Zwölf Zehner – Februar 2012

07.03.2012
Willkommen im März. Doch vorher lassen Florian Aigner und Paul Okraj den Monat Februar musikalisch Revue passieren und destillieren in ihrer Kolumne Zwölf Zehner die wichtigsten zehn Tracks des Monats.

Ja, wir wiederholen uns. Neben Omar-S, der Future Times-Posse und The-Dream hat auch Funkineven mittlerweile ein Abo für diese Kolumne. Waren seine letzten hier masturbatorisch gefeierten Tracks meist rohe Acid-Jams, ist Chips allerdings eine etwas andere Baustelle. Klar, auch hier rumpeln die alten Drummachines, aber alles wird dominiert von diesem brillant extrahierten Sample der gleichnamigen TV-Serie, das Funkineven immer und immer wieder loopt, choppt, stoppt und damit ein bißchen so klingt, als hätte Gene Farris 1996 den Prog-Rocker in sich nicht weiter unterdrückt. Seit Monaten bereits in jedem Funkineven-Set gehört, verzweifelt darauf gewartet, jetzt endlich da – Okraj und Aigner freuen sich kollektiv einen Ast ab und werden in vier Wochen vermutlich auch nicht davor zurückschrecken Funkinevens Photomachine Remix an selber Stelle wieder ähnlich euphorisch zu besprechen. No escapin’ this, der Mann hat den Midas Touch momentan.

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Man darf feststellen: Aigner und Okraj sind ganz klare The-Dream-Fanboys. Egal, was der Mann in den letzten Monaten publiziert hat (neben den musikalischen Ergüssen auch die digitalen Identitäten bei Twitter oder Instagram) – wir fressen ihm aus der Hand. Teilt man diese Zuneigung zusätzlich noch in potenzierter Weise für ein purpurnes Genie aus Minneapolis, kommt es beim Erstgenuss von The-Dreams Kill the Lights gleich knüppeldick. Überall diese Prince-Referenzen! Dieses Downtempo! Diese bassreduzierte Spur! Die plötzlichen Breaks nach der Snare. Das Stimmarrangement. Und dieses Falsetto! Im Duett mit Casha führt man sich zurückversetzt in Zeiten purpurner Magie und schmachtvoller Liebesbekundungen von Darling Nikki, When 2 R In Love, If I Was Ur Girlfriend oder der Scandalous Sex Suite. Ob diese Verweise gewünscht sind, bewusst sind, originell sind? Das mag der Rezipient für sich selbst entscheiden. Für uns bleibt klar: We stay fans. Mehr denn je.

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Burial
Kindred EP
Hyperdub • 2012 • ab 16.99€
Da ist er wieder, unangekündigt, wie sich das seit dem DJ Kicks Fiasko so eingebürgert hat. Seit Untrue tausendfach kopiert, ist es für Will Bevan mittlerweile schwieriger geworden Burial zu sein. Jeder Track, ach, was sag ich, jeder Takt wird seziert, analysiert und an seinen karrieredefinierenden Werken gemessen. Radikale Neupositionierungen will keiner, Redundanz aber genau so wenig. Ashtray Wasp von seiner neuen, natürlich trotz all dieser unerfüllbaren Erwartungen großartigen neuen 3-Track EP für Hyperdub, schafft diesen Spagat vielleicht am besten. Der von einer durchgeravten Nacht übrig gebliebene, vertonte Tinitus, die melancholisch-romantische Trademark-Vocalsamples, die sphärischen Chords, die fordernderen, aber gleichzeitig subtilen Drums – Untrue, ich hör dir trappsen. Dennoch wirkt Burial hier gehetzter, die gesamten 11.45 Minuten sind von einer selbst für Burial ungewöhnlichen Unstetheit bestimmt, die sich im letzten Drittel in einer elegischen Koda auflöst, die eigentlich streng genommen ein vollkommen eigenständiger zweiter Tune ist. Er ist und bleibt konkurrenzlos auf seinem Gebiet, egal, was die Epigonen auch versuchen.

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Dieser wahnwitzige Marcus Mixx aus der Windy City hat sichtlich Spaß an dem, was er so tut. Dreht auf Special Creme den kurzen Bassloop bis zum Kompressoranschlag und knallt dann hinterrücks den Handclap so laut auf die Eins und die Drei, dass einem ganz Bange wird. Und überhaupt, dieser Bassloop: Läuft und läuft und läuft, überdauert den stets übersteuerten Klavierakkord und die kanonischen Esovocals, ehe er sich in der letzten Minute doch eine Ruhepause gönnt, den Track von seiner hypnotischen Wirkung loseist und ordentlich ungeschliffen zum Ende kommen lässt. Die Welt braucht mehr solcher Platten. Platten, die dermaßen unverkrampft aus der Hüfte schießen, anecken und auf die stets identischen Muster verzichten.

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Chromatics
In The City II
Italians Do It Better • 2010 • ab 20.99€
Das Timing hätte kaum besser sein können. Nicht dass sich das Italians-Do-It-Better-Camp in der Vergangenheit über einen Mangel an Hype hätte beklagen können, aber nun einige Monate nach der “Drive”-Manie endlich ein neues Album der Aushängeschilder in die Läden zu stellen, sollte sich auch monetär bemerkbar machen. Während Lady auf diesen patentierten Tiefkühltruhendisco-Charme setzte, der auch Desires verspäteten Hit Under My Spell zum integralen Teil der Gosling’schen Half John Wayne Half Rainman Show machte, ist Into The Black ein straightes Hipster-Pop-Cover eines Neil Young Klassikers, dessen Weisheiten (It’s better to burn out than to fade away) durch Ruth Rethelens Gesangsminimalismus noch viel trauriger wirken. Ach ja, Kollege Okraj hasst diese Band, aber wie sich das in Berlin in den letzten Wochen eingebürgert hat, versuchen wir es nun eben auch mal mit einer demokratischen Diktatur.

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Bintus
Corrosion Control
Power Vacuum • 2012 • ab 7.96€
Parallel zur Entstehungsgeschichte dieser Kolumne erschien ein packender Podcast des Mannes, um den sich dieser Text gleich dreht. Eine Stunde Tribut an Hardcore Raving zum Beginn der Neunziger, in dem verschiedene Einflüsse zwischen Quadrophonia, 808 State, Derrick May, Joey Beltram (danke dafür) und auch Westbam vereinigt werden. Analog, treibend, over the top und selbstverständlich wie der Kollege Aigner und ich es am liebsten haben: Ruff, rugged und raw.
Dass der für diesen aussergewöhnlichen Mix verantwortliche mysteriöse Bintus, der offenbar mit dieser Musik sozialisiert wurde, auch selbst seit 20 Jahren Musik produziert (soviel gibt die Recherche her), bei all diesen Einflüssen (und zumindest unter diesem Pseudonym) erst in diesem Jahr damit begonnen hat, diese auch auf das schwarze Gold zu verewigen, das stimmt ein wenig traurig. Denn Corrosion Control ist ein nur so vor Energie strotzender Acid-House-Jam, der diese unwiderstehlichen tiefen Frequenzen herrlich unaufgeregt in den Vordergrund rückt und völlig nüchtern nach vorne presst. Seht her, ich mache Acid, der auch so klingt und mit der ersten Bassline die Assoziationskette zu schwefelnder Säure herstellt. Acid ist, auch 25 Jahre nach seiner Entstehung nicht totzukriegen. Hell yeah, und das ist auch gut so.

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Dieses Toronto scheint derzeit eine nie versiegende Quelle für vielversprechende Talente zu sein. Nun gut, der Hybris möchte ich jetzt wirklich nicht unterliegen und diesen jungen selbsternannten Dream-Pop-Künstler auf eine Stufe mit Drake oder The Weeknd hieven, aber zumindest aus dem beschaulichen Metropölchen aus Ontario kommt er schon mal. Berührungsängte, sein Innerstes in Songinhalt transparent nach aussen zu kehren, scheinen ihm auch fremd zu sein. Anders ist es nicht zu erklären, warum Western Walk mit Channel Twenty ausgerechnet einer der käsigsten (aber sie berührt einen ja doch) Hitsingles der Achtziger-Jahre Tribut zollt. Sein Edit von Sandras Maria Magdalena (nebenbei erwähnt nicht nur eine der käsigsten, sondern auch eine der erfolgreichsten Singles der Achtziger Jahre) konzentriert sich auf die einprägsame Melodie des Originals, die gebettet in ein äußerst filigranes Drumkit zu neuem Glanze geführt wird. Dank der feudalen Bassline und der vielen Halleffekte funktioniert der Song gleichermaßen in der Pop- wie auch der Cosmic-Disco. Mal sehen, welcher Realkeeper im Sommer die Eier hat, auf Channel Twenty einfach mal loszulassen. Denn ein Hit wird das gewiss.

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Es ist schon verwunderlich wie gut Shlohmos zäher Downtempo-Sound im Remixformat funktioniert, während viele seiner Solostücke seltsam leer und unspektakulär wirken. Gebt dem Mann aber eine Ische, die sich auf The Weeknds Keyboard die Nase pudert und einen Drake, der nie herausfinden wird, wohin einen Harvard bringen kann und auf einmal macht das alles Sinn. Auf dem nächsten Drizzy Album dann bitte mit Lohnarbeit, er hat es sich verdient, dieser Shlohmo. Und danach dann der große Gucci ‘n’ Waka-Takeover.

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Bei allen Lobhuldigungen, die wir in dieser Kolumne bereits auf Omar-S angestimmt haben, überrascht uns unser Liebling aus der Motor City immer wieder aufs neuste. War ja irgendwie klar, dass er neben drückenden, synthdominierten psychotischen oder trancigen Housekonstrukten auch die gute alte Vocal-Schule versteht. Blickt man auf die wenigen bislang erschienenden Mixe, aber auch Interviews des Mannes zurück, wird einem jedoch schnell klar: he did that too. New York, New Jersey, Masters At Work oder MK, you name it. Und apropos MK: Omar-S war es, der vergangenes Jahr mit der Wiederveröffentlichung von Given sich des Werks des Altmeisters annahm, ehe dieser von der Dancemanufaktur Defected auf die dunkle Seite gezogen wurde.
Doch zurück zum Track. Omar-S’ Detroit-Mix von Tonite, der ersten Single von Aaron ‘Fit’ Siegel, überzeugt mit einer strukturierten, unaufdringlichen Percussion (nun gut, die Hi-Hats drücken ordentlich), dezent zurückgenommener Synth (dabei wissen wir: sein Markenzeichen!) und gekonnt in den Vordergrund akzentuierter Klavierakkorden. Und ja das Vocal, davon gibts in der House Music doch momentan nachwievor zu wenig. Nächster Monat nächster Hit.

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Während sich der Rap-Nachwuchs momentan bevorzugt an Screws Kodein-Blaupausen abarbeitet oder in New Jersey vor Clams Casinos Wohnungstür kampiert, lässt ein gewisser SL Jones auf Actin Bad Just Blaze um die Jahrtausendwende zitieren, inklusive Breathe-Gedächtnispiano. Dazu ein pflichtbewusst gescrewtes Vocal des großen Project Pat, ein Impala-lastiges Video und eine herzliche Einladung Jonesy doch an der Tankstelle die Hand zu schütteln, fertig ist eine waschechte Frühjahrshymne.

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