Glass Museum: Der Sound als unsichtbare Stadt

20.07.2026
Foto: Barth Decobecq / Sdban Records

Wall of sound, Klanggebilde: Schon semantisch gibt es die Nähe zwischen Musik und Architektur. Die belgische Kombo Glass Museum macht in ihrer Musik diese Nähe zum Konzept.

Der deutsche Philosoph Friedrich Wilhelm Joseph Schelling behauptete, dass Architektur gefrorene Musik ist. 4N4LOG CITY kann man wie den Umkehrschluss dieser Behauptung hören: Musik erschafft ihre eigenen unsichtbaren Gebäude und Städte. Die der Belgier von Glass Museum sind mysteriös, eindrücklich und ein wenig einsam. Wer mag, denkt an Aufgang oder BadBadNotGood. Die Seele von Jazz aber ist dabei nur ein Bauteil.

Glass Museum starteten als Duo im Sommer 2015. Antoine Flipo am Piano und Martin Grégoire am Schlagzeug. Kindheitsfreunde. Für ihr gemeinsames Spiel schränkten sie ihre Möglichkeiten bewusst ein: »Zu dieser Zeit fühlte es sich aufregend an, dass wir uns mit diesen beiden Instrumenten Grenzen setzten und sehen konnten, wie weit wir damit kommen«, sagt Grégoire. Die ersten Proben fanden im Haus seiner Eltern statt. Auf dem belgischen Land. »Es fühlte sich direkt wie ein gigantischer Spielplatz für Kreativität an.«

Im vergangenen Jahr ließen Glass Museum dann Issam Labbene auf diesen Spielplatz. Für ihr viertes Album, eben jenes 4N4LOG CITY, spielte Labbene den Bass ein. »Wenn ich heute unsere ersten Aufnahmen anhöre, höre ich die gleiche Essenz, die Glass Museum heute ausmacht«, sagt Grégoire. »Es gibt immer diesen Kontrast zwischen sehr luftigen und eher unerwarteten Momenten.«

Glass Museum änderten, wie sie ihre Melodien und Kompositionen angingen: Was einst unschuldig und romantisch (O-Ton Grégoire) daherkam, arbeitet heute mit Wiederholungen, Loops und kleinen Variationen. »Anchor« ist genau so ein Stück, das einen sehr eindringlichen Beat auffährt, mit Synthie und Bass für eben jene Variation sorgt, die mehr und mehr in eine dunkle Ecke lenkt. »Wir fingen an, mehr wie Musiker von Elektronik zu denken. Die Musik wurde komplexer in ihren Kompositionen, während sie hoffentlich emotional und zugänglich bleibt.«

Gezogen von Zeit und Raum

Es ist die Zeit, die an diesem Sound zieht. Die Einflüsse der belgischen Band wurden vielfältiger, die Mitglieder veränderten sich selbst in den vergangenen Jahren. Die Emotionen und Spannungen der Gegenwart wirken auch auf diese Musik.

Das Album entstand im Rahmen einer Reihe von Residenzen, die sich über etwa ein Jahr erstreckten und an verschiedenen Orten stattfanden.

»Wir spürten, dass sich Musik ihren eigenen imaginären urbanen Ort erschafft, wie eine parallele Stadt aus Texturen, Rhythmen und Fragmenten aus Sound.«

Martin Grégoire

Der wichtige Anker war Volta, ein Auftritts- und Arbeitsraum für Kreative in Brüssel. »Dort zu sein, gab uns die kräftige urbane Energie, die Teil dieser Platte ist. Ein Track wie ›III‹ ist sehr mit diesem Ort verbunden, mit seinem Rhythmus, seiner Intensität und diesem Moment von Bewegung, der aus der Stadt kommt.« Auf der anderen Seite brauchte die Band einen Kontrast. Weitere Teile des Albums schrieb sie in Drôme in Frankreich und den industriellen Vororten von Brüssel. »Ein Track wie ›Trails‹ ist ein gutes Beispiel für dieses Gleichgewicht«, sagt Grégoire.

Die Musik als unsichtbare Stadt

.»Wir spürten, dass sich Musik ihren eigenen imaginären urbanen Ort erschafft, wie eine parallele Stadt aus Texturen, Rhythmen und Fragmenten aus Sound.« Was nicht geplant war. Es ergab sich.

Ja, Jazz, ja, elektronische Musik, ja, Soul und noch viel mehr. Der Begriff Jazz sei spannend, sagt Grégoire, weil er so viel Raum für instrumentale Musik schaffe. »In diesem Sinne kann sich das sehr angenehm anfühlen und weit genug, um das zu umfassen, was wir tun.« Auf der anderen Seite seien aber die tieferen traditionellen Codes des Genres von ihnen nicht in ihren Sound integriert. »Ich würde sagen, dass wir mehr das Produkt einer Generation sind, die von vielen Künstlern beeinflusst ist, die selbst viel Jazz hörten und diese Codes verarbeiteten, aber sie damit in andere Richtungen öffneten.« Der Raum, den dieser Sound schafft, ist ein innerer Ort, der auf einmal konkret wird.

Dieser Beitrag ist Teil des Themenschwerpunkts

Belgischer Jazz

Unter dem Themenschwerpunkt »Belgischer Jazz« fassen wir Beiträge zur aus Belgien stammenden Jazz-Musik zusammen.

Zu den Beiträgen

Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.

Unbedingt notwendige Cookies

Unbedingt notwendige Cookies sollten jederzeit aktiviert sein, damit wir deine Einstellungen für die Cookie-Einstellungen speichern können.

Drittanbieter-Cookies

Diese Website verwendet Google Analytics, um anonyme Informationen wie die Anzahl der Besucher der Website und die beliebtesten Seiten zu sammeln.

Diesen Cookie aktiviert zu lassen, hilft uns, unsere Website zu verbessern.