Zwölf Zehner – Januar 2015

02.02.2015
Willkommen im Februar. Doch vorher lassen unsere Kolumnisten vom Dienst den Monat Januar musikalisch Revue passieren und destillieren in ihrer Kolumne Zwölf Zehner die wichtigsten zehn Tracks des Monats.
Omar S
I Wanna Know feat. James Garcia
FXHE • 2015 • ab 14.99€
Wir haben es häufig genug gesagt, aber Omar-S neue Single »I wanna know« erfordert es mal wieder aufs Neue, das folgende Prädikat zu konstatieren: Er ist einfach der Allergeiste! Posiert auf dem Anwärter auf das Cover des Jahres als elektrisierter Technoprophet (»Keep Techno FXHE«) vor den digitalen Umrissen seiner geliebten Motor City, und gießt dann unwiderstehlich sexualisierten Vocal-House in die schwarzen Rillen. Klar, wo Omar-S drauf ateht, da ist Omar-S drin, seine Signaturesynth ist unschwer zu erkennen. Hört man genauer hin, lässt sich »I wanna know« aber auch als eine Hommage an die 80er-House-Supergroup Ten City deuten. Quasi ein Marshall Jefferson Gedächtnisgroove . Und der/die gehören mitunter eben auch zu den Allergeilsten. Aus der Hood auf die Eins, brahh!

Omar-S’ »I Wanna Know« auf Youtube anhören

Inoue Shirabe
You Don't Know My Lightcycle
Antinote • 2015 • ab 8.99€
Nach Omar-S’ verfrühtem Sommerhit legen wir uns in die Eiswanne mit »You Don’t Know My Lightcycle«. Inoue Shirabe debütiert hier mit einem bleepigen Techno Track, der forsch jackt, aus dem sich aber auch nach und nach eine kryptische Synthfigur schält, die in etwas so klingt als hätte sich Fox Mulde in Shibuya verlaufen und dort in einem sterilen Bordell mit Alienembryos gekuschelt. Und das sind nur die ersten vier von acht Minuten…

Inoue Shirabes »You Don’t Know My Lightcycle« auf Youtube anhören

Ich muss zugeben, dass ich Preston Harris bislang nicht auf dem Schirm hatte, obgleich ich ebenso wenig weiß, ob man Preston Harris auf dem Schirm haben musste. Preston Harris wiederum hat Hit-Boy nicht nur auf dem Schirm, sondern direkt am Beat. Der gibt »Love Crazy« die entscheidende Wandlung, tauscht in der Mitte den Beat und damit die Stimmung und verleiht der schmalzigen Operette über eine Teenagerliebe die nötige Attitüde, als wäre er gleich bei Terius-The-Dream-Nash in die Lehre gegangen. Alleine deswegen habe ich Preston Harris jetzt auf dem Schirm und rate ihm, Hit-Boy als exklusiven Produzenten für sein Debütalbum zu verpflichen, sonst läuft er Gefahr der nächste Bobby Valentino zu werden.

Preston Harris” »Love Crazy« auf Soundcloud anhören

I wanted to make a streetwise record that was also solid and simple, like a brick or those weird fluorescent light tubes in the subway. They give off this weird hum that you hear only when you’re alone in the station between trains late at night. I wanted to make a record that evoked that experience. So so, Anthony. Für ins klingt »Abrazo« eher wie Pépé Bradocks Inseltrack »Deep Burnt« mit einem veritablen Kater oder Andres’ »New 4 U« mit einer Zwangsneurose, aber U-Bahn-Romantik lassen wir uns auch gefallen.

Anthony Naples’ »Abrazo« auf Soundcloud anhören

Rome Fortunas »Pure« wurde zwar bereits im November veröffentlicht, die Erhabenheit des von Jacques Greene inszenierten, kontemplativen Lamentos musste aber erst über den kalten Januar wachsen. Rome Fortune, der kurz vor einer einmonatigen Gefängnisstrafe steht, leidet hier genau so wie man das im Rap-Kontext tun sollte, seine Breitbeinigkeit nicht aufgebend, aber dennoch mit soviel Schmelz in der festen Stimme, dass er sich den abschließenden Nuschelmonolog redlich verdient hat.

Rome Fortunes »Pure« auf Youtube anhören

Demdike Stare
Testpressing #007
Modern Love • 2015 • ab 14.99€
Klar dieses gebrochene Hybridding aus Jungle und House, das kam vor zwei Jahren wieder in Mode und weckt heute niemanden mehr hinter dem Ofen hervor. Und dann kam im Januar Demdike Stare. Mit ihm ein Speed-Garage-Groove, post-dubstep-everything, ein Vocalsample und der Amen-Break. »Patchwork« my ass. Neunziger-Veteranen kennen das, das haben Bangalter und van Helden zwischen 1996 und 1999 vielmals durchexerziert, etwa hier hier hier oder da Gerade deshalb aber ist »Patchwork« in seiner Absonderlichkeit so charmant, weil es dieses sperrige Samplewerk ungefiltert vor die Füße schmeißt und dabei penetrant funky bleibt. Killerplatte.

Demdike Strikes »Patchwork« auf Youtube anhören

Vielen Dank, Frau Hauff, so kriegt man seine Einflüsse unter ein Dach. »C45P« rattert los wie eine Liaisons Dangereuse B-Seite, klöppelt die Rimshots wie eine Gherkin Gerks Maxi und daddelt dazu eine Arcade-Melodie von solcher Einfacheit ein wie man sich das in Detroit seit den Gründertagen nicht mehr traut. Schön, weil sich hier Kopf und Hüfte nicht so im Weg sind wie man das häufig von all diesen neueren europäischen Produzenten kennt, für die Psychosen anscheinend erstrebenswerter sind als Ekstase.

Helena Hauffs »c45p« auf Soundcloud anhören

Jex Opolis, den wir vor wenigen Monaten eher in Rimini als irgendwo in Kanada verortet haben, ist ein Kind der Achtziger, gedanklich zumindest. Präsentiert sich auf seinem Remix für Alister Johnsons »Do it again« als Meisterschüler einer Klasse, in der die Lehrer Arthur Baker oder Jellybean Benitez hießen. Verzichtet direkt gleich auf die Vocals und setzt auf diesen unverkennbaren New Yorker Achtzigergroove, den man gemeinhin und ohne weitere Erklärungen zum »Dub-Mix« prämiert. Vollkommen frei von Etikettenschwindel, wo Dub-Mix draufsteht, da ist bei Jey auch Dub-Mix drin. Bleibt nur die Frage , warum solche bassgeschwängerten Feelgoodmonster immer nu im Winter erscheinen?

Alister Johnsons »Do It Again (Jex Opolis Dub Remix)« auf Soundcloud anhören

Tolouse Low Trax ist vielleicht der unterschätzeste DJ Deutschlands. Allein schon ihn auf FB abonniert zu haben garantiert wöchentlich neue Schätze in der Discogs Wantlist, aber nicht nur als Selektor ist der Düsseldorfer eine Ausnahmeerscheinung, auch seine sporadisch erscheinenden neuen 12 Inches sollten nicht ignoriert werden. »Kadiz« bewegt sich irgendwo an der Schnittstelle zwischen Zeitlupen-Techno, versspulter EMB und einem Güterzug, der aus dem letzten Loch pfeift. Repetitiv ist das, vollkommen autark und wie es sich für eine solche Geschichte gehört: streng limitiert und nur noch in einigen versprengten Special Interest Plattenläden zu bekommen, wenn überhaupt.

Tolouse Low Trax’ »Kadiz« auf Kunstkopf anhören

Das vielleicht schönste an der neuen Burial Maxi ist eigentlich wie sehr sie sein mehr als dankbares Publikum dazu zwingt sich irgendwie selbst dazu zu überreden, dass Speed Garage und Kirmestechno doch Cousins sind, Faithless’sche Synths doch nie ganz falsch waren und Burial mit ein paar Regentropfen und Kate Bush Samples selbst eine Gabber-Compilation eine verletzliche Seite verleihen würde. Hier passt nichts, aber auch gar nichts zusammen und trotzdem ist das geil und trotzdem ist das Burial.

Burials »Temple Sleeper« auf Soundcloud anhören