Perera Elsewhere – »Ich habe mir extra die Füße nicht eingecremt«

11.11.2013
Foto:Lisanne Schulze / @ FoF Music
Perera Elsewhere hat extra ihr Hemd nicht gebügelt und sich nicht die Füße eingecrémt. Warum diese absurde Information doch so gut zu dem Projekt Perera Elsewhere passt, erklärt unser Interview.

»›Elsewhere‹ ist ein Gefühl, glaube ich. Es ist irgendwo traurig und irgendwo glücklich.« (Perera Elsewhere)

»Oh Gott, bin ich eine laufende Überschrift?«, fragt Sasha Perera aka Perera Elsewhere, als ich ihr sage, dass ich bereits ausreichend gute O-Töne von ihr habe. Das liegt daran, dass die Musikerin ausdrucksstark ist: In dem was sie sagt, in ihrem Styling und mit ihrer Musik. »Everlast« ist ihr Solodebüt. Darauf hat Perera, die mit Robot Koch und Oren Gerlitz als Jahcoozi elektronische Musik macht, ganz auf Sampling verzichtet. Stattdessen trommelte sie in ihrer Küche mit Salatlöffeln auf Müsli-Schüssel herum und nahm das ganze mit einem alten Samsung auf. »Ein altes Shit-Samsung« sagt Perera mit ihrem charmanten Londoner Akzent, der es einem schwer macht, beim Interview nicht darin zu schwelgen und all seine Fragen zu vergessen. Es hat dann doch geklappt. Hier ist das Interview mit der Dame, die mit ihrem Sound nicht nur aus der Reihe der bisher auf Friends Of Friends veröffentlichten Alben tanzt. So klingt das wohl, wenn jemand Popmusik macht, der nie Popmusik dafür aber Quasimoto gehört hat.

Ich möchte zuerst über die visuelle Seite von Perera Elsewhere sprechen: Das Album-Artwork, das Video zu »Bizarre« und dein Styling wirken, als stecke da eine zusammenhängende Idee dahinter. Gibt es diese Idee?
Perera Elsewhere: Es gibt eine zusammenhängende Idee. Es gibt v.a. einen sehr, sehr engen Kumpel von mir, der das ganze Visuelle mit mir gemacht hat. Er heißt Hugo Holger Schneider, er hat auch das »Bizarre«-Video gemacht. Ich kenne ihn seit zehn, elf, zwölf Jahren und wir sind auch musikalisch auf einer sehr ähnlichen Schiene. Der kennt auch meine Musik von vor drei Jahren, als ich angefangen habe diese Musik zu machen. Er hat einfach mitbekommen, wie alles entstanden ist und war daher in einer guten Position, so etwas zu machen. Er schneidet meine Haare, er macht Styling, er macht alles, er näht Klamotten. Ich finde, er hat das ganze »Elsewhere« ziemlich cool aufgenommen.

Das heißt, das ganze visuelle Konzept dreht sich um das »Elsewhere«?
Perera Elsewhere: Ja. Das Album klingt auf eine gewisse Art und Weise »retro«, weil es so Lo-Fi ist. Aber ich finde es klingt auch »futuristic« irgendwie. Er hat das grafisch umgesetzt. Du hast diese alten Platten, aber du hast auch diese fetten neuen Autos [im Video zu »Bizarre«]. Oder du hast meine Schuhe in diesem Styling; das sind meine Birkenstock, die fünf Jahre alt sind und dann habe ich mir extra die Füße nicht eingecrémt – es sieht echt so alt aus.

Wenn man deinen Tumblr anschaut, dann scheint dich diese futuristische Internet-Kunst gemischt mit Retro-Kitsch ja zu faszinieren.
Perera Elsewhere: Genau! Man sieht, dass mein Tumblr nicht groß anders ist, als die ganze grafische Kommunikation bei Perera Elsewhere. Zum Beispiel sind die Farben auf meinem Tumblr schon ausgewaschen…

…anderseits hast du da auch sehr viele grelle Farben gepostet!
Perera Elsewhere: Ja, grell und ausgewaschen (lacht). Das ist wie mit dem Sound: Das ist schon »futuristic«, das ist nicht nur Melancholie, es gibt schon diese »weirden« Elemente. Es ist psychedelische Musik und die ganzen Visuals und mein Tumblr ist auch psychedelisch.

Das passt gut zu Friends Of Friends Music, wo dein Album erschienen ist. Die haben ja auch oft Artworks in diesem Stil. Die letze Shlohmo-EP [Laid Out EP] zum Beispiel.
Perera Elsewhere: Ja, das stimmt! Ich mag die Grafik der Shlohmo-EP. Dass alles so surrealistisch in der Luft hängt. Aber v.a. habe ich ganz viele Videos von anderen Leuten gesehen, von denen ich gesagt habe: Ich will nicht, dass mein Zeug so aussieht. Es gab so viel Nebel! So viel Instagram. Genau das wollte ich nicht.

»Am Anfang, hat Leeor schon gesagt, »maybe we should put beats on it«, aber ich so, »ne, ne, ne, no beats!«, weil sonst hätte ich das auch einfach als Jahcoozi-Ding laufen lassen können… « (Perera Elsewhere)

So einen Release wie Deinen gab es ja davor auf dem Label noch nicht. Auf den Alben waren ja immer Beats.
Perera Elsewhere: Am Anfang, hat Leeor [Leeor Brown, Labelchef von FoF Music] schon gesagt, »maybe we should put beats on it«, aber ich so, »ne, ne, ne, no beats!«, weil sonst hätte ich das auch einfach als Jahcoozi-Ding laufen lassen können…

Das ganze Klangbild von »Everlast« klingt für mich, als hättest du eine klare Idee gehabt…
Perera Elsewhere: Es ist witzig, dass es so klingt, weil ich habe das einfach angefangen, ohne wirklich zu überlegen: Das ist meine Solo-Platte! Ich hatte eine Gitarre und ein gutes Studiomikrofon bei mir. Ich habe z.B.l die Gitarre im Raum aufgenommen, kein Line-Out benutzt. Deswegen kommt der ganze Reverb da rein. Zum Beispiel der Synthie in »Drunk Man«: Das ist ein Keyboard von Roland, das habe ich auch ohne Line-Out aufgenommen. Mit Absicht. Weil ich dieses Gefühl von Raum haben wollte.

Ich finde den Sound des Album ohnehin spannend: Einerseits klingt es sehr eingängig, andererseits individuell und anders. Ich stelle mir das als große Herausforderung vor, diese Mixtur so hinzubekommen.
Perera Elsewhere: Ich glaube, das kommt daher, dass es ohne Absicht ›deconstructed pop‹ ist. Es ist das erste Mal mit dieser Platte, dass ich die Melodien zu einhundert Prozent selber kontrolliere. Daher kommt dieser Song-Faktor, glaube ich. Aber eigentlich war es Zufall: Irgendwann habe ich die Stimmen gepitcht und gedacht, »uh, nice«. Wahrscheinlich kommt es auch daher, dass ich auch so weirden Hip-Hop höre oder so; ich habe früher auch Quasimoto gehört. Viele Sängerinnen haben wahrscheinlich so etwas nicht gehört und dann würden die ihre schöne Stimme nicht pitchen. Aber ich fand‘s super – natürlich (lacht).

Inhaltlich schwankt das Album ja zwischen völliger Desillusioniertheit und Hoffnung.
Perera Elsewhere: Das hast du sehr gut analysiert.

Könnest Du eine Gesamtaussage des Albums zusammenfassen?
Perera Elsewhere: Schwierig, weil man zwischen diesen zwei Welten gefangen ist. Einerseits ist man sehr desillusioniert, und das kann man auch sein. Anderseits sagt man: »Hey komm, es gibt ja Actress, es gibt ja Shackleton – schonmal gut!«. Es ist menschlich: Man hat Höhen und Tiefen und das immer noch so ein bisschen Idealismus. Ich finden meinen Idealismus sehr durch die Musik. Ohne Musik wäre ich glaube ich nur pessimistisch, ehrlich gesagt. Also keine große Aussage, ich bin genauso verwirrt wie alle anderen Leute.

Wo ist den »Elsewhere« beziehungsweise wo ist es nicht?
»Elsewhere« ist auf jeden Fall nicht auf der Bühne mit Jahcoozi, das ist auf jeden Fall klar (lacht). »Elsewhere« ist auch nicht hinter der DJ-Booth, wo ich auflege. »Elsewhere« ist ein Gefühl, glaube ich. Genau wie du gesagt hast: Es ist irgendwo traurig und irgendwo glücklich. Es hat viel mit Emotionen zu tun und mit Träumen, die existieren und Träumen, die nicht existieren. Es ist irgendwie ›out of reality‹ und es ist auch eine Anekdote darüber, was ›Shit‹ ist. (lacht)

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