Zwölf Zehner – August 2011

02.09.2011
Willkommen im September. Doch vorher lassen Florian Aigner und Paul Okraj den Monat August musikalisch Revue passieren und destillieren in ihrer Kolumne Zwölf Zehner die wichtigsten zehn Tracks des Monats.
Magic Touch
I Can Feel The Heat
100% Silk • 2011 • ab 15.99€
Bereits letzten Monat kamen wir nicht umhin eine kleine Ode an Ital anzustimmen und auch in dieser Ausgabe werden dessen idiosynkratische House-Entwürfe hier wieder Erwähnung finden. Das Rampenlicht aber gehört diesen Monat seinem Mi Ami Bandkollegen Damon Palermo, der als Magic Touch ungeniert den frühen Neunzigern frönt und mit Clubhouse nun einen Tune programmiert hat, für den Lady Miss Kier damals getötet hätte. Ein super offensichtliches, aber gänzlich unironisches House-Piano, in bester MK-Tradition tranchierte Vocals von Honey Owens, naive Rave-Stabs, eine wundervolle Breakbeat-Exkursion, ein unprolliger Hands-In-The-Air-Breakdown, eine Synth-Melodie, die im Morgengrauen verpeilt aus der Hacienda gestolpert ist und ein völlig unerwartetes Postlude – hier passiert in sieben Minuten mehr als auf vielen Dancemusik-Alben. Und wem es immer noch nicht aufgefallen ist: 100% Silk avanciert spätestens hiermit zum Blindkauf-Label.

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Jay-Z & Kanye West
Watch The Throne Deluxe Edition
Def Jam • 2011 • ab 21.99€
Die eingespielte Kritik an Hovas und Yeezys Mammutprojekt Watch The Throne wird auf Lift Off ad absurdum geführt. Opulente, verschwenderrische Produktion, deren aufgeblähter Bombast gleich sechs verschiedene Produzenten auf der Gehaltsliste stehen hat? Aber sicher! Uninspirierte, banale Reimkunst, bei der sich beide Protagonisten gegenseitig nur wenige Bars gönnen, begleitet von einer übertriebenen Hookline Beyoncés? Go for it! Zuletzt: Autotune? Hatte Jay-Z nicht dessen Tod propagiert? Doch was interessiert diese Big Player das Geschwätz von gestern? Sollen die anderen doch in irdischen Dimensionen denken, wir nicht. Warum auch? Wenn sich zwei Künstler zusammentun, die die Forbes-Hip-Hop-Liste auf #1 und #3 gleich unter sich aufteilen, darf Genussfreude – Haters gonna hate und hehaupten Prasserei – betrieben werden. Nach uns die Sintflut, sie sind nicht mehr von dieser Welt: »We gon’ take it to the moon, take it to the stars – How many people you know can take it this far? – I’m supercharged – I’m ’bout to take this whole thing to Mars.« Und die Hater? Die twittern dennoch weiter.

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Ital
Only For Tonight
100% Silk • 2011 • ab 11.99€
Mit Candi Statons Acapella You got the love liegt man ohnehin auf der sicheren Seite, dafür gibt es in der Popgeschichte Beispiele zu Genüge.
Doch nicht nur dieses unverkennbare Stück Vocalgeschichte alleine macht Itals Saviour’s Love Megamix seiner neuen Single Only For Tonight zu diesem dekorativen und hymnischen Farbspektakel Es ist die Synthese des bedeutungsschwangeren Vocals mit den vielen oszllierenden analogen Synthesizern, die melodisch das Seelenleben des Gesangs destillieren, der Sinne beraubt nach Liebe dürsten und benommen den Heiland heraufbeschwören.

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Erst Roy Davis JR., dann Marc Kinchen, jetzt Colonel Abrams. Omar-S hat Gefallen daran gefunden, alte Clubklassiker auf seinem Label FXHE neu zu veröffentlichen oder – wie im Falle der gemeinsamen Maxi mit Detroit-Veteran Colonel Abrams – verdiente alte Recken wieder zurück in den Fokus zu rücken.†¨ Zugegeben: Colonel Abrams ist auch 2011 aus der Clubszene nicht wegzudenken. Allerdings beschränkt sich diese Dauerhaftigkeit lediglich auf die immerneue Konservierung seines Klassikers Trapped. Omar-S, dessen Analogarien Kollege Aigner und ich ohnehin schon ausnahmslos verfallen sind, macht hier nicht mit und lädt Colonel Abrams für neues Material gleich in die Gesangskabine. Ergebnis: Ein typisch reduzierter Omar-S Basistrack, mit wohlklingendem runden Bass, akademisch ausarrangierten Hi-Hats und unverwechselbar verzerrten Snares, dazu ein Amp Fiddler an den Rhodes in Höchstform. Als ob das nicht schon genug wäre, lebt der Track von der schauervoll inspirierten Stimme Abrams, die aus ihrem eigentlichen Kontext gerissen, weil man sie immerzu im Hi-NRG-Dance-Pop der Spätachtziger anordnet, zu höheren Weihen ausholt. Warum kam vorher nie jemand auf die Idee, dem Mann, der hier anmutig im Selbstgespräch-Sermon über die Liebe sinniert, House Music auf den Leib zu schneidern? Rhetorische Frage wohlgemerkt, die mit mit dem Titel des aktuellen Albums Omar-S präzise beantwortet werden kann: »It can be done – but only I can do it.« Yes, you can, Omar!

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Game, The
The R.E.D. Album
Geffen • 2011 • ab 16.99€
Schon wieder Nas in den Zwölf Zehnern? Nun gut, wir wollen keine neue East/West-Fehde mit diesem Vergleich provozieren, doch so nonchalant The Game auf Born In The Trap hier über einen Premier-Beat seine Aggressivität im Zaum hält und demungeachtet galant zum Rundumschlag gegen Rapper ausholt, die mit Swag statt Skills von sich Reden machen, das erinnert bisweilen an Nasir Jones in Höchstform. Entspannt darf The Game auch sein, schließlich spült ihm sein Debüt The Documentary aus dem Jahre 2005 immer noch frisches Geld in die Kassen. Wohin damit? Teure Halsketten? Nah, The Game verzichtet und macht lieber Urlaub im Erdbebengebiet auf Haiti um den Ärmsten unter den Armen zu helfen. Tatsache, vielleicht zieht er auch mit Wyclef in den Präsidentschaftswahlkampf. Auch seiner frischgeborenen Tochter Katrina gibt er nur das beste mit auf den Weg, damit sie irgendwann mal an der Spitze der FEMA (Federal Emergency Management Agency) die Zerstörung historischen Ausmaßes in New Orleans in ein neues Eldorado wandelt. Und Premier? Der weicht für The Game von seiner Formel der letzten Jahre ab und produzierte etwas, was eher klingt wie eine Light-Version seines O.C.-Klassikers My World oder The Format 1.5.

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John Talabot / Session Victim / Kornhead (Jacob Korn & Cuthead) / Pional
If This Is House I Want My Money Back 2 EP 1
Permanent Vacation • 2011 • ab 7.99€
Ach, dieser Talabot wieder. Sommerliches Sample, geschnitten und in ein Endlosloop gepackt, behutsam einen immer dringlicher werdenden Percussion-Dschungel hinzugefügt, das Vocal-Sample langsam aber sicher als Exstasegarant hinzugefügt und mannigfaltig gefiltert, wiederholt und ausgedehnt. Macht der ständig und immer wieder funktioniert das. Dieses Mal sogar mit ungewohnt forschen 118 BPM und einer weniger balearisch groovenden als viel mehr Tabula Rasa machenden Kickdrum, die sicherstellt, dass auf der Tanzfläche keiner der Aufforderung des Titels nachkommt.

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So weit ist es also schon gekommen im Thank You, Based Swag-Zeitalter. Harlem klaut Komparsen aus Rebecca Black Videos, bedient sich bei Cam’rons ehemaliger Lieblingsfarbe, zitiert mehr oder minder offensichtlich Swishahouse-Superhits und hat auch nichts gegen solch herrlich dämliche Künstlernamen wie ASAP Rocky. Purzle Swag verbindet dabei so gekonnt wie wenige Tracks zuvor den Houston’schen Gangsta-Lean mit Lil B’scher Weirdness und darf sich genau deswegen auch nach wie vor einer der abgenudelsten Vokabeln der letzten Jahre bedienen ohne dabei purpur anzulaufen. Swag!.

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Vom Gros der Radiohead-Remix-Offensive durfte man bislang durchaus enttäuscht sein, vor allem angesichts der Tatsache, dass Thom Yorke, der alte Berufshipster, bei der Auswahl der Köpfchendreher mal wieder so viel Geschmack bewies (oder beweisen ließ). Das vierte Vinylpaket erfüllt nun aber endlich die exorbitanten Erwartungen. Neben Sheds Beitrag sticht hierbei vor allem der klaustrophobische, Vocals nur noch erahnen lassende Thriller Remix aus der Masse der uninspirierten Neubearbeitungen heraus. Ungeklärt bleibt, ob nun Actress oder Lukid (oder doch beide?) diesen sehr detroitig-pulsierenden Housegeist gerufen haben, aber das bleibt schlussendlich Erbsenzählerei.

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Lukid
Spitting Bile EP
Glum • 2011 • ab 7.99€
Lukid macht verschwurbelte House-Musik. Das war nicht immer so. Bis zu seiner letztjährigen ebenfalls auf Glum erschienenen Single Blind Spot/Boxing Club, versuchte sich Lukid meist an ebenso unberechenbar arrangierten, aber wesentlich langsamer torkelnden Post-IDM-Collagen. Genau diese Erfahrungswerte kommen ihm nun zu Gute. My Teeth In Your Neck ist ein an der Oberfläche nassforsches, röhrendes Brett, das von einem scharf gesetzten Vocal-Sample und einer mäandernden Synth-Figur durchzogen wird, Claps und Snares in bester britischer Tradition immer eine halben Schlag neben den Takt setzt und dabei dennoch noch so verdammt sexy klingt. Und den obligatorischen Actress-Vergleich wären wir damit also auch umgangen.

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Wenn im August 2011 ein Track im Facebook-Stream immer wieder von sich Reden macht, gerade bei Freunden, die mit ihrer Musikwahl gerne den einen oder anderen Facepalm provozieren, dann darf man sich getrost sicher sein: Sommerhit! Der Legende nach hörte Innervisions-Mitbetreiber Dixon Osunlades Envision während dessen Sets auf dem Detroit Electronic Music Festival im Jahre 2009 und sicherte sich die Rechte daran umgehend – während Osunlade noch auf der Bühne stand. Zwei Jahre sind seither vergangenen, ehe Envision im Gewand dreier Remixe der Labelbetreiber höchstpersönlich als Katalognummer 35 auf dem geschätzten Berliner Label eine Heimat fand. Dixons ebenfalls hervorragenden Remix in Ehren, gilt hier dem Âme-Mix die volle Aufmerksamkeit. In einem typischen Âme-House/Techno-Hybrid, der guten alten Wild-Pitch-Schule verpflichtet, schichtet sich hier der Groove Ebene für Ebene auf und weiß vor allem die entzückende Vocal-Spur akkurat in Szene zu setzen. Absonderlich dicht und deep im Sound vollzieht der Track zur Mitte hin einen Wandel und zielt mit aufdringlichen Bleeps auf die Raveflächen dieser Welt.

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