Music Review | verfasst 03.04.2013
Jose James
No Beginning, No End
Blue Note, 2013
Text Frédéric Hartmann
Deine Bewertung:
8.8
Nutzer (5)
8.0
Redaktion
Cover Jose James - No Beginning, No End

Wer kann sich noch an den Moment erinnern, als er zum ersten Mal Jose James’ Debüt-Opener »Love« gehört hat? Ist bei mir, wie bei den meisten, eingeschlagen wie ’ne Bombe und hing mir fortan wie ein Tinnitus im Ohr. Hier war endlich der Wunderknabe, der dem Jazz des 21. Jahrhunderts seine Stimme gab. Und so konnten die Gelehrten und Weisen des Genres auch nicht genug bekommen von ihren geliebten Standards, die er in modernem Gewand in neuem Glanz erstrahlen liess. Als Neuankömmling war er anfangs wohl mehr als zufrieden damit, den alten Herren das Wasser reichen zu dürfen, während er ihnen ihre alten Treter und Pokale auf Hochglanz polierte. Seine Fähigkeiten überstrahlten dabei so sehr alles bislang vergleichbar Dagewesene, dass sogar er bisweilen vergaß, warum dem so war. Und zwar, weil er ein begnadeter Sänger ist, der wohl mit Jazz großgeworden und ihm mehr als gewachsen ist, aber seine gefundene Nische alles andere als standardisierbar ist. Das hat er vor allem mit Gastauftritten bei eben jenen Künstlern unter Beweis gestellt, die es verstehen ähnlich subversiv mit den Traditionen des Genres umzugehen. Unter meinesgleichen hat er eben nicht unter Begleitung von Jef Neve, sondern beim Brückenschlag mit Jazzanova, DJ Mitsu, Just A Maestro oder Toshio Matsuura wahre Grösse erreicht. Blackmagic war bereits ein bedeutender Schritt weg vom dem ihm verpassten Markenzeichen, indem man den Rohbau von mehreren Tonarchitekten diverser Stilrichtungen errichten ließ. Und jetzt endlich beim Jazzlabel Nummer Eins unter Vertrag genommen, baut er überraschender Weise auf eine Blaupause, in der der ihm nachgesagte Stil in vielen Songs nur noch als gut camoufliertes Wasserzeichen auftaucht. Die Stilgrenzen verschwimmen zusehends und werden nun vom Singer/Songwriter José James mit World Music, Pop und Dub geflutet, bis das der BBoy-Crooner teilweise vollkommen untergeht. Dass er damit von dem von so vielen erwarteten Kurs abtreibt, steht außer Frage. Es bleibt einem aber nichts anderes als die verlässlichen Strömungen hinter sich zu lassen, um neues Land zu entdecken. Und jenes von ihm für sich entdeckte, ist verheißungsvoller denn je.

Das Album »No Beginning, No End« von Jose James findest du bei hhv.de: LP
Dein Kommentar
1 Kommentare
18.06.2013 10:34
SOULGURU:
ich liebe dieses Album !

mehr dazu: http://soulgurusounds.com/tipp-jos-james-macht-auf-seinem-neuen-album-streifzuege-durch-soul-und-funk/
― antworten
Ähnliche Artikel
Music Review | verfasst 27.06.2014
José James
While You Were Sleeping
José James kennt sich bestens mit Genregrenzenverblendung aus. Dennoch klingt »While You Were Sleeping« stellenweise ein wenig unbedarft.
Music Bericht | verfasst 25.04.2013
José James
Live am 20.4. im Bi Nuu in Berlin
José James ist der Inbegriff des modernen Jazz. Und das, obwohl er sich mittlerweile längst nicht mehr nur diesen Stil auf die Flagge schreibt. Mit einem neuen Album im Gepäck hat er letzte Woche in der Hauptstadt Rast gemacht.
Music Interview | verfasst 07.07.2014
Jose James
»Ich wollte das Jazz-Stigma loswerden«
Im letzten Jahr begeisterte José James mit seinem Album »No Beginning No End«. Nun legt er den nachfolger vor. Und »While You Were Sleeping« ist anders. Weniger Jazz, mehr Rock und Pop. Wie es dazu kam, verriet uns der Sänger im Interview.
Music Review | verfasst 28.03.2014
Takuya Kuroda
Rising Son
Takuya Kuroda beweist, dass er nicht nur wegen seiner Frisur das auffälligste Mitglied in der Hornsection von José James ist.
Music Review | verfasst 31.03.2014
Kris Bowers
Heroes + Misfits
Der 24-jährige Jazzpianist Kris Bowers schafft es seinem Genre neues Leben einzuhauchen. So schmeckt Jazz wieder nach dem 21. Jahrhundert.
Music Review | verfasst 05.10.2016
Norah Jones
Day Breaks
Wayne Shorter spielt sein schönstes Solo seit Jahren, während Norah Jones nur dazu summt. Und das ist nur ein Moment von »Day Breaks«.
Music Review | verfasst 26.05.2017
Tony Allen
A Tribute To Art Blakey & The Jazz Messengers
Tony Allen, einer der größten Schlagzeuger unserer Zeit, würdigt mit »A Tribute To Art Blakey & The Jazz Messengers« einem anderen Drummer.
Music Review | verfasst 27.10.2017
Gregory Porter
Nat »King« Cole & Me
Gregory Porter huldigt gemeinsam mit dem London Symphony Orchestra auf »Nat King Cole & Me« seinem Vorbild. Das gelingt nur teilweise.
Music Review
Yas-Kaz
Virgo Indigo
Nachdem zuletzt Yas-Kaz’ LP »Jomon-Sho« neu aufgelegt wurde, folgt nun ein Reissue von »Virgo Indigo« aus dem Jahr 1986.
Music Review
Tunes Of Negation
Like The Stars Forever And Ever
Sam Shackletons Projekt Tunes Of Negation ist mit »Like the Stars Forever and Ever« nicht nur far out, sondern auch seiner Zeit weit voraus.
Music Review
William Basinski
Lamentations
Zeigemäßes zur Unzeit: William Basinski legt mit »Lamentations« sein vielleicht bestes Album seit den »Disintegration Loops« ab.
Music Review
Jabu
Sweet Company
Auf »Sweet Company« zeigt sich das Trio Jabu ausnahmsweise gut gelaunt. Der Musik fehlt trotzdem etwas. Das ist das Tolle daran.
Music Review
Emily A. Sprague
Hill, Flower, Fog
Schönheit im Reinzustand: Aus den USA kommen dank Emily A. Sprague und ihrem Album »Hill, Flower, Fog« endlich entspannte Signale.
Music Review
Camila Fuchs
Kids Talk Sun
Das Duo Camila Fuchs hat sein Zweitwerk »Kids Talk Sun« in der pittoresken Stadt Sintra in Portugal eingespielt. Das ist ihm a
Music Review
Meitei
Kofū
Mit dem Album »Kofū« beschließt Meitei seine Trilogie zu »japanischen Stimmungen«. Es ist seine bisher dynamischste Platte.
Music Review
Route 8
Rewind the Days of Youth
Auf seiner Debüt-LP braust Route 8 mit offenem Verdeck Richtung Vergangenheit. Vorgestrig ist »Rewind the Days of Youth« aber keineswegs.
Music Review
Michal Turtle
Michal Turtle Reinterpreted
Auf »Michal Turtle Reinterpreted« remixen sich zwölf Artists durch das in letzter Zeit wiederentdeckte Archiv des mysteriösen Briten.
Music Review
ana roxanne
Because of a Flower
Mit »Because of a Flower« gelingt ana roxanne das Meisterstück, ihren Sound auszudifferenzieren und stringenter denn je zu klingen.
Music Review
Various Artists
Endlich Normale Menschen Volume 1
Die zweite Ausgabe der Ear Clip Series heißt »Endlich normale Menschen Volume 1«, wurde von Low Bat kuratiert und ist wunderbar verwirrend.
Music Review
John Beltran
2020
John Beltran beschließt die Lost Canvas Series des Labels Mystic & Quantum mit »2020« und sehnt sich in einem Katastrophenjahr weit weg.
Music Review
Trees Speak
Shadow Forms
Mit »Shadow Forms«, ihrem zweiten Album in diesem Jahr, arbeiten sich Trees Speak weiterhin an Krautrock ab. Und zwar mit Erfolg.
Music Review
Various Artists
La Locura de Machuca 1975-1980
»La Locura de Machuca 1975-1980« versammelt abseitige Cumbia-Stücke. Das Gros wurde von einem abtrünnigen Steuerrechtsexperten komponiert.
Music Review
Parbleu
Danse Cette Zik
Parbleu ist das Projekt von Andrea Tartaglia und »Danse Cette Zik« sein farbenfrohes Debütalbum. So entspannt sollte die ganze Welt sein.
Music Review
Mr. Bungle
The Raging Wrath Of The Easter Bunny Demo
Eine bekackte Demo von 1986 wiederzuveröffentlichen ist das most Mr. Bungle thing, zu dem Mike Patton imstande ist.
Music Review
Terrace Martin, Robert Glasper, 9th Wonder, Kamasi Washington
Dinner Party EP
Lasst die »Dinnre Party EP« niemals enden: Terrace Martin, Robert Glasper, 9th Wonder und Kamasi Washington machen gemeinsam superbe Musik.
Music Review
Yuki Hayashi
OST My Hero Academia: Heroes Rising
Yuki Hayashi’s toller Soundtracks zu »OST My Hero Academia: Heroes Rising« erscheint jetzt auf Vinyl.
Music Review
Charlotte de Witte
Rave On Time
Solides Handwerk, keine Kunst: Auf der EP »Rave On Time« arbeitet sich Charlotte de Witte am Acid Techno der neunziger Jahre ab.
Music Review
Zenker Brothers
Cosmic Transmission
Auf »Cosmic Transmission«, dem neuen Album der Zenker Brothers, ist eher eine ruhigere Gangart angesagt. Ausnahmen bestätigen die Regel.
Music Review
Glenn Astro
Homespun
Eine der abenteuerlustigsten Clubmusik-Platten des Jahres: Glenn Astro hat sein neues Album »Homespun« auf Tartelet veröffentlicht.
Music Review
Naná Vasconcelos with Agustín Pereyra Lucena
The Incredible Nana
Das 1971 eingespielte Debüt des brasilianischen Percussionisten Naná Vasconcelos »The Incredible Nana« wurde wiederveröffentlicht.
Music Review
Kangding Ray
61 Mirrors / Music for SKALAR
Kangding Rays Musik für SKALAR, seine gemeinsame A/V-Installation mit Christopher Bauder, funktioniert prächtig als alleinstehendes Album.
Music Review
Felbm
Tape 3 & 4
Der Niederländer Felbm veröffentlicht mit »Tape 3 & 4« vierzehn unaufgeregte Jazzminiaturen auf Soundway.
Music Review
Loscil
coast/range/arc//
Das 2011 erschienene Album »coast/range/arc//« von Loscil führte durch frostige Bergwelten. Kranky hat es in erweiterter Form neu aufgelegt.
Music Review
Public Enemy
What You Gonna Do When The Grid Goes Down?
Kein bisschen leise: Public Enemy sind zurück auf Def Jam legen mit »What You Gonna Do When The Grid Goes Down?« ihr 15. Studioalbum vor.
Music Review
Machinedrum
A View Of U
Machinedrum ist weiterhin auf der Suche nach der Erleuchtung durch Trips. »A View Of U« ist wiederum keine Offenbarung.
Music Review
Minoru Fushimi
Hakodate Lady
»Hakodate Lady«, 1983 veröffentlichter, vielleicht wichtigster Release von Minoru Fushimi, wurde jetzt bei Left Ear wiederveröffentlicht.
Music Review
Azymuth, Ali Shaheed Muhammad & Adrian Younge
Jazz Is Dead 004
Ali Shaheed Muhammad und Adrian Younge haben sich für »Jazz Is Dead 004« die brasilianischen Legenden Azymuth eingeladen.
Music Review
Ryo Fukui
A Letter From Slowboat
Dass es nun ein Reissue von »A Letter From Slowboat« gibt, dürfte zumindest Jazzkenner freuen und Ryo Fukui mehr Aufmerksamkeit einbringen.
Music Review
Ryo Fukui
Ryo Fukui In New York
Ursprünglich 1999 veröffentlicht, hat We Release Jazz jetzt eine Neuauflage von »Ryo Fukui In New York« von Ryo Fukui veröffentlicht.
Music Review
Oliver Coates
Skins N Slime
Der Cellist Oliver Coates ist so eine Art Wi9edergänger von Arthur Russell. Jetzt hat er mit »Skins N Slime« ein neues Album veröffentlicht.
Music Review
Various Artists
Deutsche Elektronische Musik Vol.4
»Deutsche Elektronische Musik Vol.4« gibt einen Überblick über die Vorzüge vernachlässigter, deutscher Musik der Siebziger und Achtziger.
Music Review
The Budos Band
Long In The Tooth
Mit »Long In The Tooth« von The Budos Band könnte man wohl vorzüglich auf den ledrigen Schwingen eines Dämons durch die Unterwelt gleiten.
Music Review
Kevin Morby
Sundowner
Americana im besten Sinne des Wortes: Zum neuen Album »Sundowner« des großartigen amerikanischen Songwriters Kevin Morby.
Music Review
Various Artists
All Things Considered Vol.1
Die Compilation »All Things Considered Vol. 1« entführt für 38 Minuten in eine Welt, in der nur grüner Tee und die Kopfhörer zählen.
Music Review
Autechre
SIGN
»SIGN« ist das erste Album seit von Autechre seit 2013 und die Musik darauf ist so unmittelbar faszinierend, wie seit 20 Jahren nicht mehr.
Music Review
Nas
King's Disease
»King’s Disease« ist keine von #BLM inspirierte Gospelchor-Klischee-Sause auf die Black Culture, sondern das beste Nas-Album seit Jahren.
Music Review
Mrs. Piss (Chelsea Wolfe & Jess Gowrie)
Self-Surgery
»Self-SurgeryÍ von Mrs. Piss ist ein Album, dass die kollektive Gesamtscheiße des Jahres einfängt, absticht, vierteilt und verheizt.
Music Review
Culk
Zerstreuen über euch
Die Wiener Band CULK macht mit ihrer zweiten LP »Zerstreuen über euch« den Namen zum Programm und klingen obendrein noch mitreißend.
Music Review
El Mago
Kanénas
»Kanénas«, das Debüt von El Mago, verkabelt deutsche Elektronik mit griechischer Volksmusik. Ein bisschen Mystizismus gibt’s oben drauf.