Jahresrückblick 2021 – Top 20 12inches

01.12.2021
12inches werden meistens, aber nicht immer für den Club hergestellt. Ein Blick auf die 20 besten Schallplatten dieser Art im Jahr 2021 zeigt, dass nicht nur Dance Music neu gedacht wurde – sondern auch ruhige Kontrapunkte gesetzt wurden.

Klar, das Anwendungsgebiet für die meisten 12inches sind die Clubs – und die 12inch-Produktion lag dementsprechend bisweilen über weite Teile des letzten Jahres brach. Bevor sie dann dieses Jahr unter der aktuell grassierenden Vinylkrise als Resultat von Lieferkettenzusammenbrüchen und erhöhter Nachfrage mehr leiden musste als die Produktion anderer Formate. Keine gute Zeit, um Schallplatten in Kleinstauflagen zu pressen, auf denen kaum mehr als vier Tracks für den nächtlichen Gebrauch versammelt sind. Dabei war es doch gerade angesichts der Wiedereröffnungen von Clubs überall in dieser Welt – dort zügig und ohne viele Einschränkungen, hier zögerlich und mit angezogener Handbremse – umso wichtiger, dem Neuanfang den passenden Soundtrack zur Seite zu stellen. Das stumpfe Four-to-the-Floor-Diktat zur Seite zu wischen, aufregende Rhythmen für spannende Zeiten zu liefern.

Das mit den Clubs hat bekanntlich nicht sonderlich gut funktioniert, das mit der Musik schon. Al Wooton, Blawan, Equiknox, NICO., Rhyw oder ZULI etwa lieferten allesamt wichtig Impulse dafür, wie sich ein Dancefloor füllen ließe, ohne dazu »The Bells« aus der UDG hervorzuziehen müssen. Leute, es riecht nach Fortschritt! Wobei genauso allerdings nicht wenige das Format nutzten, um Klangtapeten für das innere Exil zurechtzuschneidern – Cucina Povera, Innere Tueren, Lee Ranaldo und Perila beispielsweise lieferten Sounds zum runter- und abschalten, wie sie ebenfalls im Doomscrolling-Dauermodus mehr als willkommen waren. Das eine wie das andere allerdings bot letztlich genau dasselbe an: Die Erlaubnis, andere Welten mit den Ohren voraus betreten und die alte für einen Augenblick vergessen zu dürfen. Wir sind trotz aller Frustration und Trauer über die verpassten Chancen der vergangenen zwölf Monate zumindest darüber mehr als glücklich. Kristoffer Cornils

Al Wootton
Maenads
Trule • 2021 • ab 8.99€
Wahrscheinlich ist Dub Techno per se auserzählt. Die Zutaten sind bekannt: Bässe, Hall, Delays, Echos. Du kannst aber in dem Genre immer noch gut erzählen, sehr gut sogar, wie Al Wootton mit seiner EP »Maenads« auf Trule dieses Jahr zeigte, in dem er vier scharfkantigen Tropftsteinhöhlen-Grooves polyrhythmisch Percussions druntermixte. Genau die richtige Musik um in der Enge seines Wohnzimmers tanzend den Verstand zu verlieren. Sebastian Hinz

Bassae
Untitled
Few Crackles • 2021 • ab 22.99€
Bassae und Few Crackles als elusive zu bezeichnen, wäre der einfachste Weg mit der zweiten unbetitelten Veröffentlichung umzugehen, aber vor allem bemerkenswert ist wie kreativ die vier hier vertretenen Stücke Rhythmus und Percussion als fluides Konzept in diese mäandernden Collagen einweben, ohne dass sie wirklich spürbar wären. Untitled ist neben dem Oi Les Ox Album vielleicht die finale Durchdeklinierung des zwischen Allnightflight Vlek, Dizonord und Salon Des Amateurs kultivierten Avantgarde-Sounds und gleichzeitig die stilistisch ungreifbarste Interpretation. Florian Aigner

Blawan
Make A Goose
Ternesc • 2021 • ab 14.99€
Der britische DJ und Produzent Jamie Roberts, bekannt als Blawan, überzeugt mit seinem Gespür für Rhythmus und Percussions. Kaum verwunderlich, da er bereits in jungen Jahren mit dem Schlagzeug spielen anfing. 2015 gründete er das Label Ternesc, Heimat seiner am 16. Februar auf Vinyl veröffentlichten EP »Make A Goose«. Die Platte steigt mit klagenden Bässen von »My Guide To Dancing On Carpet« ein und lässt keine Zeit zum Hadern. Auch der Titelsong der EP ist reich an Bässen, mit einigen schön verzerrten Synthesizern. Franziska Nistler

Cucina Povera
Seesteyttää
Offen Music • 2021 • ab 12.34€
Cucina Povera fürs Ivkovic-Label, die Formel ist dieselbe geblieben, das Ergebnis auch. Maria Rossi schichtet ihre Meditationen immer weiter über minimal-sakrale Instrumentals, bis man nichts mehr weiß, oder mehr, beziehungsweise beides. Musik, um auf starken Schmerzmitteln nur noch mit Rentieren zu verkehren. Pippo Kuhzart

Delay Grounds
Genus Marbled Snowy White Vinyl Edition
Lapsus • 2021 • ab 17.09€
Der britische Producer Patrick Tipler musizierte als Bassist und Gitarrist in Psychedelic-Bands, bevor er sich dem Synthesizerspiel und der elektronischen Musik zuwendete. Sein Soloprojekt Delay Grounds klingt ebenfalls oft psychedelisch und arbeitet dabei mit Field Recordings, Stimm-Samples und analog tribalistischen Percussions an einem Sound zwischen The Orb’schem Ambient, rockig rauem Techno und Broken Beats, die, meist äußerst tanzbar, sich auch durchaus auf dem Sofa genießen lassen. Andreas Brüning

Equiknoxx
Equiknoxx Meets Feel Free Hi Fi
Digital Sting • 2021 • ab 19.99€
Selbst mit dutzenden Reminder-Emails bleibt es schwer der schieren Menge des kreativen Outputs des für mich wichtigsten Kollektivs der letzten 10 Jahre (yeah, I said it) Herr zu werden. Dementsprechend willkommen bleiben also physische Releases von Gavsborg und Time Cow, hier in Form eines Gipfeltreffens mit Feel Free Hi Fi, die überraschend entschlossen gegen die unvermeidliche Pointe kämpfen, dass die Equiknoxx Riddims auch auf dieser EP das sind worüber zu sprechen ist. Alles wie immer also: die Zukunft von Dancehall, verpackt in mehr Ideen als ganze Diskografien. Florian Aigner

Imaginary Number
Imaginary Number
Yuku • 2021 • ab 15.99€
Das tschechische experimentelle Bassmusic-Label YUKU hat bisher Tracks u.a. von Audeka, Yunis, Balatron, Ténèbre und Current Value zwischen IDM, Experiment, Downtempo und Jungle veröffentlicht. Imaginary Number ist der erste Teil einer White Label-Reihe, auf welcher bekannte Acts ihre Musik unter neuem Namen veröffentlichen. Der Sound zwischen Bass, Grime und Garage klingt trotz seiner 130 BPM sehr dubby und arbeitet mit den Stimmen gesampelter MCs und Rapper, schweren Beats und tiefsten Bässen. Andreas Brüning

Innere Tueren
Welten EP
Kann • 2021 • ab 13.99€
»Am Anfang stehen immer die Titel«, sagt Innere Tueren-Klangklotzer Ergin Erteber. Der Heidelberger, der 2019 sein Debüt auf Kann Records veröffentlichte, macht mit »Welten« weiter, wo er das letzte Ableton-Projekt geschlossen hat. Ambient, Techno, Ambienttechno. Das kratzt manchmal an der Grenze zum Kitsch für Klangschalen-Kiffer, stößt aber viel öfter die – sorry – Tür auf zu Stücken, bei denen man barfuß auf Moos tapst und sich einen Safe Space aus Watte bastelt, um im Garten Eden von verbotenen Früchten zu naschen. Christoph Benkeser

Kokoroko
Baba Ayoola / Carry Me Home
Brownswood • 2021 • ab 14.99€
Dass seit Jahren die britische Jazzszene in aller Munde ist, ist auch ein Verdienst der achtköpfigen Kombo Kokoroko aus London. Nachdem sie auf der von Gilles Peterson kuratierten Compilation »We Out Here« vertreten waren und 2019 ihre gefeierte Debüt EP vorlegten, gab es in diesem Jahr ein längst überfälliges musikalisches Lebenszeichen in Form der Doppel-A-Seiten Single »Baba Ayoola / Carry Me Home«. Das Kollektiv um Sheila Maurice-Grey steht in der Tradition westafrikanischer Musik-Legenden wie Fela Kuti oder Ebo Taylor und möchte Jazz aus den elitären Zirkeln und zurück auf die Straße – und in die angesagten Playlists – bringen. Das ist zum wiederholten Male gelungen. Ach so, das Debütalbum darf 2022 dann auch gern kommen! Benjamin Mächler

Lee Ranaldo
In Virus Times Transparent Turquoise Vinyl Edition
Mute • 2021 • ab 25.99€
Wie verdammt lazy kann ein Plattentitel, wie verdammt lazy überhaupt kann eine EP sein? Der immer eigentlich geilste Typ von Sonic Youth daddelt 22 Minuten und 13 Sekunden auf der Gitarre, lässt hier mal einen Akkord und dort ein paar Harmonics im Raum verklingen, fingerpickt sich dort in Ekstase und, fuck, pfeift sogar zwischendurch. Das Ganze sind dann angeblich vier verschiedene Stücke und obendrein noch unsere Zeit wert. Aber wie das eben »In Virus Times« so ist: Selbst der lazy shit bekommt eine neue Dimension und, von einem Lockdown zum nächsten gesprochen: tröstendere 22 Minuten und 13 Sekunden gab es dieses Jahr sonst nirgendwo zu hören. Kristoffer Cornils

Move D
Inside The Freero Dome
Smallville • 2021 • ab 11.99€
Smallville der Plattenladen dicht, Smallpeople das House-Duo fertig, Smallville das Label: neu aufgestellt. Alles ändert sich, nur auf Move D ist Verlass. Der Titeltrack von »Inside The Freero Dome« ist so ein Tune zum Dranfestklammern, ein Track wie Dasos »Meine« – Musik, wie sie niemals aufzuhören scheint, wie sie niemals aufhören darf, die das Leben, in das sie so unvermittelt eingebrochen ist, in einen Schwebezustand versetzt, die die Uhren zurückdreht und alles wieder heile macht. Es gibt noch zwei andere Tracks auf dieser EP, die sind vielleicht für DJs interessant. Der erste hier, der ist für diese ganze beschissene Welt essentiell. Kristoffer Cornils

Nico
The Driving Rain Black Vinyl Edition
Midnight Shift • 2021 • ab 11.99€
Lang ist’s her, dass Nicolas Guerrero unter dem Pseudonym White Visitation weitgehend noch rödelnden Minimal im Terrence-Dixon-Stil und sabschigen Dub-Techno veröffentlichte und sich dabei treu blieb. Klangholz-Dub-Techno, Trance-Dubstep, Gqom-Techno, Balearen-Acid-Hop: Vier Genres, die Nico nun auf seinem zweiten Release für Midnight Shift erfand, um sie im selben Zug schon wieder hinter sich zu lassen. Einem grundlegenden Rebranding folgen gleich auf kleinerem Level vier weitere und die nächsten sind bestimmt schon im Anmarsch – Ohr draufhalten! Kristoffer Cornils

Perel
Star
Running Back • 2021 • ab 8.99€
Egal ob New Wave, House, Synthie-Pop, Techno oder Experimental: Perel, die bürgerlich Annegret Fiedler heißt, ist bekannt für ihren zeitlosen Sound, der sich durch dynamische Vocals, Disco-Bässe sowie Techno-Synthies auszeichnet. Am 18. Juni folgte mit »Star« ihr Running Back-Debüt. Die EP wird mit fesselndem Gesang des gleichnamigen Tracks eingeleitet und schafft tiefgründige, intensive und reizvolle Atmosphären. Mit hypnotisierenden Klängen lädt Perel zum Schwelgen in Vor-Corona-Zeiten ein. Franziska Nistler

Perila
7.37/2.11
A Sunken Mall • 2021 • ab 21.99€
Es ist ein bisschen egal, was genau Perila macht, weil sowieso nie so wirklich klar macht, was genau sie da eigentlich gemacht hat. Was feststeht sind die Resultate, soll heißen das, was ihr knisternder Ambient-Pop bewirkt. Die Alben der in Berlin lebenden Russin sind wie mit Äther gefüllte Badewannen: extrem verlockend und ein bisschen lebensgefährlich, weil sich schnell darin untergehen lässt. »7.37/2.11« ist noch abstrakter, verhuschter, andeutungsreicher und kommunikationsärmer als die Vorgänger und somit eigentlich ein Perila-Album in Reinform. Ein Strudel. Und wer möchte sich ihm schon entziehen? Kristoffer Cornils

Poly Chain
Lake Lemuria
Die Orakel • 2021 • ab 11.39€
»Ist denn schon wieder 1992?«, fragt Kollege Hinz beim Lauschen dieser Platte. Verständlich! Schließlich brettert Poly Chain, die in Kiew geborene Producerin, mit Aphex Twin-Gedächtnis-Basslines über den »Lake Lemuria«. Wer den Spot in der Ukraine nicht kennt: pinkes Wasser für die schönsten Insta-Moments! Kein Wunder, dass sich Sasha Zakrevska beim Anblick dessen zu Melodien hinreißen lässt, die jedes Closing in ein Tal der Ecstasy-Tränen verwandelt. Presented by yours truly Die Orakel aus Frankfurt. Christoph Benkeser

Rhyw
The Devil's In The Dlzlzlz
Fever AM • 2021 • ab 11.39€
Techno mag ein lebender Toter sein, Rhyw aber ist van Helsing: Der Typ, der mit Pfahl und Knoblauch bewaffnet auszieht, um das Ding endgültig zur Strecke zu bringen. »The Devil’s In The Dlzlzlz« ist eine vierteilige Etüde darin, wie Techno klingen könnte, hätten denn die ganzen Generationen nach Jeff Mills endlich mal den Patrizid gewagt. Aufregend, aufreibend, aufputschend – IDM-infusiert, wuchtig und donnernd, zärtlich und verständig für die Bedürfnisse eines Dancefloors, der den Muff unter den Talaren der Techno-Universität endlich wegpusten möchte. Kristoffer Cornils

Sedef Adasi
Fantasy Zone
Public Possession • 2021 • ab 13.99€
Bei ihren DJ-Sets bedient Sedef Adasi eine breite Palette an Genres, welche von Techno bis hin zu Pop reichen. Am 2. Juli veröffentlichte die Künstlerin ihre Debüt-EP »Fantasy Zone« auf Public Possession. Auch ihre türkischen Wurzeln ließ sie mit einfließen, wie an den Vocals zu »Gel Gidelim« unschwer zu erkennen ist. Mit »Fantasy Zone« transportiert Adasi eine euphorisierende und zugleich melancholische Stimmung, die es allen ermöglicht, in bunte sowie schrille Welten der Fantasie abzutauchen. Franziska Nistler

Sweepsculp (Upsammy)
Sweepsculp
Nous Klaer Audio • 2021 • ab 10.99€
Als Upsammy hat sie in den letzten Jahren ihren Entwurf eines liquiden Techno etabliert, bei dem dir der Tanzboden unter den Füßen wegschmilzt. In diesem Jahr hat Thessa Torning unter ihrem neuen Alias Sweepsculp eine ganz neue Facette von sich gezeigt. Die fünf Stücke der »Sweepsculp EP« vermischen Postrock, Clicks & Cuts und Electronica zu einem rhythmisch fließenden Ganzen. Sebastian Hinz

Tara Clerkin Trio
In Spring EP
World Of Echo • 2021 • ab 18.99€
Die spannendste Band des vergangenen Jahres bleibt die spannendste Band des vergehenden Jahres. Tara Clerkin Trio »In Spring EP« ist eine Ahnung von tatsächlicher Zukunft, eine wirklich neue Idee in einem Jahr, indem etlichen Start-Up-Chef:innen alles mögliche »neu gedacht« haben, ein Hauch frischer Luft in der Enge der Umstände, ein Segen für Ungläubige. Das Trio bringt hier Jazz zu HipHop zu Folk und macht daraus irgendwie Pop-Musik, die klingt als hätte Duke Ellington Tirzah produziert. Ein riesiger Entwicklungsschritt, aber ganz sicher ist das immer noch nicht die finale Form dieses schönsten aller Biester. Pippo Kuhzart

Zuli
All Caps
UIQ • 2021 • ab 13.99€
Man kann ZULI die Maschinen klauen. Aber den Maschinen nicht ZULI wegnehmen. Der Ägypter zerfetzt auf Lee Gambles Label UIQ Amen Breaks und reißt mit sonischen Handgranaten ein dickes fettes Loch in die Bassbox. Habibi und Hawara, »All Caps« ist der Knüller des Jahres, ein Massagegutschein für Mind und Body – die seltene Gelegenheit, Footwork, Jungle und den persischen Golf in die 2020er zu schießen. Das ist elektronische Musik, die mit zwei Fingern auf den Puls der Zeit pocht. Saustark. Christoph Benkeser