Records Revisited: Slint – Spiderland (1991)

27.03.2016
Slint waren bei Veröffentlichung von »Spiderland« 1991 bereits Geschichte. Aufgelöst. Dem Mythos um dieses Album konnten auch mehrere Reunions nichts anhaben. Über eins der besten merkwürdigen Alben, das den Sound des 21.Jahrhunderts formte

Am Ende will es jeder gewusst haben – aber im Fall von Slint lässt sich tatsächlich festhalten, dass es nur eine Person gewusst hat. Bereits im Dezember 1990 lösten sich Slint auf. Wenige Wochen vor der Veröffentlichung ihres zweiten Albums »Spiderland«. Tour und Promotion für die Platte fanden deswegen nicht statt, die Radiosender spielten die Songs der Band nicht. Im ersten Jahr nach Release verkauften sich von »Spiderland« nicht einmal 5.000 Exemplare. Wer sollte diese Band aus Louisville im US-Bundesstaat Kentucky überhaupt bemerken?

Entsprechend der Umstände gab es kaum Rezensionen in größeren Musikmagazinen der damaligen Zeit. Einzig eine Review mit gerade einmal 600 Wörtern im britischen Melody Maker gab der Platte zehn Sterne. Autor des Textes: Steve Albini, der auch das erste Album »Tweez« von Slint produziert hatte. »In zehn Jahren wird dieses Album ein Meilenstein sein und ihr werdet euch darum prügeln müssen, ein Exemplar zu kaufen.« Zumindest mit dem ersten Teil sollte Albini recht behalten.

Vom kalten Post-Punk des Vorgängers verabschiedeten sich Slint für »Spiderland« gänzlich. Die sechs Songs auf diesem Album hätte auch von einer gänzlich anderen Band stammen können. Denn hier war auf einmal eine bis dahin vollkommen unbekannte Dynamik vorhanden – für jegliche Form der Gitarrenmusik. Die Lyrics sprach Brian McMahan eher, wenn er sie nicht doch lieber gleich schrie. Bereits im Opener »Breadcrumb Trail« wechselt das Tempo mehrfach, mal erzählt McMahan eine fantastische Liebesgeschichte, mal kreischt er die Gefühle der Personen im schönsten Ausdruck in den imaginären Nachthimmel eines Jahrmarkts.

Das Besondere bei Slint jedoch: Es sind eher Kurzgeschichten und weniger einzelne Eindrücke, die ihre Texte auszeichnen. Trotzdem sind die sechs Songs auf »Spiderland« keine vertonten Erzählungen, sondern Text und Musik gehen eine bis dahin nicht gekannte Symphonie ein, Worte wie zerschmetterte Gitarrentöne fliegen über die Drums, bis eine Melodie das Geschehen übernimmt, nur um im nächsten Augenblick doch wieder alles einzureißen.

Text und Musik gehen eine bis dahin nicht gekannte Symphonie ein, Worte wie zerschmetterte Gitarrentöne fliegen über die Drums, bis eine Melodie das Geschehen übernimmt, nur um im nächsten Augenblick doch wieder alles einzureißen.

Genau diese Wechsel, die Wandlungen innerhalb eines Songs, die karge Produktion, die Ablehnung jeglicher Mechanismen und Mythen bis dahin bekannter Rockbands machte »Spiderland« zu einem Meilenstein. Mit »Loveless« von My Bloody Valentine und »Nevermind« von Nirvana erschienen im selben Jahr zwei weitere wichtige Alben der Rockgeschichte, doch nur »Spiderland« hört sich noch heute so losgelöst von dieser Zeit an, dass sein Sound keine nostalgischen Gefühle auslöst.

»Das Album hat so viele Momente für mich«, sagte Stuart Braithwaite von Mogwai dem Online-Magazin Clash vor sieben Jahren über »Spiderland«. Der Einfluss von Slint auf die schottische Band lässt sich vor allem auf ihren ersten Alben noch deutlich hören. »Es ist ein bisschen wie eine Reise, nicht wahr? Aber ich nehme an, dass sich alles auf ›Good Morning, Captain‹ konzentriert, das einfach niederschmetternd ist. Es ist ein Ende, das man nicht wirklich erwartet, nach dem, was vorher kam.«

Die karge Produktion lässt die Drums wie völlige Fremdkörper in diesem Song wirken, die Gitarre beißt sich mit jedem Ton mehr und mehr fest. »Good Morning, Captain« hält auf siebeneinhalb Minuten die Kräfte zusammen, die diesen Sound dann am Ende doch auseinanderbrechen lassen. Und in jedem Ton klingen bereits all die ganzen Post-Rock-Alben an, die in den Jahren danach in den unterschiedlichsten Teilen der Welt entstehen sollten.

Slint waren Teil der Punkrock-Szene in Louisville, sie spielten vielleicht dreißig Konzerte, bevor sich die Band dann nach den Aufnahmen zu »Spiderland« auflöste. Wer Informationen zu diesen mysteriösen Musikern haben wollte, musste lange suchen. Doch noch etwas machte »Spiderland« fast einmalig: Jeder Hörer soll nach dem Genuss der Platte eine eigene Band gegründet haben. Eine Legende, die sonst nur das erste Album von Velvet Underground und Nico von 1967 umweht.

Slint
Spiderland
Touch & Go • 1991 • ab 20.99€
Das Informationszeitalter hat sich aber natürlich auch längst »Spiderland« vorgenommen. Neben einer Reissue mit zahlreichen Bonustracks erschien 2014 bereits die Dokumentation »Breadcrumb Trail«, Slint tourten dann per Reunion ebenfalls ein paar Mal. Allerdings werden Slint wohl kein neues Material mehr aufnehmen. Was vielleicht auch ganz gut ist. Denn die sechs Songs von »Spiderland« stehen für sich. Und für alles, was danach noch kommen sollte. Selbst wenn Slint dafür nicht mehr selbst Musik machen mussten.

»I’m the only one left
The storm took them all«

(Slint – Good Morning, Captain)


Die Musik von Slint findest du im [Webshop von HHV Records](https://www.hhv.de/shop/de/slint-rock-indie/p:DdRaaF.)

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