop. Wie es dazu kam, verriet uns der Sänger im Interview.

Was macht ein Wunderknabe, der keiner sein will? Da kreiert José James mit seinem Debüt quasi ein neues Genre, heimst damit unzählige Preise ein und gewinnt fast über Nacht eine internationale Fangemeinde für sich. Doch gerade den Fans der ersten Stunde scheint er es nicht mehr recht machen zu wollen. Bedenkt man seine stilistische Wandlungsfähigkeit, dann verwundert es nicht, dass viele nicht mehr mitkommen. Vom so vielgefeierten B-Boy/Crooner Image hat er sich längst verabschiedet. Auf Blackmagic nahm er sich R&B zur Brust. Soul und Worldmusic waren das Gebot der Stunde auf »No Beginning No End«. Und auf seinem jüngsten Longplayer »While You Were Sleeping« geht er gar mit der Rock und Pop Gemeinschaft auf Tuchfühlung. Erstaunlicherweise ist er damit mehr er selbst denn je, geht er doch an sein eigenes Werk mit der selben subversiven Einstellung heran, mit der er den Jazz auf »The Dreamer« behandelt hat. Wir haben uns mit ihm getroffen, um herauszufinden was jemanden antreibt, der so rastlos neues Terrain erschließt.

Willkommen zurück in Berlin! Wie geht es dir?
José James: Es könnte eigentlich nicht besser sein, wenn da nicht der Regen wäre. In Berlin ist das jetzt keine so große Überraschung. Aber in jeder Stadt, in der ich auf dieser Promotour bislang war, hat es wie aus Kübeln geschüttet.

Na ich bin mir sicher, dass man dich doch nirgends im Regen hat stehen lassen. Was allerdings dein neues Album angeht, so wage ich es zu bezweifeln, dass alle deine Fans diesem Rückendeckung geben werden. In einigen Songs bandelst du mit fast schon kommerziellem Pop und Rock an. Wie stehst du dazu?
José James: Das ist witzig. Einfach jeder spricht das sofort an, so sehr die Meinungen da auch auseinandergehen. Für mich war es schlichtweg so, dass ich des mir verpassten Jazz-Stigamatas überdrüssig war. Es ging gar so weit, dass ich von der Musik selbst einfach zu viel bekommen hatte, und sie eine zeitlang auch privat nicht mehr hören konnte. Eine Prämisse war es daher definitiv, meinen Sound zu verjüngen und ihn energetischer zu gestalten. Ich hatte es satt überwiegend auf Jazz Festivals zu spielen und dort immer als der coole Grenzgänger wahrgenommen zu werden. So plump sich das auch anhören mag, wollte ich mit meinen Musikern einfach als eine weitere Band auftreten und den Sonderstatus, der mir allerorts wie ein roter Teppich ausgerollt wurde, loswerden. Zudem habe ich in den letzten Jahren die Gitarre für mich neu entdeckt, die ich seit der High School nicht mehr gespielt hatte. Da schien es mir sinnvoll, wieder dort anzuknöpfen, wo ich als Jugendlicher Musik ausschließlich des Spaßes wegen gemacht habe. Und als ich dann eines Tages im Tourbus mit einem Distortion herumgespielt habe, war genau dieses Gefühl wieder da. Und somit stand auch mit einem Mal die Richtung für Songs wie »Anywhere U Go« fest. Zudem höre ich in den letzten Jahren immer mehr Pop orientierte Musik, wie James Blake, Mount Kimbie oder auch Frank Ocean. Und wie könnte es anders sein, eifere ich diesen bis zu einem gewissen Grad nach.

»Meine Musik muss, wenn überhaupt, nur einer Person gefallen. Und das bin ich selbst. Wenn ich die Songs nicht auf der Bühne fühle, dann wird das restlos niemand tun.« (José James)

Verstehe mich nicht falsch, aber ich konnte mich beim Hören des neuen Materials nicht des Eindrucks erwehren, dass das Plattenlabel die Richtung ein stückweit mitentschieden hat. Nun ist Blue Note zwar nicht gerade dafür bekannt, kommerzielle Scheiben zu produzieren, es besteht für mich aber kein Zweifel, dass Sie von dieser Liaison ungleich mehr profitieren als du selbst. Und so würde es mich nicht wundern, wenn sie sich mit dir gerade einen Zuwachs beim jüngeren Publikum erhoffen.
José James: Vorneweg. Die Songs sind allesamt meine eigenen und es hatte niemand außer mir einen Einfluss darauf. Seitens des Labels hätte man sich eine Mischung aus Soul und World Music gewünscht, um direkt an »No Beginning No End« anzuknüpfen. Es ist aber tatsächlich so, dass Blue Note von allen Plattenlabels mit denen ich mich zusammen gesetzt habe, mir den grössten künstlerischen Freiraum bot. Auch wenn es einige Vorschläge gab, Anweisungen oder Einschränkungen waren nicht dabei. Und doch kann man sagen, dass ich im Werdegang der beiden letzten Alben hart für das Resultat habe kämpfen müssen. Der Konsens der meisten Freunde wie auch der Fans war, dass ich beim Jazz verbleiben sollte. Zwar hatte ich anderes vor, aber die Meinungen sind mir doch sehr wichtig, und somit hatte ich bereits beim Komponieren des Vorgängers das Bedürfnis, es doch allen verständlich zu machen, wohin mich die Reise führt. Nachdem sich viele Leute noch nicht so richtig an meinen neuen Sound gewöhnt hatten, kannst du dir ja vorstellen, was beim vorliegenden Material an Erklärungsversuchen notwendig war. Was die meisten auch nicht wissen, ist, dass ich dieses Album komplett selbst finanziert habe und es mit Abstand mein teuerstes war. Blue Note übernimmt lediglich den Vertrieb und das Marketing. Ich den ganzen Rest. Fotografen, Designer, künstlerische Leitung, etc. Das habe ich alles selbst bestimmt. Da wäre es ein Unding gewesen, mir gerade bei der Musik reinreden zu lassen.

Ich muss ehrlich sein. Ich bin einer der Leute, die sich wünschen, du würdest wieder dort anknüpfen, wo du mit »The Dreamer« aufgehört hast. Besonders angetan bin ich von frühen Kollaborationen wie der »A Night In Tunisia«-Version mit der Toshio Matsuura Group oder den Tracks, die du mit J.A.M. produziert hast. Was hast du unsereins zu sagen?
José James: Da besteht für mich gar kein Zweifel. Meine Musik muss, wenn überhaupt, nur einer Person gefallen. Und das bin ich selbst. Wenn ich die Songs nicht auf der Bühne fühle, dann wird das restlos niemand tun. Das ist ein bisschen so wie bei einem Filmdirektor, der seine Schauspieler gut kennt und ihnen die Rollen auf den Leib schneidert. Ebenso mache ich das mit meinen Songs für mich selbst. Es ist zwar nicht so, dass ich die Wünsche meiner Fans nicht nachvollziehen kann. Es geht mir ja selbst mit vielen Künstlern so. Erykah Badu ist da das Paradebeispiel. Einige ihrer Alben liebe ich nach wie vor. Der Rest lässt mich allerdings kalt. Was aber nie fehlt ist ein immenser Respekt und eine gleich große Wertschätzung für all ihr Schaffen. Eben weil sie Grenzen überschreitet und sich traut sie selbst zu sein. Aus diesem Grunde bin ich zuversichtlich, dass ich, ungeachtet der Vorlieben meiner Fans, für dieses Album Anerkennung verdient habe und auch bekommen werde.

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