Wie upsammy in der Pandemie eine selbstbestimmte Form des Innehaltens fand

18.06.2020
Upsammy
Die Niederländerin Thessa Torsing hat unter dem Pseudonym upsammy in den letzten Jahren die gefragtesten Dancefloors bespielt. Aber auch ihre eigenen Soundproduktionen haben über transkontinentale Wege hinaus Gehör gefunden.

Ob Sokrates, Aristoteles, Laozi oder Booker T. Washington, sie alle wiesen auf die Wertschätzung der kleinen Dinge im Leben als Prämisse für ein glückliches und produktives Leben hin und adressierten ihnen somit inspirative Wirkung. Heute laden sich Smartphone-Besitzerinnen in der westlichen Welt lieber Apps mit spezifischen Anleitungen herunter, die auf jene Prämissen referieren, um jeden Tag an happiness erinnert zu werden, und um auch nicht die mindfullness zu vergessen. Man lässt beruhigendes Geplätscher als Desktophintergrundmusik neben der Arbeit laufen, weil ein Spaziergang zu viel Zeit kostet. – Nicht so die niederländische DJ und Produzentin Thessa Torsing aka upsammy.

Sie ging einfach direkt in die real existierende Natur und setzte die Methode, in den kleinen Dingen das Wertvolle zu entdecken und wertzuschätzen, auf ihrem ersten Album »Zoom« musikalisch um. Damit spricht sie ein gängiges Phänomen im repetitiven Alltag des modernen Kapitalismus an, bei dem die Würdigung des Kleinen schnell in den Hintergrund rückt. Mit »Zoom« macht upsammy nicht nur auf die Wichtigkeit von Entschleunigung aufmerksam, sondern auch auf die Bedeutsamkeit des Zurückziehens ins Kleine als wirkungsvoller Raum für künstlerische Inspiration. Die kleinen Dinge und ihre Wirkungskraft, »die man nicht gleich wahrnimmt, kleine Artefakte«, beeinflussten Thessas Produktionsprozesse, sagt sie. Die Methode sei für die in Amsterdam lebende De-School-Residentin vertraut: »Denn ich verbringe viel Zeit allein im Studio. Aber mit der Pandemie kann alles zu ›zoomed‹ werden, deshalb versuche ich regelmäßig, kleine Abenteuer draußen zu erleben, um einen neuen Flow fließen zu lassen, mache Field Recordings oder drücke meine Kreativität anders aus, wie im Malen oder Schreiben. Sodass ich mich selbst nicht zu sehr auf die Musik fokussiere, das könnte mein Vergnügen daran ruinieren.«

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Während die eigene Wohnung vor der Pandemie als Rückzugsort für viele galt, verschieben sich aktuell unter Corona die Bedeutungen und Funktionen von Räumen. Für Thessa bietet das Draußen im pandemischen Kontext eine Möglichkeit zum Eskapismus wie für die Romantiker des 18. Jahrhunderts die Idylle. In peripheren Räumen außerhalb ihres Apartments waren es natürliche Dinge, die sich in bestimmten Zuständen verändern. »Zum Beispiel Wassertropfen, in dem Licht flackert oder Blätter, die im Wind tanzen. Es kann sehr beruhigend sein, wenn man sich Zeit nimmt, diese Dinge anzuschauen, und ich glaube, diese Stimmung ist auf mein Album übergegangen.«

Aufregend für die Hörerinnen ist auf upsammys bei Dekmantel erschienenem Debütalbum die Verbindung aus Naturdarstellung und technologischen Ambient-Soundtexturen. Aber welche Rolle spielt der Reichtum der Natur im kreativen Kontext für sie konkret? »Es ist definitiv ein Zusammenspiel, ich mit organischen Stoffen und der Natur Leben in die Technologie zu übertragen, auf die ich so vertraue, damit sie etwas menschlicher und realer werden.« Die Übersetzung des Draußen in Sounds nimmt auf »Zoom« mal melancholische, sehr intim sentimentale vor sich hin rauschende Klangkompositionen an, mal fetzig-energetische Drum-Patterns, in denen sich upsammys besondere Soundsignatur widerspiegelt.

»Ich halte meine Sets gerne dynamisch und überraschend, wechsle gerne zwischen Rhythmus fokussierten und dann zu melodischen. Ich versuche nicht, mich an ein Genre zu halten, auch wenn das manchmal einfacher erscheint.« (upsammy)

Hätte sich die niederländische Produzentin Thessa Torsing nicht irgendwann mal dazu entschieden, elektronische Musik zu produzieren, würde sie heute höchstwahrscheinlich als Breakthrough-Poetin der Generation-Y die Schaubühnen der Welt mit ihren träumerischen Lyrics unsicher machen. Jeder einzelne ihrer Tracks besitzt etwas Poetisches. Ähnlich wie kontemporäre Lyrikerinnen mit literarischen Traditionen rund um Natur, Elegie und Epik spielen und diese mit modernen Themen wie Digitalisierung und expandierender Technologisierung der Welt verbinden, greift upsammy Altes auf und formt ihren ganz eigenen, besonderen Ton damit. Dabei sind ihre Produktionen von der Plastizität der Soundtexturen derIDM-Pioniere Autechre, dem Wehmut Thom Yorks Stimme und einem Stück von Björks Experimentierfreudigkeit geprägt. Artists, deren Produktionen sie selbst inspirieren. Aber auch Aleksi Perälä oder die Video-Sound- und Filmemacherin Bill Viola, Andrey Tarkovsky und Pipilotti Rist, so sagt sie, wirken inspirativ auf Thessas Kreativität ein.
Nachdem upsammy als Produzentin auf Oliver Hafenbauers Label Die Orakel ihre eigene experimentelle Interpretation aktueller Tanzmusik zwischen Leftfield, House und bleepy Elektronika mit Words R Inert und Branches On Ice ablieferte, die ihre Affinität für verträumt-spielerische Synths und melodischen Ambient verraten, manifestiert und entfaltet das Breakthrough-Talent ihren nonkonformistischen Zugang zu präpotenter Klubmusik sowohl auf Releases auf Nous’klaer Audio und Whities als auch als DJ auf dem Dekmantel Festival, der (alten) Griessmühle, der Panoramabar oder dem Robert Johnson. Manche sagen, die Durchstarterin habe sowohl als DJ als auch als Produzentin ihren Signature Style gefunden.


In einer Generation mit Jasss und Josey Rebelle stehend, die für ihre Platten-Potpourris im Klub und Sets für Onlineformate bekannt sind, und doch ganz anders spielen, beschreibt Thessa ihr Konzept so: »Ich halte meine Sets gerne dynamisch und überraschend, wechsle gerne zwischen Rhythmus fokussierten und dann zu melodischen. Ich versuche nicht, mich an ein Genre zu halten, auch wenn das manchmal einfacher erscheint.« Aus diesem Zugang entstehen kontrastive, spannende und zuweilen das Klubmusikgehör fordernde Sets. Es mag für viele Hörer*innen vielleicht offensichtlich klingen, »aber ich versuche so zu mixen, dass nach jedem Track ein Kontrast entsteht, aber auch eine Überlappung mit dem vorherigen, durch die interessante Dynamiken und eine Verspieltheit entstehen.« Mit den Worten »quirky« und »strange« attribuiert sie ihre Klubsets. Dabei steht das Fordern des Publikums jedoch eher im Hintergrund der Einstellung zum Auflegen, es soll vor allem »ein bisschen risikofreudig sein«, meint sie.

Reviews zum Künstler

upsammy hat mit ihren unkonventionellen Mixing-Mixturen einen Platz in der kontemporären Klubkultur gefunden. An ihrem Beispiel tut es ganz gut, zu sehen, dass es eben nicht immer homogene vorwärts to the floor Musik sein muss, die ankommt. Die Amsterdamerin bringt die heutigen Klubgänger*innen zum Schwitzen und zeigt, was funktionieren kann, nicht als Abwechslung, sondern als Nebeneinander. Sie entstammt einer jungen Generation an niederländischen DJs aus Rotterdam und Amsterdam rund um Marsman, Sjoerd Oberman, Oceanic und Konduku, die sich sowohl in den Produktionen als auch beim Auflegen von einem massentauglich-kapitalistischen Gedanken trennen. Wenn man upsammy spielen sieht oder ihre Sets vom Lente Kabinet, dem Crave Festival oder für Truants hört, kann das erfrischend wirken und den Einen oder die Andere auf die eindrucksvolle Stärke des Kleinen im Großen erinnern.