Musikstadt Montréal:
Ein offenes Geheimnis

04.11.2026
Foto: Courtesy of M for Montréal

Montréal gilt seit Jahren als Musikstadt. Doch was macht ihre Vielfalt möglich und wie findet die Musik ihren Weg in die Welt? Eine Schnittstelle ist seit 20 Jahren das Showcase-Festival M for Montréal, das vom 18. bis 21. November 2026 erneut junge kanadische Künstler:innen mit der internationalen Musikbranche zusammenbringt.

Spätestens im Februar 2005 war Montréal kein Geheimtipp mehr. In einem Artikel in der New York Times erklärte der Journalist David Carr Montréal zur nächsten großen Musikstadt. Nach Seattle, Athens, Austin – »even Omaha had its 15 minutes« – war nun also eine kanadische Stadt an der Reihe. Carr behandelte sie, halb im Scherz, als nächsten Schauplatz des amerikanischen Musik-Hypes: »So which American city is the next stop on this fickle, itinerant history?«). Wie auch immer: Godspeed You! Black Emperor, Arcade Fire, The Unicorns – die Musikindustrie hatte einen neuen Sehnsuchtsort entdeckt. Montréal wurde zu einem Label, das auch Bands und Musiker:innen aus Toronto angeheftet wurde, wie etwa Broken Social Scene. Die Szene war größer als ihre geografischen Grenzen. Der Mythos entwickelte ein Eigenleben. Erfunden war er trotzdem nicht.

Laut Volkszählung 2021 sprechen nur 11,9 Prozent der Menschen in Montréal ausschließlich Englisch, 27,2 Prozent nur Französisch, 58,5 Prozent beides. Viele wechselten mitten im Gespräch die Sprache, erzählt Audréane Lafond, die für mehrere Labels, darunter Indica Records, Musik an Film und Werbung vermittelt, und die Musikszene spiegle das wider. Corridor wurden 2019 die erste frankophone Band bei Sub Pop, ohne je ins Englische zu wechseln. Lafond: »Niemand kann seine eigene Sprache fälschen.« Der Haken liege woanders: Das Französisch aus Québec werde im Ausland manchmal noch als regionale Variante gehört, nicht einfach als Französisch.

»Montréal ist auch ein Knotenpunkt«, sagt Emilie Asselin, die zum Management von Angine de Poitrine gehört. Die zwei gepunkteten Mathrock-Aliens stammen aus Saguenay in der Provinz Québec, rund 470 Kilometer nördlich von Montréal, am Fjord gelegen. Die Stadt zählt keine 150.000 Einwohner. Erstaunlich viele Musiker:innen kommen von dort, sagt Asselin. »Manchmal scherzen wir darüber, was wohl im Wasser steckt.« Ihre eigene Theorie ist nüchterner: In einer kleinen Gemeinschaft halten die Menschen enger zusammen, und die Entfernung zu den großen Städten lässt Raum, etwas Eigenes zu entwickeln. Und doch: »Saguenay hat etwas Magisches.« Viele dieser Künstler ziehen irgendwann nach Montréal. International wird daraus dann die »Montréal-Szene«. »›Québec-Szene‹ wäre eigentlich treffender.«

Cheap and cheerful?

219 Livemusik-Venues in Montréal zählt der World Cities Culture Report 2025. Für kleine Spielstätten mit weniger als 1.000 Plätzen und mindestens 35 Veranstaltungen im Jahr hat die Stadt 2025 ein eigenes Förderprogramm aufgelegt. Hinzu kommen 28 Musikfestivals, darunter seit 2000 MUTEK, ein Festival für elektronische Musik und digitale Kunst mit Ablegern von Mexiko-Stadt über Barcelona bis Tokio. Das Festival International de Jazz de Montréal führt das Guinness-Buch der Rekorde seit 2004 als größtes Jazzfestival der Welt; nach Angaben der kanadischen Regierung zieht es jährlich mehr als 1,2 Millionen Besucher:innen an. Dazu kommt eine Labelszene, die von Avant-Rock über frankophonen Pop bis Clubmusik reicht: Constellation, Arbutus und Mothland, Bonsound und Secret City, Prioris NAFF Recordings oder Tigas Turbo Recordings. 64 Prozent der Bevölkerung haben im vergangenen Jahr mindestens eine Livemusik-Veranstaltung besucht.

Audréane Lafond hält das Bild für unvollständig. Montréal sei eine Stadt, in der sich Kreative begegnen. Doch die Spielstätten und Festivals, in denen diese Begegnungen stattfinden, stünden auf wackligen Beinen. Die Nightlife-Policy der Stadt von 2024, zu der auch die Geld für Schallschutz in kleineren Spielstätten gehört, sei ein echter Fortschritt. Aber die Betreiber:innen kleiner unabhängiger Clubs, in denen Newcomer:innen ihre ersten Auftritte haben, sagten: Es reicht nicht. Das Stadtmarketing feiere die Kreativität, erwähne aber selten die Mieten, die Neubauten mit Eigentumswohnungen und die Lärmschutzauflagen, gegen die Künstler:innen und Veranstalter:innen ankämpfen müssen, um ihre Bühnen zu erhalten.

Montréal might eat its young / But Montréal won’t break us down

»This is the Dream of Win and Regine«, Owen Pallett, 2005

Ich blättere durch die Flaneur-Ausgabe von 2014, die sich der Rue Bernard widmet. Das Magazin porträtiert in jeder Ausgabe eine einzige Straße. Die Rue Bernard verbindet über zwei Kilometer die Montréaler Viertel Outremont und Mile End. Dort, wo die Straße auf den Boulevard Saint-Laurent trifft, zieht 1997 Ubisoft, einer der führenden Spielehersteller der Welt, ins Peck Building. In einem Text schreibt der Autor Fabian Saul: »Mile End becomes younger and younger and hipper and hipper and more expensive and more expensive.« Die Kämpfe ums Territorium, so seine Pointe, werden seitdem doppelt geführt: real um Mieten, virtuell in Computerspielen.

In Carrs New-York-Times-Artikel kommt auch Jeff Waye zu Wort. Der kanadische Musikunternehmer erinnert sich an seine Ankunft in Montréal 1991: »When I moved here in 1991, I was living in a nine-and-a-half room apartment with two other people, and I was paying $175 a month.« Kein Vergleich zu heute. Allein zwischen 2019 und 2025 stiegen die Angebotsmieten für Wohnungen mit zwei Schlafzimmern um 70,8 Prozent, von 1.130 auf 1.930 kanadische Dollar. Trotzdem liegt Montréal noch immer unter Toronto und Vancouver. Die Musikerin Lauren Spear alias Le Ren kam nach Montréal, weil es »cheap and cheerful« sei. Montréal fühle sich wie die letzte große Stadt Kanadas an, in der man es sich (»sort of«) leisten könne, Künstler:in zu sein. Für ihr erstes Zimmer habe sie 150 Dollar im Monat gezahlt. »Ich teilte es mit einer Freundin und wir schliefen in einem Bett, haha«, ergänzt sie.

»Die Wahrheit einer Stadt liegt in ihren Bewohnern.«

Simone de Beauvoir

»Jeder spielt in den Projekten der anderen, geht zu den Konzerten der anderen und trägt das Merch der anderen«, sagt Le Ren. Emilie Asselin hält das weniger für Romantik als für eine Notwendigkeit. Musik aus Québec reise schlecht, der Markt sei begrenzt, jede Karriere stoße irgendwann an eine Decke. »Also ist die Szene ziemlich DIY: Sie organisiert sich, wie sie kann, und das bringt die Leute zusammen.«

Dazu kommt öffentliches Geld. Fördermittel können rund die Hälfte eines Projekts finanzieren, sagt David Dubé, Chef des Festivals M for Montréal, wo Grimes, Mac DeMarco und Patrick Watson früh auftraten. Die andere Hälfte müssen Labels und Musiker:innen selbst aufbringen. »Man kann Unterstützung erhalten und trotzdem die Punk-Mentalität beibehalten, Dinge selbst auf die Beine zu stellen«, ergänzt Mikey Rishwain Bernard, der zusammen mit Cindy Andrey M for Montréal kuratiert. DIY mit Netz.

In der Flaneur-Ausgabe, ein paar Seiten vor dem Saul-Text, erkennt der Autor und Schauspieler Mathieu Leroux in der Rue Bernard die ganze Stadt wieder: »Within the two extremes of Rue Bernard stands everything that I love about Montréal: multi-ethnicity, vibrant culture, good architecture, great food, English and French (and Spanish, Italian, Russian, Hebrew, etc.) old and new, rich and not-so-rich, damaged and spotless, queerness—things that don’t matter to you, or that you don’t care for.«

Ein Abend bei M for Montréal 2025, im Les Foufounes Électriques auf der Rue Sainte-Catherine. Hier sollen schon Nirvana gespielt haben, wird mir wieder und wieder erzählt. Doch die Clubs leben von dem, was heute passiert, nicht von dem, was die Wände einst gesehen haben. Drei Stunden, zwei Bühnen: Alternative, New Wave, Hardcore, Reggaeton, Electro-Clash, Noise-Rock und Hip-Hop. Nichts klingt wie das andere, und doch passt alles zusammen. Nicht weil Montréal einen »Sound« hätte, sondern weil das Unbekannte knistert.

Rendezvous im Hinterhof

Wenn M for Montréal läuft, fährt Le Ren mit dem Rad durch die Stadt, erwischt den Anfang eines Showcases und das Ende eines anderen. Mile End, Plateau, Downtown liegen nah beieinander. Drei Konzerte an einem Abend seien normal, sagt Mikey. Die Bars haben bis drei Uhr geöffnet, die Gespräche gehen draußen bis vier weiter. In diesem Jahr steht Le Ren selbst im Line-up. Sie wacht im eigenen Bett auf, spielt ihre Show und ist rechtzeitig zum Baden wieder zu Hause. »That’s rock ’n’ roll baby.«

2025 spielten Angine de Poitrine im Ausgang Plaza vor rund 2.000 Leuten bei M for Montréal. Danach kamen 100.000 beim Montréaler Jazzfestival und 50.000 beim Osheaga. Eine Startrampen-Geschichte? Entdeckt wurde das Duo dort nicht, es war längst im Aufwind, sagt Managerin Emilie Asselin. Im Publikum saß jedoch ein Booker, der die Band heute in Europa und Ozeanien vertritt.

Mikey Rishwain Bernard mag das Wort »Showcase« nicht besonders, es klinge zu sehr nach Industrie. Für ihn ist M for Montréal ein Rendezvous für kreative, offene Menschen: »Natürlich werden Geschäfte gemacht, aber alles beginnt damit, dass Menschen über Musik zusammenkommen.« Cindy Andrey ergänzt, dass das Festival den Künstler:innen Gästelistenplätze gibt, damit auch ihre Freund:innen zu Shows kommen können, die sonst der Branche vorbehalten wären. In einigen größeren Clubs teilen sich Publikum und Delegierte den Raum. Asselin kennt die andere Seite. Als Delegierte sei man oft da, um Geschäfte zu machen, und könne die Musik nicht richtig aufnehmen. »Dann wirkt Musik wie ein Finanzprodukt, etwas Vermarktbares. Ich denke oft darüber nach, und es macht mir ein bisschen Angst.« Ein Showcase bleibe ein kostbares Werkzeug für Künstler:innen. Man müsse nur dafür sorgen, dass es kostbar bleibt.


M for Montréal findet vom 18. bis 21. November 2026 statt. Im Line-up unter anderem: Le Ren, Population II, Suuns, Yoo Doo Right, Zouz.

Dieser Text entstand in Kooperation mit M for Montréal. Vorgaben zum Inhalt gab es keine.

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