Zwölf Zehner – April 2014

09.05.2014
Willkommen im Mai. Doch vorher lassen unsere Kolumnisten vom Dienst den Monat April musikalisch Revue passieren und destillieren in ihrer Kolumne Zwölf Zehner die wichtigsten zehn Tracks des Monats.
Daywalker + CF
Supersonic Transportation
L.I.E.S. • 2014 • ab 8.99€
Willie Burns, Entro Senestre, L.I.E.S. – rumgeeiert wird woanders. Und hatte ich noch vor kurzem hier geunkt, dass sich Morelli durchaus mal wieder öfter Hits auf seinem Label gönnen dürfte, ist der hier dargebotene Cymbal-Stomper derart euphorisch, dass Soundcloud-Kommentare schon zaghaft die Vokabel “Ibiza” (mit Fragezeichen im Anschluss) für »Supersonic Transport« gebraucht haben. Theoretisch sollte sich der gemeine Rave-Touri nicht zu sehr wundern, wenn der Sväääään oder der Hel(l)mut mal Bock auf eine Herausforderung in der Peaktime haben. Unwahrscheinlich und nicht unbedingt der Ort an dem sich Daywalker & CF selbst sehen würden, aber durchaus illustrierend wieviel Euphorie hier transportiert wird, ohne auch nur eine Sekunde banal zu sein. So, lieber Gerd Janson, spiel das dann bitte heute abend in Köln, mkay?

Daywalkers + CFs »Supersonic Transport« auf Soundcloud anhören

Ja, wir drehen uns hier bisweilen im Kreis. Auf die L.I.E.S. Maxi folgt der nächste Actress Remix, auf den Actress Remix die nächste Apron Maxi. Aber was willst du auch machen, wenn dieser Typ nach seiner Öltanker-Dystopie für Forever Forever den nächsten wahnwitzig strukturierten Next Levelismus aus dem Granddad-Kragen schüttelt? Eben. Autistisch und metallisch beginnt das, begleitet von einem dieser ganz weit weg lamentierenden Burial-Vocalsamples, ehe irgendwann schwebende Akkorde etwas Hoffnung unter Actress’ notorischen Zwangspessimismus legen. Ganze dreieinhalb Minuten dauert es, bis ein seltsames Drum-Staccato jäh in sich zusammenbricht und danach wieder und wieder gegen das Metrum kämpft. Zäh ist das, die verrottenden Überreste von UK Garage auf die ein John Doe irgendwo in einer Lewishamer Unterführung gerade uriniert. Ein typischer Actress halt.

Forever Forevers »Play Fights (Actress Remix)« auf Youtube anhören

Lone
Reality Testing
R&S • 2014 • ab 19.54€
Geil, Lone hat wieder Bock auf Hip Hop. Oder wie soll man »2 for 8« sonst deuten? Nach seiner postnatalen Aufarbeitung von Manchester und Rave-Tropen aller Couleur ist es nun das Anliegen von Matt Cutter Chicago House, Detroit Techno und Hip Hop so miteinander zu verknüpfen, dass sie vollends eins werden. Ein hehres, wenn nicht vermessenes Ziel, dem er mit der ersten Single aber beeindruckend nahe kommt. 1 for 1. Wir zählen weiter mit.

Lones »2 is 8« auf Soundcloud anhören

Über zehn Jahre her, da verkündete the Purple One aus Minneapolis »the greatest romance ever been told«. Ein Romantiker war er schon immer, mein Prince. Und an Superlativen mangelte es ihm bekanntlich ja ohnehin nie. So kommt es wie es kommen musste, dass die große Romanze sich ins größtmögliche Gegenteil kehrt. Listen to me closely as the story unfolds, this could be the saddest story ever been told. Was für ein Drama. Aber Drama, das kann er. Balladen sind doch einfach sein Ding. Leiden will gelernt sein. Gerade wenn er in seinem unvergleichlichen, Seelenqualen leidenden Falsetto über die Streicher darbt. Das erinnert an die ganz großen Momente seiner Karriere, an »Adore«, »Joy in Repetition« oder »Sometimes it snows in April«. Der beste Prince-Song seit Jahren.

Princes »The Breakdown« auf Youtube anhören

Sandra Electronics
Want Need
Minimal Wave • 2014 • ab 22.09€
Veronika Vasicka hat mal wieder jemanden herausgekramt. Diesmal im Schlepptau: Sandra Electronics, deren »Protection Now« Ende April auf Minimal Wave seine Blaupause fand. Ob 1984, 2004 oder 2014 produziert, auch egal, aber diese unverkennbare Cold-Wave-Eleganz, einfach wunderschön, quasi das Dior unter den Musikstilen. Zeitlos. Dass es sich bei genauerer Betrachtung um eine Coverversion handelt, die Martin Rev’s bestechendes »Baby, oh baby« vom Tempo, Vocal und Verstärker befreit, sei anstandshalber auch noch erwähnt. Einfach beide Platten kaufen, lohnt sich!

Sandra Electronics* »Protection Now« auf Soundcloud anhören

Funkineven editiert zum diesjährigen Record Store Day einen Yellow Magic Orchestra Klassiker und das Tag Team Aigner/Okraj verteidigt seine Copies wie schon bei Chips mit Messer zwischen den Zähnen und Schweiß auf der Stirn. Nun ist Mad Pierrot schon im Original durchaus fordernd, aber wieviel Nachdruck Funkineven hier wieder mit seinen Trademarks in diese proggige Disco-Oper bringt ist wieder erstaunlich. Shout Outs auch an das manisch effektive On Record Equalizing, Theo wäre Stolz.

Funkinevens »YM2« auf Soundcloud anhören

Moon B
II
Peoples Potential Unlimited • 2014 • ab 18.99€
Wir finden ja alles geil was Moon B macht, aber wenn er wie auf »Ambassador Crazy« seine Lo-Fi-Boogie-Ästhetik mit dieser Deepness früher obskurer Chicago-Platten verbindet und dabei fast noch naiver klingt als beispielsweise ein Melodious Myles vor bald dreißig Jahren, dann verbitten wir uns auf Jahre die leidige Diskussion um die Sinnhaftigkeit des grassierenden Vintage-Fetischismusses.

Moon Bs »Ambassador Crazy« auf Spotify anhören

Timber Timbre
Hot Dreams Limited Edition
Full Time Hobby • 2014 • ab 22.99€
Und nochmal Timbre Timbre, nachdem die Kanadier bereits hier und hier als April-Highlight ausgemacht wurden. »Curtains« ist neben «Hot Dreams« vielleicht die offensichtlichste Single des Albums. Das liegt nicht nur an der unglaublichen Sleaziness der Vocals, einem funktionalen Refrain und einer Koda, die sich fast schon zu sehr für einen neuen Tarantino aufdrängen würde. Nein, noch viel mehr vergisst man Curtains nie wieder, weil das Instrumental klingt als hätte RZA Dean Blunt ins Studio geprügelt und dessen Konsumverhalten auf biologisches Angebautes umgestellt. Schmutzig klingt das, aber auch so catchy, dass danach El Michels Affair CREAM spielen könnten und trotzdem niemand fremdeln würde. Toll, hömma, toll!

Timber Timbres»Curtains« auf Youtube anhören

A Made Up Sound
Night Owl
The Trilogy Tapes • 2014 • ab 15.99€
Einhundertdreissig Schläge die Minute (mindestens) zählender Peaktimetechno. Kompromisse geht man im Hause Trilogy Tapes nämlich gar nicht erst ein. Also brettert A Made Up Sound direkt los, wummert eine gewaltige Bassline um die ohnehin schon druckvolle Kickdrum, die Hi-Hats zischen unverdrossen gleich mit. Wie gesagt, keine Kompromisse. »Situation« ist vor allem aber das Sample, das hier im Hintergrund halftime lauert, ein kurzer, zerhackter Gitarrenakkord, der etwas Größeres andeutet. Die Spannung geht schon ins Unermessliche. Dann Break, halftime, eine Stimme ertönt: I really don’t understand, the situation, situation, situation. Say what, er ist es wirklich, das Chamäleon, David Bowie. kurzes Junglebreak. Weiter gehts, die Kickdrum setzt wieder ein, synchron auf das zerschnittene Vocalsample. »Situation«, »situation«, »situation«. Was für eine diabolische Symbiose. Peaktime!

A Made Up Sounds »Situation« auf Youtube anhören

Und noch eine Dame, siehe Sandra Electronics, die einer gewissen Eleganz im Sound sich verpflichtet fühlt. Kyoka, ihreszeichen Japanerin im freigewählten Berlinschen Exil, verwandelt im Handumdrehen ein leicht glitchiges (ja, furchtbares Wort), klick-klackerndes Soundgebilde binnen drei Minuten zu einem grazilen Housegebilde, das leider abrupt ein Ende findet. Dazwischen aber wundersame Magie, hauchende Stimme, warme Chords und zärtliche Dissonanzen auf allen Ebenen. Ein Album auf Raster-Noton erscheint ganz bald, auch hier die Empfehlung: »Mind the gap« and the rest will follow.

Kyokas »Mind the Gap« auf Soundcloud anhören